Ein Verlust

Die Frage, ob ein weiterer Nachruf auf Barbara Prammer sinnvoll ist, habe ich mir in den letzten Tagen mehrfach gestellt. Ich habe lange darüber nachgedacht und mich schlussendlich dafür entschieden. Nicht zuletzt deswegen, weil sie einer der Mitgründe war, warum ich mich dazu entschieden habe, aktives Mitglied der österreichischen Sozialdemokratie zu werden und das geschriebene Wort die einzige Möglichkeit ist, dieser starken Frau meinen ganz persönlichen Respekt zu zollen. Ich hatte zwei Mal die Möglichkeit, Barbara Prammer zu treffen – einmal im Rahmen der Befreiungsfeier in der Gedenkstätte Ebensee 2012, ein weiteres Mal im Kontext des Wahlkampfes der Nationalratswahl 2013. Beide Begegnungen waren kurz. Und trotzdem sind sie mir wichtig.
Unzählige Mal sah, las und hörte ich sie sprechen: bei TV-Übertragungen von Parlamentssitzungen, bei Interviews und Veranstaltungen. In der persönlichen Begegnung erschien sie – mir fällt kein besseres Wort ein – unglaublich normal und bodenständig. Eine zarte Frau, die jedoch allein durch ihre Anwesenheit den Raum, die Gesprächsrunde beherrschte und zugleich zuhören konnte, ehrliches Interesse an dem Gesagten eines „kleinen Würstels“ (auch hier fällt mir kein besserer Ausdruck ein) wie mir bekundete.
Es gab Momente – und die wird es vermutlich auch in Zukunft noch geben – wo ich daran, ob die sozialdemokratischen Grundwerte noch eine Rolle spielen und tatsächlich gelebt und nicht nur propagiert werden, gezweifelt habe. Als Barbara Prammers Vermächtnis – nicht nur an mich, sondern an uns alle – sehe ich jedoch, es sich nicht bequem zu machen, sondern unbequem zu sein und Prinzipien wie Menschenrechte, Gleichberechtigung, Antifaschismus und Demokratiebewusstsein nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen. Wer glaubt, Politik nur laut, marktschreierisch und reißerisch machen zu können, wird durch Barbara Prammers Art und Weise des Mahnens, des „Politik-Machens“, eines Besseren belehrt. Sich in seiner Überzeugung – mag sie auch noch so wenig populistisch und mehrheitsfähig sein – nicht beirren zu lassen, wenn man weiß, dass sie mittel- und langfristig uns alle zu einem besseren Miteinander führt, ist eines der Dinge, die ich von Barbara Prammers stillem, unaufgeregtem Wirken für meine eigene Arbeit mitnehme.
In Zeiten, in denen Demokratiefeindlichkeit, Rechtspopulismus und Chauvinismus zunehmend en vogue werden, reißt Barbara Prammers Tod – zusätzlich zum ungleich größeren menschlichen Schicksal – eine nicht zu schließende Lücke in das politische Selbstvertrauen all jener, die sich für Grundrechte und gegen Hetze einsetzen. Für mich formuliert: ich habe ein Vorbild verloren, eine Frau, die mich geprägt und in den flüchtigen Begegnungen zutiefst beeindruckt hat. 
Bis jetzt war mir nicht bewusst, dass ich um einen Menschen, den ich persönlich kaum kannte, dermaßen intensiv trauern kann. Barbara Prammers Tod hat mich eines Besseren belehrt.

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