Eine Antwort auf die „Pflichterfüllung“

Der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Reinhard Bösch verteidigte ein Flugblatt seiner Burschenschaft Teutonia, das „Ehre und Anstand“ fordert und Wehrmachtsdeserteure als Kameradenmörder hinstellt. Zugegeben – nichts Neues und das Althergebrachte zum hundertsten Mal aufgewärmt. Vermutlich wäre es besser, dieses unselige Statement keines weiteren Kommentars zu würdigen. Dennoch – ich kann nicht anders! Schon allein deswegen, weil ich mich als Historikerin von Herrn Bösch definitiv zu distanzieren habe. Dieses historische Verständnis ist nicht das meine. Ich sehe die Geschichte nicht als Vehikel, um zutiefst inhumane Haltungen und eine rückwärtsgewandte Romantisierung verbrecherischer Organisationen – und als eine solche ist die Wehrmacht trotz aller Verharmlosungsversuche nunmal zu bezeichnen – herüberzuretten. Geschichte darf keine Herrschergeschichte mehr sein (so manche Historisten haben das leider bis heute nicht verstanden). Die Beschäftigung mit den AkteurInnen und Organisationen des NS-Terrors ist keine Geschichte von im Schützengraben und an der Front kämpfenden HeldInnen. Sie ist eine Geschichte des Chauvinismus, des Unrechts und der Grausamkeiten. Eine Geschichte der Ignoranz, der Selbstüberhöhung, des Rassismus. Eine Geschichte von Eliten und jenen, die – kostete es was es wolle – Teil dieser Eliten sein wollten und dafür Nachbarn denunzierten, sich schamlos am Hab und Gut anderer vergriffen und den Tod von Millionen durch ihr Schweigen, oft genug auch durch ihre aktive Mithilfe mitverschuldeten. Die Geschichte des Nationalsozialismus ist keine Kriegsgeschichte und keine Geschichte der im Vakuum der Gloria und der militärischen Taktik agierenden KämpferInnen. Es ist eine Geschichte von MitläuferInnen, die eine völkische Ideologie zur Religion erklärten – eine Geschichte „innerer Emigranten“, die versuchten, irgendwie durchzutauchen und möglichst nicht groß aufzufallen. Natürlich, die Kriegsbegeisterung hielt sich im Vergleich zum Ersten Weltkrieg in Grenzen. Natürlich, Mann konnte sich nicht aussuchen, ob er zur Wehrmacht eingezogen wird oder nicht. Natürlich, der Druck war groß. Sich öffentlich zu wehren bedeutete oftmals das Todesurteil. Die Verantwortung ist dennoch da. Sie beginnt Jahre vor dem „Anschluss“, für den der autoritäre Boden bereitet war. Genau DAS ist Geschichte. Geschichte ist Kontinuität – nicht zu verwechseln mit unseligen Traditionen. Geschichte heißt Lernen aus dem, was war. Geschichte heißt Verantwortung übernehmen dafür, dass nicht wieder Ungleichheit, Autoritarismus, Sündenbockprinzip, Rassismus, Militarismus und Gewalt regieren. Geschichte heißt Offenheit und Akzeptanz zeigen – ganz besonders dann, wenn es besonders schwer erscheint und das Mitschwimmen im „Wutbürger“-Strom doch so viel einfacher wäre.
Das Mitschwimmen wäre doch so unheimlich einfach. Wenn da nicht genau jene wären, die mit aller Kraft gegen den Strom schwimmen. Jene, die Fragen stellen und unbequem sind. Jene, die sich erdreisten, den MitschwimmerInnen den Spiegel vorzuhalten – mit aller Konsequenz. Heute sind diese Konsequenzen überschaubar. Umso unerträglicher ist es, wenn die Teutonia von der „Freiheit der Republik“ spricht. Diese Freiheit verdanken wir eben genau NICHT der Wehrmacht, sondern zuallererst der Befreiung durch die Alliierten – und in weiterer Folge jenen, die sich gegen das NS-Regime gewehrt haben. So gering ihre Zahl auch war: Schon aufgrund DIESER Tatsache, dass hier Menschen die oft einsame Entscheidung getroffen haben, bei „dem Ganzen“ nicht mehr mitzuspielen und den Tod dafür in Kauf zu nehmen, wurde Hoffnung geschaffen für das „Danach“. Unmittelbar nach 1945 wurden genau jene Ungeliebten politisch instrumentalisiert, um einen Opfermythos Österreichs aufbauen zu können und den von den Alliierten eingeforderten österreichischen Anteil an der Befreiung – wenn auch auf äußerst fragwürdige Art und Weise – einlösen zu können. Mit der Entnazifizierung war dieses Hochhalten des österreichischen Widerstands schlagartig vorbei. Die „Pflichterfüllung“, Herr Bösch, war mit 1986 und der Waldheim-Affäre vorbei. Das sollten gerade Sie als promovierter Historiker wissen. Wenn hier jemand seine Pflicht erfüllt hat, dann genau jene Wehrmachtsdeserteure, die Sie als Kameradenmörder bezeichnen. Wenn wir den Ehrbegriff schon strapazieren müssen, dann heißt Ehre in erster Linie, sich noch in den Spiegel schauen zu können. Und ich wage jetzt – zugegeben völlig unwissenschaftlich, das gebe ich zu – zu behaupten, dass ein Franz Jägerstätter und ein Karl Rupitsch im Gegensatz zu vielen Wehrmachtssoldaten damit kein Problem hatten.

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