Plädoyer einer Sozialdemokratin #2

Es ist wieder Zeit für mein Plädoyer – gleiches Thema, andere Voraussetzungen. Das sektorale Bettelverbot in Salzburg ist de facto beschlossene Sache. Salzburg nennt sich Menschenrechtsstadt, nennt sich vielfältig und aufgeschlossen. In vielerlei Hinsicht mag das auch zutreffen. All diese mühsamen, kleinen Schritte werden aber durch den Beschluss des sektoralen Bettelverbots torpediert – und viel Arbeit, Engagement und Durchhaltevermögen Haupt- und Ehrenamtlicher dadurch gleichsam verhöhnt.

Ich habe vor einiger Zeit in meinem Blog bereits mein „Plädoyer einer Sozialdemokratin“ veröffentlicht – anlässlich der Diskussion rund ums Betteln in Oberösterreich. Und ich bin der Meinung, dass in Anbetracht der Entscheidung der Salzburg-Stadt-SP dieses Plädoyer abermals gehalten werden muss. Es kann nicht oft genug an die Grundfesten des SPÖ-Parteiprogramms erinnert werden – auch, wenn’s langsam wirklich mühsam wird.

Ich bin als SPÖ-Mitglied diesem Programm verpflichtet: den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Noch mehr verpflichtet mich allerdings mein Beruf im Sozial- und Bildungsbereich zu meiner Position. Und je mehr derartige politische Entscheidungen gegen diese Prinzipien der Sozialdemokratie verstoßen, desto hartnäckiger gilt es sie einzumahnen. Und zwar von all jenen, die dieses Parteiprogramm nicht bloß als historisches Relikt sondern als Auftrag sehen. Als  Parteimitglied hat man sich mit der Ideologie der Partei zu identifizieren und Loyalität zu zeigen. Entscheidungen wie das sektorale Bettelverbot jedoch im Sinne der realpolitischen Kompromisse deswegen stillschweigend hinzunehmen – besonders, wenn sie gegen das eigene Programm verstoßen – hat mit Loyalität allerdings herzlich wenig zu tun.

Die Salzburger SPÖ sprach sich lange Zeit (zumindest nach außen) gegen ein neues Bettelverbot, aus und vollführte eine regelrechte 180-Grad-Wende gegen jegliche Grundwerte der Sozialdemokratie. Dass sozialpolitische Maßnahmen gesetzt werden, um ArmutsmigrantInnen zu unterstützen, während man sie gleichzeitig aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen sucht, ist zynisch.

Zur Erinnerung noch einmal die Grundwerte der Sozialdemokratie:

FREIHEIT
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten treten für die Freiheit jedes und jeder Einzelnen im Sinne sozial verantworteter Selbstbestimmung ein. Die Freiheit des bzw. der Einzelnen ist für uns die Voraussetzung für die Freiheit aller in der Gesellschaft. Freiheit bedeutet nicht nur die Absage an jegliche Form der Diktatur und autoritärer Systeme, sondern hat auch materielle und soziale Voraussetzungen: Erst durch Bildung, Information und entsprechende materielle Absicherung können Abhängigkeiten überwunden, Wahlmöglichkeiten geschaffen und damit Freiheit lebbar gemacht werden. Nur unter solchen Voraussetzungen ist ein Leben in Freiheit und Sicherheit möglich, und damit die Grundlage für Selbstbestimmung geschaffen.

Interessant ist vor allem jener Satz: “Erst durch Bildung, Information und entsprechende materielle Absicherung können Abhängigkeiten überwunden, Wahlmöglichkeiten geschaffen und damit Freiheit lebbar gemacht werden.” Nun ist meine Frage: würde dieser Grundsatz tatsächlich für alle gelten, müssten hier nicht auch und vor allem ArmutsmigrantInnen mit einbezogen werden? Ökonomische Sicherheit und die Erfüllung der lebensnotwendigen Grundbedürfnisse ermöglichen ein würdevolles Leben und die Möglichkeit, aus der Armut zu fliehen. Die Freiheit, sich aktiv auf den Weg in ein anderes Land zu machen, um an der eigenen Lebenssituation etwas zu ändern (besonders, wenn diese Möglichkeit im eigenen Land nicht gegeben ist), ist der erste Schritt zur Selbstbestimmung. Alternative und würdevolle Möglichkeiten ohne Diskriminierung und Kriminalisierung zu schaffen, ist jedoch nicht die Aufgabe des/der einzelnen Bettlers/Bettlerin, sondern eine Anforderung, die an Politik und Gesellschaft gestellt werden muss. Die Verantwortung alleine an die Herkunfsregionen abzuschieben, ist bequem, ändert jedoch nichts an der individuellen Situation des Einzelnen und ist ein Prozess, der noch viele Jahre dauern wird. Die Situation der ArmutsmigrantInnen muss jedoch zeitnah und niederschwellig anerkannt und verbessert werden. Marginalisierung und Wegschieben allein ändert gar nichts – die Menschen kommen trotzdem und haben nicht allein aufgrund der Tatsache, dass sie größtenteils EU-BürgerInnen sind, auch jedes Recht dazu.

GLEICHHEIT
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind davon überzeugt, daß jeder Mensch in seiner Einmaligkeit und Individualität gegenüber allen anderen Menschen gleichberechtigt und gleichwertig ist. Daher sind alle Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit gleich an Rechten und Würde; deshalb wollen wir für alle Menschen Chancengleichheit durchsetzen – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft und ihrem Einkommen, ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Weltanschauung, ihrem religiösen Bekenntnis oder ihrem individuellen Lebensentwurf. Zur Chancengleichheit gehören für uns das Recht auf Arbeit und Bildung sowie gleiche politische und soziale Menschenrechte. Menschen, die schwächer und benachteiligt sind, haben ein Recht auf besondere Unterstützung und Förderung.

Dieser Absatz enthält jene Punkte, die in der Diskussion um die Armutsmigration von fundamentaler Bedeutung sind – und zugleich komplett außen vor gelassen werden. Jede/r Bettler/in ist ein Individuum mit seiner/ihrer ganz eigenen und einmaligen Biographie, die häufig von Traumata und jahrzehntelanger Diskriminierung geprägt ist. Auch diese Menschen haben Würde verdient. Sie aufgrund ihrer Herkunft, ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihres individuellen Lebensentwurfs ihrer Chancen zu berauben, widerspricht jeglichen grund- und menschenrechtlichen Grundsätzen – geschieht jedoch ganz besonders im derzeitigen (vor allem von der Kronenzeitung angeführten) Diskurs, der alles andere als würdevoll ist. Arme sind grundsätzlich schwächer, werden in politischen Entscheidungsprozessen nicht gehört, es wird nicht mit ihnen sondern über sie gesprochen, letztendlich sind weder der Wunsch nach Unterstützung noch Förderung in der Entscheidungsfindung erkennbar. Rassismen und Ethnisierungen (Bettler/in = Rom/Romni, Rom/Romni = Bettler/in) werden weder reflektiert noch ernsthaft bekämpft, sondern laufen im Diskurs mit und werden dadurch vervielfältigt und manifestiert.
Eines der Projekte, die sehr wohl hinhören, ist das Videoprojekt „Auf Augenhöhe – Notreisende in Salzburg„, das die Geschichten hinter den Gesichtern zeigt. Zur Entscheidungsfindung dürften die Erzählungen jedoch eher nicht beigetragen haben.

GERECHTIGKEIT
Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten setzen uns für Gerechtigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen ein. Wir treten daher für eine gerechte Verteilung aller gesellschaftlichen Chancen und Güter ein, insbesondere von Arbeit und Bildung sowie Einkommen und Vermögen. Wir treten für die gleichberechtigte Teilhabe aller an der Gesellschaft ein und stehen dabei an der Seite der sozial Schwächeren. Unser Ziel ist eine Gesellschaft freier und gleicher Menschen, in der die Klassenunterschiede überwunden sind.

Wenn nicht ArmutsmigrantInnen als die sozial Schwachen anerkannt werden, wer dann? Der Schritt in die gleichberechtigte Teilhabe von ArmutsmigrantInnen und BettlerInnen an der Gesellschaft stünde ganz am Ende einer Entwicklung, die jetzt angestoßen werden muss. Eine Kriminalisierung und der Versuch, einem Resultat ökonomischer und sozialer Schieflagen mit Verboten und allein durch ein sicherheitspolitisches Regelwerk beizukommen, tragen weder zur Chancengleichheit noch zur Gleichberechtigung bei, sondern drängen die Betroffenen erst recht wieder an den gesellschaftlichen Rand. Ein konkreter Vorschlag: beginnen wir mit der Gleichberechtigung, indem wir – auch die politischen EntscheidungsträgerInnen – uns mit jenen, über die hier die ganze Zeit gestritten wird, dauerhaft gleichberechtigt und auf Augenhöhe an einen Tisch setzen. Solange nicht einmal in der Gesprächskultur Gleichberechtigung herrscht, ist die Überwindung von Klassenunterschieden eine reine Utopie, die sich zwar schön anhört, aber in Anbetracht der geplanten Gesetzesänderung ferner denn je erscheint.

SOLIDARITÄT
Solidarität im Sinne von Rücksichtnahme auf den Nächsten und Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln ist die Basis für die politische Verwirklichung der Ziele der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten. Solidarität bedeutet Verantwortung für die Gemeinschaft und damit die Verpflichtung, sich für andere einzusetzen und gesellschaftliche Aufgaben im Interesse unserer Grundwerte zu erfüllen. Sie ist letztlich die Grundlage des sozialen Zusammenhalts und das wirksamste Instrument zur Durchsetzung gerechterer Lebensbedingungen. Internationale Solidarität umfaßt alle Völker.

Nichts vermisse ich in dieser Diskussion so sehr wie die Solidarität! Solidarität unter Gleichgesinnten zu propagieren, ist einfach. Sie im Rahmen von Redebeiträgen zu fordern, ist ein Leichtes. Sich für andere einzusetzen, die bereits auf Augenhöhe zu uns stehen, ist keine Kunst. Sobald wir jedoch gefordert werden, Solidarität auch außerhalb der Wohlfühlzone zu zeigen, wird’s kritisch. Solidarität in den Entscheidungen mit jenen zu zeigen, der/die von einem Großteil der ÖsterreicherInnen vulgo WählerInnen im schlimmsten Fall gehasst, im besten Fall ignoriert werden, würde dem Solidaritätsbegriff in seinem ureigensten Sinn wieder  gerecht. Und sind wir uns ehrlich: braucht es dazu in einem Land wie Österreich wirklich so viel Mut und Überwindung? Die Geschichte lehrte uns, dass sich Mut, der Einsatz für Menschenrechte und die Überwindung diskriminierender Haltungen (die besonders gefährlich sind, wenn es sich um die Mehrheitsmeinung handelt) IMMER lohnen. Viele Menschen, die sich ungebrochen und trotz permanentem Gegenwind für die Rechte und Bedürfnisse von ArmutsmigrantInnen einsetzen, beweisen diesen Mut tagtäglich und trotz der Tatsache, dass ihnen nur verhältnismäßig wenig ideelle Unterstützung vonseiten der medialen und politischen Öffentlichkeit entgegengebracht wird. Sie SOLIDARISIEREN sich außerhalb dieser Wohlfühlzone, häufig ohne Wertschätzung und geraten dadurch sowohl im persönlichen als auch beruflichen Umfeld in nicht unerhebliche Zwickmühlen.

Die Sozialdemokratie steht mehr denn je an einem Scheideweg. Sich in der Diskussion um Armutsmigration und die Rechte von BettlerInnen FÜR die Betroffenen stark zu machen, wäre ein Zeichen für die Besinnung auf Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ich habe den Glauben an diese Grundwerte nicht aufgegeben und würde mir als zutiefst überzeugte Sozialdemokratin nichts mehr wünschen, als ein Zeichen dafür, dass diese Prinzipien tatsächlich für alle Gültigkeit haben: unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Einkommen, körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit, sexueller Orientierung, ethnischer Zugehörigkeit, Weltanschauung, religiösem Bekenntnis oder individuellem Lebensentwurf.

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8 Kommentare zu „Plädoyer einer Sozialdemokratin #2

      1. Na klar schließt sich das aus. Entweder man findet, dass die Situation, betteln zu müssen, an sich das Problem ist, dann fordert man auch nicht „freies Geleit“ für Bettler ein, oder aber man stößt sich seine Nase bloß daran, dass denjenigen, die es da ohnehin nicht einfach haben (Bettler, Sozialhilfeempfänger, Asylanten, et cetera), das Leben noch weiter zur Hölle gemacht wird.

        Dabei gibt es Bettler ja nicht einfach so. Deren Situation ist ja durch irgendwas in die Welt gesetzt worden, die betreffenden Personen sind ja nicht schon als Bettler geboren worden, womit ich bei deiner zweiten Frage wäre: Diese Rechte, von denen du sprichst, haben ganz viel damit zu tun, dass es Bettler, Asylanten und Sozialhilfeempfänger überhaupt gibt.

        Nehmen wir nur die Meinungsfreiheit. Jeder darf eine haben, jeder hat eine, und keiner lässt es sich nehmen, sie zu äußern. Nur eins muss dabei beachtet werden: Die Meinung muss folgenlos bleiben. Das heißt, der Bettler, um dessen Situation du besorgt bist, könnte sich nun auf den Marktplatz stellen, und herumbrüllen, dass er Hunger hat und diese Gesellschaft scheiße ist, weil sie ihn von allen Lebensmitteln ausschließt. Eines darf er aufgrund dieser Meinung aber deshalb noch lange nicht: In den nächsten Supermarkt gehen, und sich satt essen ohne zu bezahlen. Es ist ja nicht so, dass es nicht genug zu fressen gäbe. Was der Bettler braucht, gibt’s ja an jeder Ecken – für die, die zahlen können.

        Mit anderen Worten: Diese ganzen Freiheits- und Menschenrechte, die immer so stolz hochgehalten werden, haben gar nicht den Zweck, irgendwen zu schützen oder irgendwem zu helfen, seine Bedürfnisse zu befriedigen, sondern umgekehrt verpflichten sie alle Menschen in ihrem Geltungsbereich auf einen Kampf gegeneinander um den Reichtum der Gesellschaft, ein Kampf der, wie du in deiner Arbeit ja sieht, nicht für alle zugleich aufgehen kann. Daher ist ja deine Forderung, dem Bettler sein Bettelrecht zu belassen, letztendlich nichts weiter als der Versuch, ihm eine Rückfahrkarte in dieselbe Gesellschaft zu besorgen, die ihn, mit seinen beschränkten materiellen Mitteln, bereits ausgespuckt hat, und auch in Zukunft immer und immer wieder ausspucken wird. Das hast du so sicherlich nicht beabsichtigt.

        Es wäre deshalb auch klüger, sich nicht auf diese abstrakte moralische Grundrechte-Tour einzulassen, die kannst du ruhig den Pfaffen und Politikern überlassen. Ein Bettler hat ganz andere Probleme als seine „Würde“. Die kann er nämlich weder essen, noch kann er in ihr wohnen. Und darum geht’s ja wohl.

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  1. Es hat sehr wohl mit Würde zu tun. Das artikulieren nicht wenige BettlerInnen im direkten Gespräch. Es geht darum, ihre Situation unmittelbar und JETZT zu verbessern – auf die Weise, wie sie es wünschen und für sich brauchen. Der Kampf gegen das System bzw. die Umstände, die dazu führen, dass die Menschen betteln müssen, dauert halt auch a bissl zu lang. Bis dahin ist ihnen das Haus, das sie nicht selten mit dem Erbettelten zumindest etwas renovieren können, über dem Kopf zusammengefallen. Und die Tochter, die dringend eine OP braucht, für die die Kosten meist selbst getragen werden müssen, ist gestorben.
    Ich hab‘ mit keinem Wort behauptet, es ginge NUR um die Würde. Natürlich geht’s um das Abdecken der Grundbedürfnisse – zuallererst einmal. Aber es geht AUCH um die Würde. Schon mal eine Bettlerin gesehen, die weint, weil sie von PassantInnen beschimpft wird? Würde sie weinen, wenn sie keine Würde hätte, die in dem Moment verletzt wird?
    In deinem Kommentar kommt kein einziger konkreter Vorschlag vor, wie unmittelbar am System etwas so verändert werden kann, das den Betroffenen hilft. Man kann sich den Systemwechsel, in dem Armut dann keine Thema mehr ist, ja schön herbeischreiben. Nach deiner Logik dürfte man also weder AsylwerberInnen noch BettlerInnen oder andere Armutsbetroffene unterstützen, weil man ja damit das System stützt, das daran schuld ist, dass die AsylwerberInnen um Asyl werben, BettlerInnen betteln und Arme arm sind.

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    1. Und dann kommt die nächste Flut, und dann ist wieder alles weg, und die ganze Scheiße geht von vorne los, weil sich natürlich nichts grundlegend geändert hat; diese Bettler sind dann halt immer noch Menschen, von denen die Kapitale in Europa nicht überzeugt sind, sie gewinnbringend anwenden zu können. Das bedeutet, diese Leute sind automatisch von allem, was sie zum Überleben brauchen, abgeschnitten. Für diese Gesellschaft sind sie Menschenmüll. Arbeitslos gemacht, völlig verarmt, stets angewiesen auf Mildtätigkeiten.

      Dieser Gedanke, Hilfe leisten zu wollen, ohne vorher den Gründen für das Elend, das man da beseitigen will, einmal nachzusteigen, ist problematisch. So landet man dann nämlich ganz schnell dabei, Suppenküchen und Streetwork toll zu finden, anstatt sich zu fragen: Warum muss es diese Armut mitsamt der Betreuungsbemühungen von privater und staatlicher Seite in unserer Welt überhaupt geben? Man ist dann dabei, ob gewollt oder nicht, Armut plötzlich normal zu finden, sie ins eigene Weltbild als Konstante zu integrieren.

      Es ist den Armgemachten aber eben keine Hilfe, ihr Schicksal zu normalisieren, indem man anfängt, sich mit ihnen zu beschäftigen wie mit isolierbaren Phänomen, mit ihnen zu „arbeiten“, indem man ihre Armut bloß betreut, indem man hier und da Trostpflaster verteilt, denn viel mehr ist das nicht: eine gut gemeinte Begleitung auf ihrem Weg durchs Elend – und abgesehen von dem guten Gefühl das man selbst als barmherziger Samariter hat, wenn man abends im Bett liegt, ist nichts geschehen. Es ist eben keine Hilfe ihre Gesichter zu filmen und online zu stellen, so als ob deren Armut für uns etwas neues wäre, etwas, was als Newsflash erst noch durch die Gegend geschickt werden müsste. Als ob die Politiker, die da die Armut ermöglichen und rechtfertigen, nicht schon wüssten, dass da solches Elend existiert, und als ob sie es abstellen würden, sobald sie nur Kenntnis davon hätten.

      Diese Leute brauchen keine Lobby, keine Öffentlichkeit, die sich für ihre Interessen einsetzt, denn ihre Interessen sind ja bereits in aller Öffentlichkeit an fehlenden materiellen Mitteln gescheitert, was im übrigen niemanden weiter interessiert hat. Du aber wischst dieses Faktum einfach mal so weg, und tust so als könnte man vor dem Hintergrund dieser ökonomischen Zusammenhänge trotzdem noch irgendwie zu einem guten Ergebnis für die Armen kommen. Als könnte man einfach hingehen, zuhören und das wäre dann schon mal was.

      Deren Schicksal ist hinlänglich bekannt, was man auch daran sieht, dass es rechtlich durchgesetzt ist. Da gibt’s z.B. lauter Gesetze, die den Kaufmann vor Ladendiebstahl schützen, egal wie hungrig der Dieb auch war. Warum soll’s da nicht gleich auch ein Gesetz geben, dass das Betteln verbietet? Wo ist da der Widerspruch? Wo ist da der Skandal? Hast Du Dich schonmal gefragt, warum diese Sozialdemokratie, an der du langsam zu verzweifeln beginnst, immer genau das tut, was sie eben tut? Vielleicht hält auch deine Sozialdemokratie die Armut, die sie in ihrem Einzugsgebiet vorfindet, für irgendetwas furchtbar praktisch. Vielleicht ist es ja so, dass nicht die Sozialdemokratie politisch versagt, wenn sie die nächsten Sozialkürzungen durchwinkt, sondern dass im Gegenteil, du schlicht im Irrtum darüber bist, welche Zwecke sozialdemokratische Politik eigentlich wirklich verfolgt, und wofür dazu Sozialkürzungen besonders gut geeignet wären.

      Diese ganze Scheiße hat so schon ihren Sinn. Wenn’s nämlich einer Politik um den nationalen Erfolg geht, und dieser Erfolg, wie im Kapitalismus üblich, auf dem Reichtum der Unternehmer aufbaut, dann kann ein Lohn nie niedrig genug sein. Dann wird und muss es als notwendiges Beiprodukt der Produktion massenhafte Armut innerhalb und außerhalb der Grenzen geben. Womit auch deine Frage nach dem „konkreten Vorschlag“ beantwortet wäre: Wenn ich feststelle, dass die hiesige Gesellschaft mitsamt ihrer Ökonomie nicht für die Bedürfnisbefriedigung der Menschen taugt, dann muss ich halt auf ihrer Abschaffung bestehen, bzw. eine Produktion errichten, die Bedürfnisbefriedigung überhaupt erstmal zum Zweck hat. Das kann im übrigen ganz schnell gehen – deine Angst vorm Nichtankommen empfindest du nur, weil der Kampf mit deinen Mitteln bereits eine Ewigkeit dauert, und dich nirgendwo hingeführt hat, die Bettler gehen dir ja nicht gerade aus. Da hätte ich an deiner Stelle dann keine Angst mehr, Zeit zu vergeuden, indem ich mal was anderes probiere.

      Das alles soll jetzt nicht als Plädoyer für Egoismus und Wegschauen verstanden worden sein. Im Gegenteil: Es muss was getan werden, und zwar was bestimmtes. Es muss hingeschaut werden, und zwar genau. Wer an den gegenwärtigen Verhältnissen, so wie du, was schlimmes gefunden hat, der muss sich darüber klar werden, worin genau da das schlimme besteht. Ansonsten vertut man sich womöglich im Engagement, und kommt an, wo man nie hinwollte. Auf der Seite derjenigen, die das, was man so schlimm findet, genau so anrichten wollten.

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      1. Ich kann das, was du schreibst, nachvollziehen. Natürlich muss ganzheitlich angesetzt werden – das wünsche ich mir mehr als alles andere: Dass die Gesellschaftsstrukturen sich so verändern, dass Betteln für niemanden mehr notwendig ist. Gleichzeitig bin ich tagtäglich in meinem Job damit konfrontiert, dass dieses Ziel in weiter Ferne liegt. Die absolute Gleichheit und Uneigennützigkeit ist für mich eine völlige Utopie, die als Gesellschaftssystem lediglich am Papier existiert. Die sozialistische Idee ist für mich in der Theorie ein Ideal, das man schlichtweg in der Realität nicht erreichen kann. Da bin ich einfach zu sehr geprägt durch die alltäglichen Erfahrungen, durch die Geschichte und die Vielzahl kleiner und kleinster Schritte, die realpolitisch nicht nur „von oben“ sanktioniert werden, sondern vor allem und in erster Linie von den vielen Menschen, die Feindbilder brauchen und diese kultivieren, egal, wie sehr man auch noch dagegen ankämpft. Und auf den hinzutreten, der halt noch einen Stock tiefer sitzt, ist mittlerweile zum Common Sense geworden. Das ist das Schlimme, das für mich die Wurzel all dessen ist, was schiefläuft. Das setzt noch lange vor der Kapitalismuskritik an. Selbst dort, wo vermeintliche Gleichheit existiert, besteht sie nach innen in keinster Weise.
        Wenn ich ein Beispiel nenne darf – hinsichtlich der Gruppen der Roma: in den unterschiedlichen realsozialistischen Ländern waren sie prinzipiell gleichgestellt, hatten Arbeit und einen – zumindest minimalen – Zugang zu Bildung. Die Ressentiments der Mehrheitsbevölkerung haben trotzdem bestanden, rassistische Übergriffe gab es ebenso, wurden aber unter den Teppich gekehrt und die Leute trotz der vermeintlichen Gleichheit ghettoisiert. Mit dem Resultat, dass diese Ressentiments nach 1989 mit voller Wucht ausbrechen konnten. Die ersten, die gekündigt wurden, waren Roma. Die ersten, die von den nachfolgenden Regierungen sanktioniert wurden, waren Roma. Rassismus sehe ich nicht als Problem einer kapitalistischen Ordnung. Rassismus und Ungleichheitsvorstellungen existieren unabhängig vom politischen System. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Wie man das ändern kann…frag mich was Leichteres. Wenn ich’s wüsste, würde ich nicht solche Texte schreiben. Solange ich über eine mögliche Lösung nachdenke, verlege ich mich auf die kleinen, alltäglichen Schritte. Ich denke, dass wir vom Grundgedanken her nicht so weit weg sind voneinander. Für mich hat Armut halt mehr Hintergründe als lediglich einen ökonomischen. Da spielen historische Entwicklungen ebenso eine Rolle wie historisch gewachsene Rassismen, die man nicht von heute auf morgen ausschalten kann. Systemkritik kann und muss man üben. Sie ändert halt an der individuellen Situation der Betroffenen im Moment gar nichts.

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  2. Fragt sich bloß, wem(!) du hilfst. So gibt es ja in der Tat Menschen, die von bürgerlichem Engagement und Sozialarbeitertum ganz direkt profitieren, also Politiker die, wenn mal ’ne kritische Frage zur Massenarmut kommt, auf das Vorhandensein von Initiativen verweisen können, in denen Idealisten freudig die Penner, Asylanten und Sozialhilfeempfänger der Gesellschaft quasi in zweiter Schiene (Suppenküchen, Bahnhofsmission, Kleiderkammern) mitbetreuen, und das auch noch in dem festen Glauben, was „für diese Armen“ zu tun. Dabei sind diese Idealisten dann oft auch selbst noch arm dran, und, wenn sie sowas hauptberuflich tun, auch noch in der selben Mühle aus Armut und Arbeitenmüssen, wie diejenigen, die sie da betreuen. Diese „Hilfe ist möglich“-Denke führt direkt dazu, auf kurz oder lang Frieden mit den Bedingungen zu schließen, unter denen das Vorhandensein von Armut ein absolutes Muss ist. Man fängt dann irgendwann an, komische Forderungen zu stellen, nach dem Motto „Hört auf damit! Wie könnt ihr da obenbloß diese Armut hier unten zulassen?“. Tja, wie können sie denn? Sie wollen doch!

    Wie gesagt: Ich meine das nicht als Aufruf zum Däumchendrehen. Es ist nur so, dass, wenn man sich schon dazu entschließt, den absoluten Bodensatz der Gesellschaft verarzten zu wollen, man dies besser nicht in dem Bewusstsein tun sollte, zu helfen, denn es ist keine Hilfe. Es ist bestenfalls die Vergabe von Schmerzmitteln in einer Situation, die den Betroffenen zwangsläufig immer wieder neue Schmerzen verursachen wird. Ich weiß, das ist hartes Brot. Aber so ist es. Soziale Arbeit ist leider immer auch Mitarbeit an den Bedingungen, die jene Lebenslagen hervorrufen, die man da betreut. Das muss man sich mal so vor Augen halten, und dann zurück treten von so einigen Vorstellungen, die man da über seine Arbeit gehabt hat. Das ist am Ende besser für den „Klienten“.

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