Offener Brief an Ingrid Thurnher | IM ZENTRUM Bettelarm!

Sehr geehrte Frau Thurnher!

Prinzipiell ist in keinster Weise etwas dagegen einzuwenden, dass sich die mediale Öffentlichkeit kritisch mit dem Thema „Betteln“ auseinandersetzt. Die – soweit mir bekannt ist – vorläufig verschobene IM ZENTRUM-Ausgabe zum Thema „Betteln“ präsentiert allerdings ein Podium, das eine profunde (auch wissenschaftliche) Expertise vermissen lässt. Mit Gerald Tatzgern und Norbert Ceipek sitzen hier zwei Personen am Podium, die sich in erster Linie mit Menschenhandel beschäftigen. Allein schon dadurch wird suggeriert, dass Betteln und Menschenhandel zusammengehören – eine fatale und auf die Bestätigung der Mehrheitsmeinung abzielende Gleichsetzung zweier unterschiedlicher Problemstellungen. Eduard Mainoni ist Geschäftsmann (was alleine noch nicht dazu ausreicht, zu diesem Thema auf einem Podium Platz zu nehmen) in Salzburg, der im vergangenen Wahlkampf vor allem durch nicht nachweisbare Behauptungen von „Bettlerbanden“ glänzte – jedoch von einer Expertise weit entfernt ist, sondern vor allem emotional in die Debatte geht. Und gerade bei dieser schon ausreichend emotional geführten Diskussion führt dies maximal dazu, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.
Dass zwei Teilnehmer aus dem Bereich der karitativen Betreuung kommen, ist wichtig und unbedingt notwendig. Wenngleich diese Auswahl der historischen und längst überholten eindimensionalen Sicht der Armenversorgung durch karitative Organisationen entspricht (deren Arbeit natürlich nicht wichtig und hoch genug eingeschätzt werden kann – von ihren unschätzbaren und kostbaren Erfahrungen ganz zu schweigen), Was allerdings komplett fehlt, ist eine wissenschaftliche Expertise, welche die Debatte wieder auf eine sachliche Ebene bringen könnte – ebenso ist kein Sprecher (ein Beispiel wäre Ulli Gladik) einer Bettlerlobby eingeladen. Gleichsam existieren „Good Practice“-Projekte, die es wert wären, dem ORF-Publikum nähergebracht zu werden. Und nicht zuletzt wäre es endlich einmal an der Zeit, nicht immer nur über, sondern mit BettlerInnen zu sprechen und sie in die Diskussion mit hereinzuholen. Auch und gerade vor einer breiten Öffentlichkeit vor dem heimischen Fernseher.
Dass dieser konstruktive Dialog funktioniert, beweist die Tagung „Betteln. Eine Herausforderung“ von Friedensbüro Salzburg und St. Virgil gemeinsam mit einer Vielzahl von Institutionen, wo sämtliche AkteurInnen (von Wissenschaft über Politik, NGOs, Medien und Polizei bis hin zu BettlerInnen selbst) versuchten, einen konstruktiven Dialog zu führen – abseits von Polemik und dem Prinzip „Betteln = Roma-Problem = kriminell“.
Im Sinne einer gewinnbringenden Diskussion bitte ich Sie, die Podiumsbesetzung noch einmal zu überdenken. Die derzeitige Stimmung in der Bevölkerung benötigt eine konstruktive Aufklärung und Bearbeitung des Themas. 

Mit freundlichen Grüßen
Kathrin Quatember

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