Noch ein Seiterl?

Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, Herr Strache. Hören Sie auch wirklich gut zu? Bisher machten Sie ja nicht den Eindruck, als ob Sie gerne und gut zuhören könnten. Aber der Mensch kann sich schließlich ändern. Auch Sie könnten sich ändern. Man ist nie zu alt dafür.
Sitzen Sie auch gut? Lehnen Sie sich zurück. Was ich Ihnen erzählen möchte ist eine etwas längere Geschichte. Da sollten Sie auch wirklich bequem sitzen. Ach, bitte die Beine nicht übereinanderschlagen. Schlecht für die Durchblutung. Strecken Sie die Beine aus. Hier haben Sie einen Hocker, da können Sie die Beine hochlegen.
Besser?
Ach, Sie sind Raucher! Bitte – rauchen Sie. Hilft bei der Konzentration. Und beim Zuhören.
Wollen Sie etwas trinken? Einen Kaffee vielleicht? Oder ein Bier? Sie haben doch heute keine Termine mehr. Da vertragen Sie schon ein Bier. Oder einen sommerlichen Spritzwein. Mit Zitronenscheibchen und Eiswürfel, wie wär‘ das? Ja? Freut mich.

Sie haben doch Kinder, Herr Strache. Wie viele? Ach zwei! Wundervoll. Kinder sind etwas Großartiges. Sie sind sicher ein toller Vater!
Nein, selber hab‘ ich keine Kinder. Aber ich mache mir Sorgen um viele Kinder auf dieser Welt. Als Gutmensch doch meine Pflicht! Lachen Sie nicht! Ich meine das ernst.
Ach, meine Geschichte? Jaja. Natürlich. Verzeihen Sie. Ich fange schon an.

Ich kenne da auch ein Kind. Einen kleinen Jungen, zehn Jahre alt. Er hat drei Geschwister – darunter eine Schwester und einen kleinen Bruder. Er spielt gerne Fußball und mag den Englischunterricht in der Schule. Vier Monate konnte er nicht zur Schule gehen. Er lag im Krankenhaus – sein linker Arm wird gelähmt bleiben.
Jaja, zum Grund komme ich gleich. Nicht so ungeduldig!
Schmeckt Ihnen der Sommerspritzer? Sehr schön.

Der Junge heißt Ibrahim. Seine Mutter heißt Sarratou. Ihr Dorf wurde von Boko Haram angegriffen. Sarratou und ihre Kinder versuchten davonzulaufen. Sie rannten in die eine Richtung, Ibrahim und sein Vater in die andere. Und jetzt stellen Sie sich vor, was passiert ist! Sie wollen das nicht hören? Ich lade Sie auf Ihren Spritzer ein, wenn Sie mir weiter zuhören. Auch wenn ich weiß, dass Sie das nicht nötig haben. Aber trotzdem. Hören Sie mir weiter zu. Mir zuliebe. Ja? Das freut mich.

Also. Wo war ich stehengeblieben. Ach ja, genau! Der Angriff.
Ibrahim musste zusehen, als seinem Vater die Kehle durchgeschnitten wurde. Auf Ibrahim wurde mit Macheten eingeschlagen. Die Boko Haram Kämpfer dachten, der Junge sei tot und hoben eine Grube aus, in die sie den Jungen warfen.
Wo das passiert sein soll? Ach, das hatte ich vergessen zu erwähnen: In einem Dorf in Nigeria. Mein Fehler.
Die 13-jährige Schwester von Ibrahim rettete ihrem Bruder das Leben, als sie und ihre Großmutter zwei Tage später in das Dorf zurückkamen, um nach ihm und seinem Vater zu suchen. Larama, die Schwester, setzte sich unter einen Baum in den Schatten. Sie hörte Fliegen summen. Müssen Sie sich ja mal vorstellen! Bei der Hitze!
Naja, jedenfalls lag da eine Gestalt. Kopf und Gesicht voller Blut. Es war Ibrahim. Sie hob ihren Bruder hoch – eine 13-Jährige! Wie viel Kraft dieses Mädchen haben muss. Unvorstellbar! Sie wollte ihn in Sicherheit bringen, weil sie wusste, dass er noch nicht tot war. Und sie schaffte es auch.
Ach, Ihr Glas ist ja schon leer! Möchten Sie noch einen Spritzer? Nein? Ein Seiterl? Hm…Sie wissen ja: Wein auf Bier, das rat‘ ich dir. Bier auf Wein, das lasse sein. Aber Sie sind ja erwachsen. Freut mich, dass Sie noch bei mir sitzenbleiben.

Also: Die Familie konnte von ihrem Dorf an die Grenze nach Kamerun flüchten. Von ihrem Dorf ist nichts mehr übrig. Die Häuser wurde abgefackelt. So erzählten es die Überlebenden. Heute leben sie in diesem Flüchtlingslager, das für nicht absehbare Zeit ihr neues Zuhause sein wird. Die Kämpfer von Boko Haram haben nicht nur das Dorf zerstört, sondern auch das Vieh der Familie gestohlen – ihre Lebensgrundlage. Sie haben nichts mehr, für das es sich lohnt zurückzukehren.
Ibrahim hat nicht aufgegeben. Er ist nicht mehr der selbe, erzählt seine Mutter. Aber er hat einen besten Freund gefunden und spielt mit den anderen Kindern im Flüchtlingslager.
Das ist nur eine Geschichte von 80 Millionen Flüchtlingen, die derzeit auf diesem Planeten unterwegs sind. Die ihre Heimat verlassen, weil es dort nicht mehr sicher ist und sie keine Lebensgrundlage mehr haben.
Was meinen Sie? Die Menschen sollen um ihre Heimat kämpfen, wie es die Österreicher getan haben? Sie wissen aber schon, dass der Großteil der Österreicher nicht für Österreich, sondern für die Deutsche Wehrmacht gekämpft hat. Und über den Anschluss an das Deutsche Reich höchst begeistert waren. Oder Österreicher, die Mitglied der SS waren, die dafür mitverantwortlich gewesen ist, dass es damals eine noch größere Flüchtlingsbewegung gegeben hat als heute. Dass Österreich wieder aufgebaut werden musste, lag in der Verantwortung vieler, die auf jenen Kriegstreiber den Eid abgelegt haben, der für die Zerstörung Österreichs zuständig war. Also bitte nicht die Fakten verwurschteln, Herr Strache!

Sie wollen jetzt sicher wissen, warum ich Ihnen diese Geschichte erzählt habe, nicht wahr?
Oh, natürlich können Sie von mir eine Zigarette haben. Bitteschön! Hier haben Sie noch Feuer. Hoppala – das ist Ihr Feuerzeug? Tut mir leid. Ich lasse gerne Feuerzeuge unabsichtlich mitgehen. Verzeihen Sie bitte.
Zum Grund, warum ich mit Ihnen rede: Weil ich glaube, dass Sie als Vater zumindest ansatzweise begreifen, was es für Ibrahim heißt, derartige Erfahrungen machen zu müssen. Weil ich weiß, dass Ihnen allein der Gedanke, Ihre eigenen Kinder nicht mehr aufwachsen sehen zu dürfen oder sie in unsicheren Verhältnissen zu wissen, Ihnen die Kehle zuschnürt. Diese Geschichte steht für diese zugeschnürte Kehle. 80 Millionen zugeschnürte Kehlen. Verlorene Kinder. Getötete Väter. Misshandelte Frauen.
Ich weiß, dass diese Geschichte Ihre Haltung, Ihre Meinung nicht ändern wird. Wenn Sie die Bereitschaft nicht haben, diese 80 Millionen als Menschen, die Hilfe brauchen, anzuerkennen, dann lassen Sie zumindest so Gutmenschen wie mir den Raum, diese Arbeit zu machen. Obwohl es eigentlich Ihre Aufgabe als Politiker wäre, sich um die Mitmenschen zu kümmern, bin ich so großzügig, diesen Teil Ihres Jobs nicht mit Nachdruck einzufordern. Es hilft ja sowieso nicht, nicht wahr?

Wollen Sie noch ein Seiterl?

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