Nicht akzeptabel!

Da liegst du zu Hause, die Waden in Topfenwickel eingepackt, um gegen das sommergrippale Fieber anzukämpfen und versuchst, zumindest halbwegs wieder auf die Beine zu kommen. Ich hatte mir fest vorgenommen, mich einige Tage nicht darum zu kümmern, was rund um uns – rund um mich – an Wahnsinn passiert. Sich permanent und rund um die Uhr damit auseinanderzusetzen, macht krank. Und die Tatsache, dass ich seit über einem Jahr alles andere als gesund bin, mag möglicherweise damit zu tun haben, dass ich mich auch außerhalb meines Jobs mit Themen, die uns alle etwas angehen, befasse. Und zwar 24/7. Die Fotos von Flüchtlingen, die verzweifelt versuchen, über die griechisch-mazedonische Grenze zu kommen und mit Tränengas attackiert wurden, ließen mich an den heilenden Schlaf nicht einmal denken.
Momentan denke ich an die Menschen, die in Traiskirchen im Freien übernachten müssen: Krank, fiebernd, ohne Topfenwickel, warmes Bett, Neocitran und ärztliche Hilfe. Sie haben nicht die Möglichkeit, zu euch zu sprechen. Ich habe diese Möglichkeit. Und ich möchte sie hiermit nutzen.
Ich wende mich zuallererst an jene, die helfen: Ich danke euch! Danke für euren selbstlosen Einsatz. Danke dafür, dass ihr euch still und unaufgeregt um die Flüchtlinge kümmert, denen so viele in diesem Land den Tod wünschen. Ihr seid Helden!
Und nun zu jenen, die versuchen, Menschenrechte zu etwas Relativem, nur für sie selbst Geltendem zu erklären. Ich würde dies gerne an einem konkreten Beispiel festmachen:
In Oberösterreich ist Wahlkampf. Landtags- und Gemeinderatswahlen stehen an. Ich hatte ja insgeheim gehofft, dass man sich in meiner Heimatgemeinde Ebensee, wo seit einigen Monaten eine Gruppe von Flüchtlingen untergebracht ist und sich die Zivilgesellschaft mit unglaublicher Solidarität an die Seite dieser Menschen stellt und sie unterstützt, zu einem gewissen „Gentlemen/women-Agreement“ bekennt. Ich hatte wirklich gehofft, dass sich niemand in xenophobe Niederungen begibt und man – über jegliche Partei- und Ideologiegrenzen hinweg – unsere neuen GemeindebewohnerInnen willkommen heißt. Überwiegend ist das auch der Fall: Deutschkurse und gemeinsame Aktivitäten werden organisiert, die Plattform „Leben in Ebensee“ wurde gegründet, alte und neue EbenseerInnen feierten bei einem Get-Together und beim Marktfest gemeinsam und neue Freundschaften wurden und werden geschlossen. Ich war und bin der Meinung, dass hier parteipolitische Farben- und Wahlkampfaktionen auf Kosten der Flüchtlinge keine Rolle spielen sollen. Es lässt sich schlicht darauf reduzieren, wer menschlich denkt und wer nicht.
Nun musste ich heute lesen und auf Fotos sehen, dass die FPÖ direkt gegenüber jenem Wohnhaus, wo die Flüchtlinge untergebracht sind, ein Plakat angeschlagen hat. Es zeigt HC Strache und Manfred Haimbuchner und die Aufschrift: „Sichere Grenzen, sichere Heimat. Die Menschen. Das Land. Unsere Berufung“.
Nun bin ich auch der Meinung, dass man der FPÖ nicht allzu viel Öffentlichkeit geben sollte. Ich bin aber zugleich der Ansicht, dass man derartige Provokationen nicht unwidersprochen lassen darf. Und in meiner Heimatgemeinde, in der so viele tolle, sozial denkende, wundervolle, offene Menschen leben und aktiv sind, sich in Vereinen engagieren und für ein vielfältiges Miteinander eintreten, lasse ich derartiges erst recht nicht einfach so stehen!
Unsere Gemeinde hat aufgrund ihrer Geschichte eine besondere historische Verantwortung! Ich wäre heute nicht hier, wären meine Großeltern vor vielen Jahrzehnten nicht hierher geflüchtet. Hätten sie nicht die Möglichkeit bekommen, sich hier eine neue Existenz aufzubauen, gäbe es mich vielleicht gar nicht. Ebensee nimmt diese historische Verantwortung sehr ernst: Neben dem Zeitgeschichte Museum und der KZ-Gedenkstätte wird im Rahmen einer Städtepartnerschaft mit Prato und jährlicher Gedenkfeiern an die Befreiung des KZ Ebensee dafür gesorgt, dass das hier Geschehene nicht vergessen wird.
Vor sechs Jahren haben mehr als tausend Menschen hier ein Zeichen gegen Rassismus und Menschenverachtung gesetzt. Sie sind das Gesicht Ebensees! Sie sind die, die gehört und gesehen werden müssen.
Manche mögen in der FPÖ-Plakataktion lediglich einen „Zufall“ sehen. Ich sehe das nicht so. Hier wurde bewusst ein Signal gesetzt. Genauso gut hätte man ein Schild hinstellen können, auf dem „Ausländer raus!“ geschrieben steht. Das ist nicht mein Ebensee. Ich akzeptiere politische Meinungen, die nicht die meinen sind. Sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsam Kompromisse zu finden, ist für mich ein wichtiger Grundsatz. Sobald es jedoch gegen die Schwächsten unserer Gemeinde, unserer Gesellschaft geht, sehe ich darin keine politische Meinung mehr, sondern schlicht menschenfeindliche Propaganda. Mit derartigen Aktionen trefft ihr nicht nur die Flüchtlinge, die dort leben, sondern missachtet zudem das Engagement vieler Ebenseerinnen und Ebenseer. Und beides ist für mich nicht akzeptabel!

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