Nach dem 8. März

Weltfrauentag, der 8. März. Eine Halle voller Frauen unterschiedlichen Alters – einige wenige Männer sind auch dabei. Andrea Ypsilanti betritt das Podium – ihr Referat ist packend, motivierend, unkonventionell. Mit ungewöhnlich klaren Worten spricht sie Probleme an, die die Frauen seit Jahrzehnten begleiten: ungleiche Bezahlung, mangelnde Angebote bei der Kinderbetreuung, fehlende Anerkennung für unbezahlte Leistungen, die tagtäglich von Frauen geleistet und weder anerkannt noch bezahlt werden.
Die Forderungen der heutigen Frauenbewegung unterscheiden sich wenig von jenen der Frauenbewegung der 1920er Jahre. Doch was sagt uns das? Dass sich seitdem nichts geändert hat? Natürlich gibt es Fortschritte. Natürlich konnten Frauen in sogenannten „Männerberufen“ mittlerweile Fuß fassen, werden anerkannt und gefördert.
Ein Tag vorher. Stammtischsituation. Ein Freund schildert eigene Erfahrungen: alle Personalchefs seien Frauen, Frauen würden bevorzugt, Diskriminierung von Frauen habe es nie gegeben. Der Frust ist groß. Hier klafft die Lücke zwischen persönlicher Erfahrung und den unwiderlegbaren Fakten: Frauen verdienen nach wie vor weniger und sind in Führungspositionen und bestimmten Gremien nach wie vor mit der Lupe zu suchen. Hier tut sich ein Dilemma auf, dem man nur schwer Herr (bzw. Frau) wird. Frau fragt sich, wie sie derartigen Vorwürfen entgegnen soll – und schweigt lieber. Vermutlich ist genau das das Problem. Das Schweigen und Dulden. Man denkt sich: Da kann ich sowieso nichts ausrichten. Unter Gleichgesinnten die Probleme aufzuzeigen ist gut und wichtig – nicht zuletzt, um sich bestärken und motivieren zu lassen. Letztlich ist es jedoch notwendig, derartige Stammtischargumente nicht auf sich sitzen zu lassen, sondern hier erst recht einzuhaken und nicht locker zu lassen. Hier geht es nicht darum, wer den Müll runterbringt oder das Geschirr spült. Es geht um faire Bedingungen für Männer wie Frauen.
Gegenwärtig gibt es eine Unzahl von hervorragend ausgebildeten Frauen, die gerne ihrer Erwerbsarbeit nachgehen und ihre Karriere genauso leidenschaftlich bestreiten wie die Erziehung und Förderung der Kinder. Es gibt eine Unzahl hervorragend ausgebildeter Männer, die sich nur allzu gerne die Betreuung der Kinder mit der Partnerin teilen würden. Beide stoßen zwangsweise zu irgendeinem Zeitpunkt an ihre Grenzen und die Grenzen der Vorgaben durch den Dienstgeber und mangelnde Betreuungseinrichtungen. Mit dem Resultat, dass einer der Partner – egal, ob Mann/Frau, Frau/Frau oder Mann/Mann – zurückstecken muss. Das alles unter der Prämisse, dass beide einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen und gut verdienen.
Sobald das Setting nicht optimal ist – weil alleinerziehend, schlecht ausgebildet, ohne familiäres Backup oder aufgrund sozialer Handicaps oder niedrigen Einkommens – wird die Situation noch prekärer.
Die Situation jener, die heute im richtigen Alter sind, um eine Familie zu gründen, ist gelinde gesagt herausfordernd. Teilzeitanstellungen, absolute zeitliche und örtliche Flexibilität und schlechte Bezahlung machen es schier unmöglich, ein geregeltes Familienleben aufzubauen. Die Benachteiligung von Frauen tut hier ihr Übriges. Die Diskrepanz zwischen dem, was ist und nicht sein darf, ist unüberschaubar groß. Der Glaube, dass – wenn das Kind dann einmal da ist – sich schon alles irgendwie ergeben wird, führt früher oder später in die Unzufriedenheit.
Mann und Frau müssen sich heute ernsthaft überlegen, was stärker ist: der Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung oder einer Familie mit Kindern. Wer beides möchte, riskiert Unzufriedenheit.

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2 Kommentare zu „Nach dem 8. März

  1. Hat dies auf Blog-bewegt! rebloggt und kommentierte:
    Ich freue mich über jeden Beitrag, der sich nicht nur mit e i n e m Kriterium auseinandersetzt und derart u.a. auch einen ‚Krieg der Geschlechter‘ inszeniert. Es geht um mehr und es gilt, a l l e gesellschaftlichen Faktoren zu sehen und in die Diskussion einzubeziehen. Eine Verengung der Thematik dient denjenigen, die Macht haben und diese in vielfältiger Weise ausnutzen bzw. ein großes Interesse daran haben, diese zu erhalten.

    Gefällt mir

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