8 Stunden Arbeitszeit? Theoretisch…

Die Empörung ob des kolportierten 12-Stunden-Arbeitszeitpakets ist verständlicherweise groß. Die Idee, in Ausnahmesituationen bzw. zu Produktionsspitzen „ausnahmsweise“ zwölf Stunden arbeiten zu lassen, ohne die Gesamtarbeitszeit zu erhöhen, hört sich an sich nicht so verkehrt an. Die große Frage ist, ob dies in der Realität auch so gehandhabt wird. Bereits jetzt werden mehrere Millionen (!!) unbezahlte Überstunden geleistet. Zu vermuten ist, dass diese unbezahlten Arbeitsstunden und der Zwang zu noch größerer Flexibilisierung durch die „ausnahmsweise-und-eh-echt-und-wirklich-nur-wenn’s-pressiert-zwölf-Stunden-Regelung“ eher noch ansteigen. Denn wenn der/die Arbeitnehmer_in schon mal einen Tag in der Woche zwölf Stunden in der Arbeit ist, dann soll er sich nicht beschweren, wenn er halt dann mal da und dort auch noch ein halbes Stündchen, Stündchen länger da bleibt. Fällt einem ja kein Stein aus der Krone, nicht wahr!?
Was von manchen in dieser Diskussion vollkommen verkannt wird: bereits jetzt gibt es viele Arbeitnehmer_innen, für die 12, 13, 14 Stunden Arbeit am Stück keineswegs etwas Neues sind: Gastronomie und Tourismus, Pflege- und Sozialbereich etc.
Der Erfahrungswert hier ist: gesetzliche Vorgaben – z.B. in Pflegeberufen – gibt es. Die Realität, was etwa Ruhezeiten zwischen zwei Diensten betrifft, sieht ganz anders aus.
Nächste Diskrepanz zwischen Wunschtraum vulgo gesetzlichen Vorgaben und Realität: man ist Teilzeit angestellt und arbeitet bisweilen das Doppelte an Wochenstunden. Um das Arbeitspensum überhaupt schaffen zu können, wird in der Nacht und am Wochenende das aufgearbeitet, was unter der Woche liegenbleibt – all dies unter der Prämisse der „Flexibilität“ und „Eigenverantwortung“. Auch diese Situation ist, besonders bei jungen ArbeitnehmerInnen, keine Seltenheit mehr. Die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit tut hier ihr Übriges. Möglichkeiten der Arbeitszeitkontrolle (im positiven Sinn, was z.B. die Einhaltung von Pausen betrifft) existieren vielleicht in mittleren und größeren Unternehmen. In genug anderen Bereichen kann getrickst werden – und wird auch getrickst.

Vor diesem Hintergrund schießt die Diskussion am Ziel massiv vorbei. Man eilt gehorsam voraus, statt sich den ungeschönten „Ist-Zustand“ anzuschauen. Dieser ungeschönte Ist-Zustand erklärt, warum immer mehr regelrecht ausbrennen, zwischen Beruf und Familie hin- und herhetzen, die Doktrin der Flexibilität die Gesundheit auffrisst und am Ende des Geldes schließlich trotzdem immer noch viel zu viel Monat übrig ist. Die Debatte um den 12-Stunden-Arbeitstag kommt zehn Jahre zu spät und wird derzeit vor allem von jenen geführt, die die Realität – die Tatsache, dass der 12-Stunden-Arbeitstag für viele bereits Alltag ist – bis jetzt nicht anerkannt haben.

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