Wenn der Postmann zweimal klingelt

Ich behaupte ja von mir gerne, ein humorvoller, bisweilen sarkastischer Mensch zu sein. Wenngleich ich mich nicht schnell erheitern lasse. Zugleich beschäftige ich mich gerne ernsthaft und in ständiger Selbstreflexion mit mehr als ernsthaften Themen. Wo mir – erlauchte/r Leser/in – allerdings beinahe vor Lachen das Kaffeehäferl aus der Hand gefallen ist, war der erste Artikel zu Finanzminister Spindeleggers Brief an betuchte ÖsterreicherInnen im Kurier. An sich ja nichts Verwerfliches, ein Brief, möchte man meinen. Ist doch schön, wenn man wichtig genug ist, dass man vom Finanzminister höchstpersönlich einen Brief bekommt. Als ich jedoch die Auszüge aus dem Brief las, kam mir zunehmend der Gedanke, dass mich das alles an eine Debatte in anderem Zusammenhang erinnert. Verehrte/r Leser/in, ob Sie’s glauben oder nicht – ich kam nicht dahinter. Phrasen wie „Bitte, der Herr“, „Bitte spenden Sie“, „Ich brauche Geld“ kamen mir in den Sinn. Ebenso kam mir die Reaktion der Briefempfänger/innen bekannt vor. So à la „Ja wenn’s das nicht wollen, was wir Ihnen geben, dann kriegen’s gar nix“. Und bei mir, beste/r Leser/in, fiel der Groschen!
Die Rolle des Bittenden kann vielfältig sein: still, zurückhaltend oder fordernd, offensiv. Ebenso die Reaktion des potenziellen Gebenden: verweigernd, hilfsbereit, ignorierend oder ebenso zurückhaltend. Na? Können Sie mir folgen?
Die Mechanismen, die hier ablaufen, sind exakt die gleichen wie in der momentan laufenden Bettlerdebatte. Eine kleine – zugegeben natürlich nicht als juristische Expertise (bin ja auch keine Juristin) und (nicht so ganz) ernst gemeinte (oder doch??) – Interpretation anhand des aktuellen Oö. Polizeistrafgesetzes (I. Abschnitt, §1a, Abs. 1):
Die Frage, die sich zuallererst stellt, ob die Bitte des Herrn Finanzministers als „aufdringlich“, gar als „aggressiv“ zu sehen ist, ist natürlich schwer zu beantworten. Da müsste man die Empfänger fragen. Oder sagen wir besser: den Angebettelten. Aus den Reaktionen kann man jedoch zumindest leichten Missmut herauslesen. Ebenso wie Passanten sich in unterschiedlichem Maße aufdringlich oder aggressiv angebettelt fühlen, wird das hier ähnlich gelagert sein. Dem/der einen ist’s „wurscht“, der/die andere fühlt sich belästigt. Zudem ist zwar nicht ein Brief durch mehrere Häuser gewandert (Kettenbrief war’s ja schließlich keiner), jedoch mehrere Briefe in die Briefkästen ausgewählter Haushalte. Aussuchen konnte man sich’s nicht, ob man um eine Spende angehauen wird oder nicht. Nun gut. Der letzte Punkt wird knifflig, weil’s um die „organisierte Gruppe“ geht. Ist damit jetzt die Regierung gemeint oder die ÖVP? Beide würde sich im Kontext des „um Geld bitten“ vermutlich heftigst dagegen wehren.
Soweit, so gut. Schreiten wir zur zentralen – nämlich höchst persönlichen und emotionalen – Dimension.
Finanzminister Spindelegger bittet um Spenden. Nicht für sich selbst, sondern für andere Organisationen. Das, was ihm angeboten wird, will er nicht, sondern er versucht, seine Interessen durchzusetzen und dabei das zu bekommen, was er – bzw. die Interessensgruppe, die hinter ihm steht – möchte. Er geht auf das, was ihm die Gebenden anbieten, nicht ein, sondern fordert im Gegenzug Geldspenden. Und dass das ganze per Postweg ablief und nicht persönlich, liegt vermutlich am übervollen Terminkalender des Finanzministers. So schlecht, dass man sich als Finanzminister das Porto nicht mehr leisten kann, geht’s dem Staate Österreich ja gottlob auch wieder nicht. Der/die geneigte Leser/in fragt sich jetzt vermutlich, was das Ganze soll. Betrachten wir das Ganze nicht von oben, sondern im wahrsten Sinne des Wortes „von unten“: BettlerInnen wirft man vor, sie würden Menschen belästigen. Bietet man ihnen ein Wurstsemmerl an, ist man erzürnt, wenn sie nicht das Semmerl, sondern Geld wollen. Es wird behauptet, sie würden nicht für sich, sondern für andere betteln. Man kritisiert, wenn sie sich organisieren und unterstellt ihnen damit automatisch einen kriminellen Hintergrund.
Liebe/r Leser/in! Zum Abschluss einige Denkanstöße, die ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte: Ist etwas besser, nur weil der, der es tut, der – im Ideologiesprech der ÖVP – Mittelschicht angehört und Regierungsmitglied ist? Ist es deswegen NICHT betteln, weil es auf Papier gedruckt ist und eine Briefmarke draufklebt? Wer hat die größere Wahlfreiheit in seinem/ihren Handeln – ein Finanzminister oder ein/e Bettler/in? Wessen Interessen sind moralisch gesehen „nobler“? Und was geschieht mit dem „Bettel“? Ist die Reaktion der zum Spenden Aufgerufenen so unterschiedlich? Und schlussendlich: wer hat ein größeres Recht, an die Mildtätigkeit anderer zu appellieren?
Vielleicht sollte ich jenen BettlerInnen, die ich persönlich kenne, vorschlagen, auf Postwurfsendungen samt Angabe einer Kontoverbindung umzusteigen. Das Porto zahl ich gerne.

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