Schwarz und Weiß – Ein Kommentar über Verantwortung

In Deutschland tritt ein CDU-Ratsherr wegen antisemitischer Äußerungen zurück, in Bischofshofen kommt es bei einem Spiel von OSC Lille gegen Maccabi Haifa zu einem Platzsturm, bei einer Support-Gaza-Demo in Göttingen kommt es zu Volksverhetzung, „Israel Kindermörder“ ist zu hören. Während einerseits der Antisemitismus als falsch verstandene und über alle Ziele 10406659_10152367233328591_1358850009139635618_nhinausschießende Israelkritik fröhliche Urständ feiert, tarnt sich massive Islamophobie vor allem in sozialen Netzwerk als Hamaskritik. Im besten Fall arg verkürzte, im schlimmsten Fall arg verhetzende Bilddarstellungen (siehe Abbildung) befördern islamophobe Tendenzen und vermitteln, alle Muslime seien potenzielle Terroristen.
Wer Israel kennt, weiß, dass es so einfach nicht ist. Weder unterstützen alle jüdischen Israeli die Militäroffensive Isreals in Gaza, noch sind alle muslimischen Israeli und Bewohner der palästinensischen Gebiete Unterstützer der Hamas oder potenzielle Terroristen. Europa macht es sich in diesem Konflikt unglaublich einfach. Großbritannien versprach Juden wie muslimischen Arabern einen eigenen Staat. Daneben war Palästina für einen Teil der wenigen Überlebenden der Shoa der einzige Fluchtpunkt. Unsere Verantwortung wäre schon allein aus der Geschichte heraus, eine differenzierte Position einzunehmen und nicht wieder in ein latentes Pro-Contra zu verfallen und zugleich die Seite, auf der man gerade nicht stehen will, durch Rassismen und das Heraufbeschwören alter Vorurteile und Stereotypen zu verfluchen.
Der Mensch strebt nach Simplifikationen. Am schönsten und einfachsten ist es, einen Schuldigen und ein Opfer benennen zu können. Alle dazwischenliegenden Grautöne werden ignoriert – eine unglaublich gefährliche Denkweise und schlicht und ergreifend populistisch.

Liebe LeserInnen, ich lade euch zu einer Reise ein. Die Reise führt uns zuerst auf die Birzeit University in Ramallah. StudentInnen erzählen von Schikanen an den Checkpoints. Manche benötigen für die Anfahrt zur Uni aufgrund der Kontrollen mehrere Stunden. Man wird gefragt, was man dagegen unternehmen will. Man schweigt. Die Überforderung ist groß. Ortswechsel. Spaziergang am Strand von Tel Aviv Richtung Jaffa. Es ist ein schöner Tag – sonnig, heiß, am Strand spielen Kinder. Man kommt zu einem ausgebrannten Gebäude – eine ehemalige Diskothek. 2001 kamen bei einem Selbstmordanschlag 17 Jugendliche ums Leben, 90 wurden zum Teil schwer verletzt. Das Gebäude steht unverändert da. Man wird sich bewusst, dass hier Geschichte, Konflikt, Krieg, nichts Historisches sind, sondern ein Teil des Alltags. Zugleich wird einem klar, dass es unmöglich ist, eine Seite zu wählen. Es ist unbequem und man ist überfordert.
In einem Streitgespräch mit einem Israeli wurde mir sinngemäß gesagt: „Du lebst auf einer Insel der Seligen. Du fährst wieder nach Hause und kannst in Frieden leben. In Be’er Sheva sind wir tagtäglich mit Raketenangriffen konfrontiert. Was tust du dagegen?“ Ich hatte keine Antwort. Weil Amos – so der Name meines Freundes – Recht hatte.

Keine Antwort zu haben macht hilflos. Es vergegenwärtigt, dass es es Situationen, Probleme gibt, die nicht von heute auf morgen zu lösen sind. Auch, wenn wir es uns noch so sehr wünschen. Die Forderung, dass entweder jüdische Israeli oder Muslime einfach „weg gehören“, ist unmenschlich und zutiefst verachtenswert. Es stellt sich die Frage, wer mehr Anrecht auf dieses Land hat. Aus der Geschichte heraus muss gesagt werden: beide oder niemand. Es gibt einen Status Quo, der nicht aufgehoben werden kann. Dennoch haben alle artikulierten Interessen und Meinungen ihre Berechtigung – und genau das macht die ganze Sache so verfahren. Doch eine Forderung kann ohne Bedenken ausgesprochen werden: beide verdienen einen eigenen Staat. Gestritten wird um die Grenzen.
Extremismus ist nie ein Ausweg. Unsere eigene Geschichte hat uns dies mehrfach gelehrt. Genau aus diesem Grund sollten wir sehr vorsichtig damit sein, selbst extreme Haltungen einzunehmen. Es ist beschämend, dass manche PolitikerInnen Vorurteile gegen Juden wie Muslime befeuern, anstatt gegen Rassismen und alte Vorurteile aktiv anzukämpfen. Juden und Muslime der Diaspora in Frankreich, Deutschland und Österreich (und vielen anderen Ländern dieser Welt) werden verantwortlich gemacht für eine verfehlte Politik im Nahostkonflikt, die zurecht kritisiert werden kann und darf – jedoch nicht auf Basis der Annahme „alle Juden/Muslime sind gleich“. Eben derartige Haltungen haben die größten Katastrophen der Menschheit verursacht. Es ist eine Überheblichkeit derjenigen, die in ihrem Alltag nicht beeinträchtigt, in ihrer Freiheit nicht beschränkt werden. Statt Überheblichkeit zu zeigen, sollten wir uns vielmehr in Demut unserer eigenen Geschichte und Verantwortung üben und in erster Linie nachdenken, bevor wir über Facebook, Twitter und Co. Botschaften hinausposaunen, die zur Klärung des Konflikts genau gar nicht beitragen sondern eher dabei helfen, Feindbilder bei jenen, die Sündenböcke suchen, noch zu verstärken.

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