Ein Stinkefinger für die Armen

Eine Szene in einer österreichischen Stadt, die sich als Ort der Hochkultur begreift und ihren Status als Weltkulturerbe nur allzu gerne hervorhebt: Eine Bettlerin sitzt auf dem Boden eines Steges, der über den Hauptfluss der Stadt führt. Rundherum ziehen Shoppingwütige vorbei, andere sind auf dem Weg zu den diversen Christkindlmärkten oder hetzen zum nächsten Termin respektive Weihnachtsfeier.
Die Bettlerin spricht nicht, bittet stumm um ein paar Cent  – wenn man in besonderer Feiertagslaune ist, gibt man ja vielleicht sogar mal einen Euro oder zwei im Sinne der weihnachtlich-christlichen Nächstenliebe. Lautes Ansprechen der zu Hunderten vorbeiströmenden PassantInnen könnte ihr ja als „aggressives Betteln“ ausgelegt werden. Da bleibt sie lieber stumm. Man kann ja nie wissen, an wen man gerät.
Eine teuer gekleidete Dame stöckelt den Steg entlang, kommt schließlich auch bei der Bettlerin an. Die Frau bleibt stehen und streckt der am Boden Sitzenden – reichlich undamenhaft – mit böser Miene den erhobenen Mittelfinger entgegen. Die Szene dauert wenige Sekunden. Die Dame packt ihren Mittelfinger wieder ein und geht weiter. Die Bettlerin weint.
Keine fiktive Geschichte – auch wenn man sich’s wünschen würde. Was bewegt jemand zumindest nach außen hin gut situiert Erscheinenden, sich gegenüber eines Menschen, der lediglich um eine kleine Geldgabe oder zumindest um Aufmerksamkeit, ein nettes Wort oder schlichtes Wahrgenommen-Werden bittet, derartig menschenunwürdig zu verhalten? Ist es der Weihnachtsstress – das Hetzen nach den letzten originellen Geschenken, die dann unter vielen „Aaaahs“ und „Oooohs“ unter dem reich geschmückten Weihnachtsbaum ausgepackt werden, bevor man sie ein paar Tage später wieder umtauscht oder ins hinterste Eck des Schrankes verräumt? Ist es der Stress in ihrem Alltag, der diese Frau so aggressiv werden ließ? Oder ist es nicht vielleicht doch die Reaktion dieser „Dame“ auf die Armut dieser Frau, die ihr die Feiertagsstimmung und die gute Laune verhagelt hat? Egal, was es war, das dazu geführt hat, der Bettlerin ihren manikürten Mittelfinger vor die Nase zu halten: es war eine Kränkung, die an sich schon schlimm genug ist. Noch verheerender wird die Geste allerdings dann, wenn man – vermutlich weit weg von Heimat und Familie – in der Kälte auf dem Boden hocken muss, während der personifizierte Reichtum (und für die Bettlerin sind selbst jene von uns, die alles andere als GroßverdienerInnen sind, noch immer vom Luxus verwöhnt) an einem vorbeistiefelt und größtenteils ignoriert.
Ich möchte ein Gedankenexperiment wagen: Gleiche Situation – doch die Dame stöckelt stinkefingerlos an der Bettlerin vorbei. Die Bettlerin – der Ignoranz überdrüssig – zeigt der Vorbeigehenden den erhobenen Mittelfinger. Und nun?

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