Von Reflexen und Verantwortung

Die Stimmung in der Bevölkerung scheint am Tiefpunkt angelangt. Politische Entscheidungen werden von vielen nicht mehr verstanden. Positive Entwicklungen im Kleinen werden weder kommuniziert noch wahrgenommen. Es überwiegen „Bad News“, man echauffiert sich über ArmutsmigrantInnen, über MigrantInnen im Allgemeinen, „Linkslinke Gutmenschen“ – kurz: die Feindbilder sind vielfältig. Auf rechtsextreme Schmierereien wird mit Empörung reagiert – jedoch vor allem in Richtung der „linkslinken Jagdgesellschaft“. Die Forderung „man wird ja wohl noch sagen dürfen“ ist allgegenwärtig. Dass es auch bei der Meinungsfreiheit Grenzen gibt, vor allem, wenn volksverhetzende und diskriminierende Äußerungen getätigt werden, wird negiert. Österreich wird als „Meinungsdiktatur“ bezeichnet, Verschwörungen gegen den „kleinen Mann“ werden gewittert. Keine neue Entwicklung übrigens. Sieht man in die Geschichte Österreichs, so sind diese Mechanismen gewissermaßen ein alter Hut. In Krisenzeiten werden regierende Parteien, Parlamentarismus und Minderheitenrechte in Frage gestellt, Sündenböcke werden gesucht und gefunden. Und schließlich kommt die Reflexionsfähigkeit vollkommen abhanden. In Rundumschlägen wird alles verteufelt, was nicht „das Eigene“ ist, sondern als „das Fremde, das Andere“ angesehen wird. Die Meinungsfreiheit wird gefordert und zugleich anderen abgesprochen, Nationalismen reaktiviert, für komplexe Probleme werden vermeintlich einfache Lösungen gesucht.
Auf der anderen Seite jenen, die diese Haltung vertreten, in Schimpftiraden einstimmen, ihr Kreuzerl bei der FPÖ machen und verbale Rundumschläge austeilen, die Verantwortung dafür abzusprechen und sie als frustriertes, ungebildetes Stimmvieh abzukanzeln, ist nicht der richtige Weg. Dadurch lehnt man die Verantwortung und das Ernst-Nehmen jener, die derartige Aussagen tätigen, schlichtweg ab und treibt sie erst recht in die Arme der Populisten. Natürlich hat dieses Ernst-Nehmen auch seine Grenzen. Dialog, Diskurs und Meinungsbildung dauern lange und sind oft mühsam, sind bisweilen zermürbend und frustrierend. Bisweilen muss man einige Schritte zurückgehen, um das Ziel zu erreichen. Es wird auch immer wieder Menschen geben, die sich trotz aller Angebote nicht auf einen Diskurs einlassen und ihr verfestigtes Weltbild weiterhin pflegen. Hier wird’s schwierig. Nichtsdestotrotz gibt es ungleich mehr, bei denen Ablehnung und Hass vor allem aus der Unsicherheit heraus entstehen. Hier funktioniert der belehrende, erhobene Zeigefinger nur bedingt. Zuzuhören, aufzuklären und behutsam dagegenzuhalten und sich durch Stammtischargumente nicht provozieren zu lassen bringt uns hier auf alle Fälle besser voran. Funktioniert auch das nicht, hat man immer noch die Möglichkeit, das Gespräch abzubrechen – eine Handlung, die beim Gegenüber Irritation erzeugt und in manchen Situationen vielleicht sogar die Tür zu einem Umdenken einen Spalt breit öffnet.

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