Zwischen Stigma und Selbstbestimmung

Dieses Impulsreferat hielt ich im Rahmen der Veranstaltung „Zwischen Stigma und Selbstbestimmung“ am 31. Oktober 2013 in der KHG. Die Podiumsdiskussion mit Raim Schobesberger (Verein Phurdo Salzburg) und Andrea Härle (Romano Centro) unter der Moderation von Günther Marchner (Plattform Menschenrechte) fand im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals Roma Vide_o_drom II in der KHG Salzburg statt.

Wir erinnern uns: in der Nacht vom 2. auf den 3. September 2013 wurde eine Gruppe von Roma, die in Bischofshofen nahe der Sprungschanze campierten, von einer Gruppe von Jugendlichen eingeschüchtert. Fahrzeuge wurden beschädigt, rassistische Beschimpfungen ausgestoßen – in weiterer Folge kam es zu hitzigen Wortgefechten.

Man hatte sich über Facebook zum „Zigeuner-Bashing“ verabredet. Unter den Postings las man Sätze wie „„Mauthausen als neuer Campingplatz für solche Leute?“ und die Forderung nach einer „Endlösung“.

Einige Tage zuvor gab es bereits eine Auseinandersetzung mit einem Landwirt, auf dessen Wiese die Gruppe von Roma campierte. Der Landwirt hatte – so die Medienberichte – eigentlich das Campieren verboten und bat öffentlich auf Facebook um Hilfe – auch hier las man wieder entsprechende Kommentare. Die Situation eskalierte, der Landwirt fuhr in unmittelbarer Nähe der Campierenden Gülle aus, es kam zum Streit und gegenseitiger Provokation. Die Gruppe von Roma bezahlte für entstandenen Schaden und zog weiter nach Bischofshofen.

Versuchen wir, dieses exemplarische Beispiel aufzudröseln und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Die Frage nach eigenen Durchzugsplätzen für Fahrende wird gerade in Salzburg diskutiert. Die Erfahrungen von Gemeinden, die bereits derartige Plätze anbieten, sind durchwegs positiv und eine WIN-WIN-Situation für alle Beteiligten. Doch würde allein das Angebot derartiger Durchreiseplätze derartige Konflikte verhindern? Vermutlich nicht.

Wesentliches Element derartiger Eskalationen sind tief sitzende Ängste und Vorurteile innerhalb eines großen Teils der Bevölkerung und mangelnde öffentliche Auseinandersetzung und Vertiefung einer Beschäftigung mit Problemlagen.
Ob Roma aus Ungarn, österreichische Sinti oder schwedische Kalderasch: in der höchste emotional geführten Diskussion sind’s die „vagabundierenden, arbeitsscheuen und zwielichtigen Zigeuner“, denen man grundsätzlich mit Misstrauen begegnen sollte. Jahrhundertealte Vorurteile werden wieder aufgewärmt: jüngst in dem Vorwurf, eine griechische Roma-Familie hätte ein Kind gestohlen. Einziger Anhaltspunkt: das Kind war blond und hellhäutig – es könne also nicht aus einer Roma-Familie stammen. Fließend sind hier die Übergänge zu biologistischen Vorstellungen eines dunklen Kapitels der europäischen Geschichte.

Zurück zum Konflikt zwischen Antheringer Landwirt und den Campierenden. Bemühen wir uns um ein Gedankenexperiment: nehmen wir an, eine gleich große Nicht-Roma-Gruppe hätte auf der Wiese campiert? Wäre der Skandal ein gleich großer gewesen? Hätte die Auseinandersetzung es in gleichem Maße in die Medien geschafft? Wäre die Resonanz auf den Facebook-Aufruf des Landwirtes eine ebenso heftige gewesen?

Im weiteren Verlauf der Ereignisse war die Reaktion der Jugendlichen in Bischofshofen auf die Gruppe von Roma eine nur allzu logische Konsequenz. Aufgeheizt durch den zum Zeitpunkt der Weiterreise massiv emotionalisierten, bisweilen hasserfüllten Diskurs, spielte auch die Tatsache, dass es eine Erlaubnis durch die Gemeinde gab, in der Hetze keine Rolle mehr. Jene, die meinten, gegen die Durchreisenden mobilisieren zu müssen – damit meine ich jetzt nicht nur die 20 Jugendlichen, sondern auch jene, die sich in Internetforen oder am kommunalpolitischen Podium äußerten – trugen dazu bei, dass es hier nicht in erster um die Frage ging „Ja dürfen die denn dort campieren?“, sondern schon um die Beantwortung: „Sie dürfen dort nicht campieren, weil sie Roma sind.“

Das Phänomen des „pars pro toto“ gemischt mit den schon angesprochenen ewigen Vorurteilen ist meiner Ansicht nach des Pudels Kern. Ich möchte das gerne anhand eines Beispiels konkretisieren:
In der Zeitung steht: griechische Roma-Familie stiehlt Kind. Ohne dies kritisch zu hinterfragen, wird diese Annahme als wahr akzeptiert. In weiterer Folge wird dieser Fall stellvertretend dafür verwendet, allen Roma Kinderdiebstahl zu unterstellen. Dieses Prinzip funktioniert jedoch nicht nur in diese Richtung, sondern trägt mitunter dazu bei, dass sich bis heute romantische Klischees à la Carmen halten. Roma seien alle wanderlustig, gute Musiker, tanzen gerne, tragen bunte Kleidung und Goldschmuck und feiern abends am Lagerfeuer. Romantische Klischees und positive Vorurteile können jedoch ebenso gefährlich sein, wenn sie kippen. Verhalten sich Roma nicht so, wie man es von ihnen im Sinne des vorgefertigten Bildes erwartet, hat man es „im Geheimen ja immer schon gewusst, dass die sich eigentlich nicht anpassen wollen.“

Ähnlich verläuft auch die Diskussion rund ums Betteln, die ja besonders Salzburg in den letzten Monaten immer wieder beschäftigt. Auch hier ist ein ähnliches Phänomen der Mutwilligkeit in der öffentlichen Diskussion zu beobachten. Die Begriffe „Roma“ und „Bettler“ werden als Synonyme verwendet und wild miteinander vermischt. Sprachliche Ungenauigkeit gepaart mit starken negativen Emotionen verhindert es, dass Roma anders gesehen werden denn als von Armut betroffene anonyme Masse, die unseren Wohlstand bedroht. Alle Roma sind Bettler, alle Bettler sind Roma. All dem ist gemein, dass die Möglichkeit, mit beiden ein persönliches Gespräch zu suchen, uns am allerwenigsten in den Sinn kommt.

Das Friedensbüro beschäftigt sich derzeit sehr intensiv mit unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Prozessen in Ungarn – unter anderem auch mit der Situation der ungarischen Roma. In Ungarn ist man  bereits über das Stadium der Diskriminierung weit hinaus. Faschistische Garden, die in der Tradition der Pfeilkreuzler stehen und der ungarischen Partei „Jobbik“ angehören, marschieren durch Roma-Viertel und Dörfer, schüchtern die dort Lebenden ein und töten. 62% der UngarInnen geben an, sie hielten Roma für „kriminell veranlagt“. Würde man hierzulande eine ähnliche Umfrage durchführen, würde das Ergebnis vermutlich ähnlich ausfallen. Der wesentliche Unterschied ist, dass die ungarische Regierung Ghettoisierung und Stigmatisierung der ungarischen Roma billigt, bisweilen durch Maßnahmen wie zwangsweise gemeinnützige Arbeit sogar fördert.
Das Bild in den Köpfen der Menschen, wie Roma zu sein haben, führt dazu, dass es den unterschiedlichen und vielfältigen Gruppen von Roma, Sinti, Manouches, Calais verständlicherweise beinahe unmöglich ist, aus diesen negativen wie romantisierenden Vorurteilen herauszutreten, eigene Wege und Strategien zu entwickeln und die Wahl zu treffen: „Will ich mich zu diesem Teil meiner Identität öffentlich bekennen oder nicht?“

Nun stellt sich Frage: Wie kann man Unterstützung geben, ohne ebenfalls Vorurteile zu bedienen oder diese vielleicht sogar noch zu verstärken? 
Ich glaube, dass eine Selbstvertretung immer noch der beste Weg ist. Als Gadscho, als Nicht-Rom, muss es Aufgabe sein, nachhaltig dort Unterstützung zu geben, wo sie tatsächlich gebraucht wird, ohne die eigenen Vorstellungen zu überhöhen. Hauptverantwortung muss sein, im täglichen Diskurs mit Stereotypen zu brechen und mit Selbstvertretern auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, nicht über die Köpfe der Roma und ihre Anliegen hinweg. Teil davon ist es, auch bestehende oder vergangene Konflikte zu thematisieren, Bedürfnisse zu klären und beiderseitige sowie gemeinsame Anliegen zu verhandeln.

Des Öfteren hört man die wohlmeinende Forderung, den Roma – auch hier haben wir wieder das anonyme Kollektiv – müsse geholfen werden, allerdings solle das schön in ihren Heimatländern passieren, weit weg von Österreich. Diese Forderung mit dem Unterton des entwicklungshelferischen Anspruchs entspricht dem gängigen Bild von Hilfe, wie es schon zu Zeiten der Kampagne „Nachbar in Not“ verstanden wurde: man schickt Geld und Hilfsgüter in die betroffene Region und gut ist. Bedürfnisse zu klären, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass Geld und Lebensmittel allein die Tatsache jahrhundertealter Diskriminierungspolitik nicht lösen können – so weit reicht größtenteils das öffentliche Verständnis nicht.

Dieser Impuls ist nur ein kleiner Teil eines Prozesses, der noch lange dauern wird, jedoch am Ende des Tages hoffentlich dazu beiträgt, aus dem „Ich oder der Andere“ ein „Wir“ zu machen.

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