Ich bin am Ende meiner Geduld

Tausende Tote, ertrunken im Mittelmeer. Die Festung Europa gibt in der Öffentlichkeit vor, zu trauern. Echt jetzt? Leserbriefe, Postings in den sozialen Medien und Foren und der Zulauf zu rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien halten weiter an – werden zusehends extremer. Ich glaube dieser Trauer nicht – kein Stück.

Ortswechsel. In Salzburg ist es absehbar, dass ein sektorales Bettelverbot beschlossen werden wird. Mit den Stimmen der SPÖ – was mich als Sozialdemokratin, die das Parteiprogramm durchaus ernst nimmt, in den Grundfesten meiner Überzeugung erschüttert. Man beugt sich der vermeintlichen Mehrheitsmeinung – damit „a Ruah is“, so scheint’s. Jahrelange Sensibilisierungsarbeit, jahrelanges Kämpfen um mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit von Männern und Frauen, die all ihre Kraft, Energie, ihre Ressourcen investiert haben, werden mit einer Handbewegung vom Tisch gewischt, für nichtig und nutzlos erklärt. Menschlichkeit und Menschenrechte waren offenbar nie Thema. Zu keinem Zeitpunkt der Diskussion. Die VerliererInnen sind die ArmutsmigrantInnen. Aber Hauptsach‘, das Stadtbild des „Weltkulturerbes“ passt wieder. Entlarvend.

Zwei Schauplätze, die alles miteinander zu tun haben. Die feindselige Haltung Schutzbedürftigen gegenüber. Die Kriminalisierung ganzer Gruppen von Menschen, die man nicht einmal kennt, sondern pauschal aburteilt. Die Blindheit Fakten gegenüber. Die Behauptung, alle, die sich für die Rechte dieser Gruppen einsetzen, seien sowieso „naive Gutmenschen“. Und schlussendlich EntscheidungsträgerInnen, die sich dieser Intoleranz beugen und das Schicksal der Marginalisierten im Sinne der Realpolitik völlig ignorieren.

All dies hat eine einzige Ursache: die zugrunde liegende Annahme der Ungleichheit. Der eine ist mehr „wert“ als der andere. Politische Entscheidungen zeigen genau das. Im Nachhinein zu trauern, ändern an der Fatalität dieser Entscheidungen für die Betroffenen nichts, sondern beruhigt lediglich das eigene Gewissen.

Warum wird die Wut der so genannten und viel zitierten „WutbürgerInnen“, die sich in erster Linie im – meist verbalen, manchmal aber auch physischen – Hintreten auf Schwächere Bahn bricht, ernster genommen als die Wut jener, die versuchen, sich für diese Schwachen einzusetzen? Warum bekommen PEGIDA, FPÖ und Co. eine Bühne und jene, die menschenverachtende Polemik verurteilen, werden im besten Fall belächelt und im schlechtesten Fall als „linkslinke Krawallmacher“ angesehen?

Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich bin am Ende meiner Geduld und am Ende meiner Kraft angekommen. Die Geschichten und Schicksale der ArmutsmigrantInnen, die ich bis jetzt gehört habe, gehen mir ebenso wenig aus dem Kopf wie die Bilder der toten Flüchtlinge. Ich gehe jeden Abend mit diesen Bildern schlafen und wache jeden Morgen damit auf. Hinter jedem der auf der Straße Knieenden und hinter jedem der Leichensäcke stehen ein Schicksal und eine Geschichte, die es wert sind, gehört zu werden. Warum hören so viele den plärrenden und zeternden „Das Boot ist voll!“-Schreienden zu und so wenige den Geschichten der Knieenden und der namenlosen Leichensäcke?

Ich bin müde, enttäuscht und zynisch. Müde ob des weithin herrschenden Unwillens, sich mit Gründen für die Knieenden und die Leichensäcke auseinanderzusetzen. Enttäuscht von Entscheidungen, die getroffen werden. Zynisch ob dieser Erfahrungen. Nichts desto trotz werde ich meine Haltung nicht ändern, werde weiterhin Kritik üben und weiterhin auf Drohungen, Beschimpfungen und Ablehnung pfeifen. Mich mit derlei Dingen herumzuschlagen kostet mich weder Existenz noch Leben.

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