Wir haben es nicht kommen sehen

Der Jihadismus ist erst dann bei einem angekommen, wenn man sich damit beschäftigt. Nicht nur mit der Ideologie, sondern vor allem mit ihren Folgen. Die Folgen sind Millionen von Flüchtlingen – zu einem großen Teil Muslime – die die Hauptfolge des IS-Terrors sind. Wir sitzen in unseren schönen, sauberen, friedvollen und ruhigen Wohnungen vor dem Flachbildfernseher und sind uns (hoffentlich) einig: Ach nein, wie tragisch! Unerträglich, diese humanitäre Katastrophe! Diesen armen Menschen muss geholfen werden! Tatsächlich sind derzeit so viele Menschen auf der Flucht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die Katastrophe des vergangenen Weltkrieges hat aufgrund der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gewissermaßen einen – wenn auch negativen – Alleinstellungsanspruch. Aus gutem Grund. Nichts desto trotz heißt das nicht, dass derartiges in moderner, anderer, neuer Form nicht wieder passieren kann. In Syrien und im Irak entwickelt sich das Morden zügellos und wird in Propagandavideos und Fotografien zur Schau gestellt. Die Bilder von Angehörigen von SS, SD und Wehrmacht, die Menschen zusammentrieben und ermordeten, sind uns allen wohlbekannt – und unterscheiden sich nicht von diesen Bildern des Terrors.

In fünfzig Jahren werden wir und unsere Nachkommen der Millionen Toten salbungsvoll gedenken, Kränze niederlegen, Kerzen anzünden und sagen: wir, unsere Eltern und unsere Großeltern sahen es nicht kommen. Eine bedauernswerte Art zuzugeben, dass wir, die Eltern und die Großeltern, es sehr wohl kommen sahen. Und jenen, die um Aufnahme baten, die Tür vor der Nase zuschlugen. Die Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen und die Kontingentzahlen in Österreich ist beschämend – freundlich formuliert. Sie sind willkommen. Aber nur dann, wenn wir nicht zurückstecken müssen, sie nicht sehen müssen, sie nicht spüren müssen. Wir Wohlstandsverwahrlosten können uns nicht vorstellen, wie es ist, alles zurücklassen zu müssen. Nicht nur materielle Güter, sondern auch Familienmitglieder, Freunde, Erinnerungen, Vertrautheit und Sicherheit. Wenige schaffen es in die Festung Europa, der Großteil landet in den Flüchtlingslagern der das Krisengebiet umliegenden Länder.

Dass es überhaupt noch Menschen in diesem Land gibt, die nicht fordern, weitaus mehr Flüchtlinge in Österreich aufzunehmen, sondern behaupten, es wären jetzt schon zu viele, beschämt mich zutiefst. Stattdessen wird ein Generalverdacht über eine Weltreligion und ihre Gläubigen ausgesprochen. „Der Islam ist anders“ hört man immer wieder. Nicht der Islam ist das Problem, sondern die Unmenschlichkeit, an deren einem Ende die Verständnislosigkeit und Feindschaft Fliehenden gegenüber und am anderen Ende Mord steht. „Der Islam hat mit dem IS so viel zu tun wie der NS mit dem Christentum“ hörte ich Thomas Schmidinger bei einem Vortrag als Replik auf eine Frage sagen. Allein in dieser Aussage liegt mehr Tatsächliches als in hunderten TV-Diskussionen und Titelstories über die „Gefahr des Islam“.

Das wahre Problem sind menschenverachtende Ideologien und Haltungen. Mit dem Finger auf eine menschenverachtende Ideologie zu zeigen bewahrt nicht davor, selbst inhuman zu sein. Und inhuman ist ebenso, von der bequemen Festung Europa aus darüber zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht.

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