Stille

Endlich hab‘ ich’s geschafft. Endlich keine Bombeneinschläge mehr. Meine Familie ist bei mir. Meine Frau, meine Tochter. Ich hatte Glück, jemanden zu finden, der mich aus diesem Krieg wegbringt. In eine sichere Zukunft. Ich bin so erschöpft. So müde. Ich habe Hunger. Aber der Hunger ist nicht so schlimm wie der Durst. Ich bin so durstig. Meine Tochter weint. Sie will Wasser. Wir schaffen das. Irgendwo, nur ein paar Stunden entfernt ist Sicherheit. Uns wird geholfen werden. Ich versuche, meine Frau zu beruhigen. Sie weint. Vor Erschöpfung. So müde. Jemand neben mir, jemand, den ich nicht kenne, weint auch. Ich versuche, nicht zu weinen. Es bringt ohnehin nichts. Tränen verunsichern. Tränen verursachen Panik. Ich weine nicht. Hier drin herrscht dicke Luft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kommt es mir nur so vor, oder bin ich in den letzten Stunden noch müder geworden? Es müssen die Strapazen sein. Ein langer Fußmarsch. Jemand, der zur Eile drängt. Dreitausend Euro dafür, das Sterben hinter uns zu lassen. Was ist schon Geld, wenn es dabei hilft, zu überleben? Meine Tochter hält ihren Teddybären fest. Er ist ihre Zuflucht. Das einzige, das sie mitnehmen durfte. Ihre Hoffnung. Meine Frau weint. Sie hört nicht auf zu weinen. Meine Tochter kippt zur Seite. Ihr Atmen wird langsamer. Gleichmäßig. Meine Frau hat aufgehört zu weinen. Ihre Tränen versiegen. Sie ist zu müde zum Weinen. Sie schläft ein. Mein linkes Bein ist eingeschlafen. Es kribbelt. Um die Beine umzulagern fehlt der Platz. Ich versuche, das Kribbeln zu ignorieren. Es ist dunkel. Dunkelheit. Seit Stunden. Seit Tagen. Unter uns brummt der Motor. Wo wir jetzt wohl sein mögen? Ich werde noch müder. Mein Atem, zuvor noch stoßweise und aufgeregt, wird langsamer. So müde. Meine Augen werden schwer. Riecht es hier eigenartig? Metallisch irgendwie. Meine Tochter murmelt etwas im Schlaf. Zwei tiefe Atemzüge. Stille. Sie ist ruhig. Meine Frau holt tief Luft. Stille. Jemand neben mir schnauft. Einmal. Zweimal. Stille. Der Lieferwagen schlingert. Der Motor stoppt. Türenschlagen. Jemand flucht. Ein schwacher Lichtschein. Noch mehr Fluchen. Die Ladetür schnalzt. „Nichts mehr zu machen“, höre ich. Womit? Haben wir eine Panne? So müde. Ich schließe meine Augen. Frieden? Sind wir schon über der Grenze? In Sicherheit? Druck auf der Brust. Ganz schwach, aber da. Ich atme einmal. Zweimal. Ich kann nicht mehr. Zu müde. Zu erschöpft. Atmen ist anstrengend. Ich lass es bleiben. So müde. Stille.

Und sonst so?

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