Wegschauen – das Maß aller Dinge? Oder: Was niemanden zu interessieren scheint

Andreas Mölzer spricht in einer Puls4-Diskussion zu Dora Schimanko – er spricht ihr seinen Respekt aus. Im gleichen Atemzug straft er diesen vermeintlichen Respekt Lügen. Mölzer sagt, Hitler habe die Burschenschaften verboten. Was er – unausgesprochen – meint, ist: auch die Burschenschaften waren Opfer. Dass diese Behauptung unhaltbar ist, wissen jene, die sich abseits der burschenschaftlichen Geschichtsschreibung mit der deutschnationalen Tradition und deren Verbindung mit dem NS-Regime auseinandersetzen (mehr Infos zum historischen Kontext findet ihr hier).
Was in diesen Tagen in Österreich passiert, übersteigt selbst die kühnsten Alpträume: Andreas Mölzer spricht von „anständigen Bürgern, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen“, die am 24. Jänner 2014 in der Hofburg tanzten. Dass da auch der eine oder andere verurteilte Holocaustleugner dabei war, wird mit einer Nonchalance unter den Teppich gekehrt, die einem Land, das neben Deutschland die Hauptverantwortung an Verfolgung und Mord trug und die Verpflichtung hätte, bis heute und in Zukunft die Verantwortung für das „Niemals wieder!“ zu übernehmen, gelinde gesagt unwürdig ist.
Das mit anzusehen tut unwahrscheinlich weh. Es schmerzt, dass Dora Schimanko und jene wenigen Überlebenden, die sich beharrlich und vehement für ein „Nie wieder!“ einsetzen, sich derartige Konfrontationen und Beleidigungen antun lassen müssen. Beinahe noch mehr schmerzt, dass dieses ewige Bagatellisieren, Schönreden und Verharmlosen einer Partei, die immer unverhohlener mit europäischen Rechtsextremen sympathisiert, von breiten Teilen der Bevölkerung hingenommen und von gut einem Drittel am Wahltag mit einem Kreuzchen am Stimmzettel gut geheißen und unterstützt wird. Vor diesem Hintergrund verkommt das „Nie wieder!“ zu einer hohlen Floskel, zu etwas Dahingesagtem, das sich bei Gedenkveranstaltungen halt „so gehört“. Außerhalb des Gedenkrituals wird sowohl von der politischen Spitze als auch von Herrn und Frau ÖsterreicherIn geschwiegen. Man schweigt, wenn rassistische und menschenverachtende Parolen im Alltag, auf der Straße und in diversen Wahlkämpfen gedroschen werden. Und jedes einzelne Mal, wo weggeschaut wird, gewinnen völkischer Nationalismus und Rassismus wieder eine paar Zentimeter an gesellschaftlicher Akzeptanz auf dem Weg zu ihrem Ziel – nämlich salonfähig zu werden und als Mehrheitsmeinung zu gelten – dazu. Jedes Mal, wo die mehr als 180 Menschen, die von Rechtsextremen allein seit 1990 im deutschsprachigen Raum getötet wurden, verschwiegen und als Opfer von „Raufereien zwischen Jugendlichen“ tituliert werden, erobern sich jene ihren Platz auf dem gesellschaftlichen und politischen Parkett, die jedes Jahr auf’s Neue über das Parkett der Hofburg tanzen.
8000 Menschen gingen auf die Straße, um genau dagegen zu protestieren. Ein Bruchteil davon meinten, die Methode des Protestes sei Gewalt. Doch Gewalt kann und darf nicht mit Gewalt begegnet werden, weil die Spirale unweigerlich nach unten führt (das sei übrigens auch der Polizeiführung auf zukünftige Einsatzwege mitgegeben). „Dort unten“ finden sich weder Demokratie noch Toleranz und Menschenwürde. Schaufenster einzuschlagen kann und darf nicht die Lösung sein – Gewalt verstellt den Blick auf’s Wesentliche. Auf das Eigentum anderer hinzutreten ist nicht ansatzweise so schlimm, wie auf andere Menschen los zu gehen (das sei vor allem jenen vor Augen geführt, die „Eigentum“ als das Maß aller Dinge erachten und vergessen, dass es Wichtigeres gibt) – doch es führt unweigerlich in eine moralische und diskursive Sackgasse.
Hinzu kommt: der unsäglich geführte, bedingt hilfreiche und schlecht moderierte Diskurs über eingeschlagene Schaufenster verstellt den Blick auf die Millionen Menschen, die in der Vergangenheit für den rassistischen und elitären Wahn mit ihrem Leben bezahlen mussten. Er verstellt den Blick auf die 7900, die friedlich demonstrierten. Und dafür liegt die Verantwortung nicht bei denen, die Böller zündeten und Mistkübel umwarfen, sondern bei uns allen.

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