70 Jahre | Ist „damals“ wirklich „nie wieder“?

Heute vor 70 Jahren – am 27. Jänner 1945 – wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreit. Auschwitz, das Lagertor, der Schriftzug „Arbeit macht frei“ sind zum Synonym der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik geworden.
Selbst, wenn man sich schon Jahrzehnte mit dem Thema beschäftigt, in einer Familie aufgewachsen ist, wo über dieses Thema selbstverständlich gesprochen wird, Überlebende kennenlernen durfte und glaubt, es könne einen nicht viel erschüttern, stellt sich an Tagen wie heute doch immer noch Trauer ein. Wenn man sieht, wie Menschen auf Facebook Fotos von Angehörigen, die mit gnadenloser Unerbittlichkeit umgebracht wurden, posten, relativiert sich der Begriff „Geschichte“. Und 70 Jahre erscheinen wie ein Tag.
Die Nationalsozialisten löschten nicht nur Menschen aus, sondern auch die Erinnerung an sie. Fotos, Dokumente, die liebsten Dinge wurden ebenfalls vernichtet. Biographien wurde für immer aus der kollektiven und individuellen Erinnerung gelöscht. Zurück blieb verbrannte Erde. Bis heute. Zurück blieben jene, denen von ihren Großeltern, Eltern, Kindern, Freunden nichts geblieben ist.
Das zu solchen Anlässen geforderte „Nie wieder“ erscheint – so ehrlich es auch gemeint ist – vor dem Hintergrund dessen, wie mit Menschen und ihren Rechten und auch mit der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus umgegangen wird, als hohle Phrase. Zudem verleitet dieses „Nie wieder“ dazu, den Prozess des Erinnerns an die Opfer als abgeschlossen zu betrachten. Denn mahnen alleine reicht leider nicht, wenngleich es ein guter Anfang sein mag.
Menschen werden nach wie vor diskriminiert, verfolgt, gefoltert, ermordet, weil ihnen ihr Existenzrecht und ihr Recht auf Frieden, Freude, Liebe, Anerkennung, Gleichheit, Wertschätzung und Unversehrtheit abgesprochen wird. Schleichend, heimlich (oder doch nicht so heimlich?) haben sich Ressentiments und Intoleranz in unsere Mitte eingeschlichen – oder waren eigentlich nie wirklich weg. Die Grenze dessen, was erlaubt ist und „was man ja wohl noch sagen darf“ verschiebt sich spürbar. Und zwar definitiv in die falsche Richtung: Wenn am Wirtshaustisch über „die Asylanten“ hergezogen wird, dass einem angst und bange wird. Wenn zwischen „guten“ und „schlechten“ EinwanderInnen unterschieden wird. Wenn BettlerInnen hinter vorgehaltener Hand als „asoziales Gsindl“ bezeichnet werden. Wenn Roma im Herzen Europas um ihr Leben fürchten müssen und noch immer keine Chance bekommen, weil sie als „die anderen“ angesehen werden, die sowieso nicht arbeiten wollen und nur Dreck hinterlassen, wo sie gehen und stehen. Wenn Juden und Jüdinnen sich 70 Jahre danach nicht sicher fühlen. Wenn MuslimInnen als „Gefahr für Europa“ hingestellt werden und Muslima auf offener Straße das Kopftuch heruntergerissen wird. Wenn der Einsatz für Menschenrechte und gesellschaftliche Solidarität noch immer nicht den öffentlichen Stellenwert hat, den er verdient. Wenn man bei der Forderung nach mehr Miteinander als „soziales Naivchen“ hingestellt wird.
Dann kommt einem dieses „Nie wieder“ doch reichlich eigenartig vor.

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