Gedenken heißt nicht Vergessen

Anlässlich eines Artikels im Standard (geschrieben von Thomas Neuhold), der davon berichtet, dass weder Opferverbände, noch Angehörige von Wehrmachtsdeserteuren zur Enthüllung des Deserteursdenkmals in Wien eingeladen wurden, habe ich mich – verständlicherweise – empört. Und einen Brief geschrieben:
Sehr geehrter Herr Bgm. Häupl,
sehr geehrte Frau Vizebgm. Vassilakou,
sehr geehrte Frau Taig!
Jahrzentelang galten Wehrmachtsdeserteure als Kameradenmörder. Ihr Schicksal wurde verschwiegen, ihre Familien hatten kein Anrecht auf Opferentschädigung. In Teilen der österreichischen Gesellschaft – etwa in Teilen des Kameradschaftsbunds – werden sie immer noch verachtet und geschmäht.
Unglaubliche 69 Jahre hat es gebraucht – fast keiner derjenigen, denen dieses Deserteursdenkmal gewidmet ist, lebt heute noch. Dass heute überhaupt über dieses Thema gesprochen wird, ist das Verdienst von Einzelpersonen, die sich unermüdlich für das Gedenken an und die juristische Rehabilitation von Deserteuren einsetzten: Opferverbände, WissenschafterInnen, Familienangehörige, Überlebende. Es stimmt schon – es handelt sich dabei um keine nennenswert große gesellschaftliche Gruppe. Zugegeben: wahlarithmetisch vernachlässigbar. Und nichts desto trotz sind die Wadanis, Jägerstätters und Rupitschs diejenigen, die im Zentrum dieses Gedenkens zu stehen haben. Herr Wadani darf sprechen – drei Minuten lang, wenn man dem Artikel Glauben schenken darf. Er sollte derjenige sein, der die längste Redezeit von allen bekommen müsste.
Dass weder die Opferverbände noch Angehörige zu diesem Festakt eingeladen wurden, straft die Reden, die bei den alljährlichen Gedenkfeiern in Mauthausen und anderswo gehalten werden, Lügen. Mir ist durchaus bewusst, dass die Organisation einer derartigen Feier stressig und fordernd ist. Und dass man den/die Eine/n oder Andere/n vergisst, persönlich einzuladen, passiert natürlich – keine Frage.
Dennoch: hier wurden jene vergessen, um die es AUCH und VOR ALLEM bei dieser Denkmalsenthüllung geht. Um Menschen, die oft jahrelang um die Anerkennung ihres bzw. des Schicksals ihrer Angehörigen streiten mussten. Deren Geschichte niemanden interessiert hat.
Ich habe Brigitte Höferts langen Weg miterlebt. Ihr unermüdliches Streiten um das Gedenken an ihren Vater, der von manchen bis heute verunglimpft wird. Geht es um sie und das Schicksal von Karl Rupitsch, bin ich parteiisch! In der Frage um die juristische Rehabilitation Rupitschs, die öffentliche Wahrnehmung der Goldegger Deserteure bis hin zur Verlegung eines Gedenksteins musste Brigitte Höfert einen wahren Spießrutenlauf bewältigen, der auch durch erheblichen Unwillen verschiedenster AkteurInnen verursacht wurde. Ihre Geschichte steht exemplarisch als eine von vielen. Meine Frage ist nun: muss das 69 Jahre danach immer noch so sein? Die Frage von Verteilern, die Frage von Bring- und Holschuld ist natürlich eine relevante, wenn es um eine Veranstaltungsorganisation geht. Für Brigitte Höfert ist sie jedoch nicht relevant und sollte es auch nicht sein müssen. Nebenbei: die Namen von Angehörigen lassen sich recherchieren.
Unser aller Verantwortung ist auch 69 Jahre nach Ende des NS-Terrors ungebrochen groß. Möglicherweise wird sie sogar noch größer, je mehr Zeit vergeht und umso verlockender die Historisierung und das Vergessen werden. Natürlich – zur Denkmalsenthüllung kann jeder und jede kommen. Das ist auch gut und wichtig so, um ein Denkmal überhaupt lebendig zu machen. Es gibt jedoch Menschen wie Brigitte Höfert, die es verdient haben, persönlich eingeladen zu werden – wenn schon nicht aus Respekt vor ihr, so doch aus Respekt vor ihrem Vater, dem dieses Denkmal doch immerhin auch gilt.
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