Gastkommentar „Angst fressen Solidarität auf“

Warum benehmen sich viele von uns so, als wären sie immun gegen Armut oder gegen Ausgrenzung? Weil der Mensch optimistisch sein muss, um leben zu können? Vielleicht. Weil die Angst nur ein Trieb ist, dem mit Vernunft beizukommen ist? Vielleicht. Vielleicht gibt es noch mehrere Argumente, warum wir uns dagegen wehren, alle möglichen Katastrophen des Lebens einmal durchzudenken. Sich offen mit unseren Ängsten auseinanderzusetzen. Wieso auch? Solange es uns gut geht. Existenzängste lähmen, bringen uns nicht voran, hemmen unsere Funktionstüchtigkeit, blockieren – wir sollen doch bitte positiv denken, jedes Problem sei ja schließlich nur auf der Welt, um gelöst zu werden. „Sie können das nicht? Na, dann müssen Sie an Ihrer Problemlösungskompetenz arbeiten.“ Wir sind eine Gesellschaft von „Machern“ und wehe, es entblößt sich jemand, keiner zu sein! Sind Sie doch einer von den Keinen, dann sollten Sie wenigstens die Fassade aufrecht erhalten und gefälligst nicht aus der Reihe der Konformisten tanzen: Wenn Sie arbeitslos sind, nehmen Sie jeden Job an, um nicht als renitent aufzufallen. Sind Sie krank, dann lassen Sie es sich nicht anmerken. Sind Sie arm, dann sehen Sie zu, dass Sie Ihre Armut verstecken, denn Sie belästigen damit Ihre Umgebung. Sie erzeugen mit Ihrer zur Schau gestellten Armut Angst – Angst, die keiner spüren will. Und geben Sie Acht, denn sollte Ihre sichtbare Armut bei vielen von uns ein kronenzeitungsgeschürtes, subjektives Empfinden von Angst oder Verärgerung auslösen, trifft Sie unter Umständen die Härte des Gesetzes. Damit bei uns wieder ein subjektives Empfinden der Sicherheit eintritt. Damit wieder darüber gesprochen werden kann, worüber gesprochen werden soll.

Falls Sie nun denken, dass hier nicht von Ihnen die Rede ist, haben Sie vielleicht Recht. Jetzt. Hoffentlich auch in Zukunft. Dann gehören Sie aber zu jenen, von denen hier auch die Rede ist, denen es zumutbar ist, ihre Ängste zu bezwingen und solidarisch zu denken und zu handeln. Denn es könnte ja doch sein, dass irgendwann Sie oder ich zu jenen gehören, von  denen nicht die Rede sein darf.
Andrea Quatember

 

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