Über Scheinheiligkeit und das große NEIN

Nachdem in unzähligen Artikeln, Kommentaren, Blogbeiträgen und Postings zu den Ereignissen in Köln Stellung bezogen wurde, habe ich lange überlegt, ob es noch einen mehr braucht. Schließlich entschied ich mich dafür. Weniger, um Öffentlichkeit zu bekommen. Davon gehe ich bei den 1,7 LeserInnen, die pro Tag im Schnitt meinen Blog besuchen, eher nicht aus. Doch ich bin mir selber eine Positionierung schuldig. Manchmal ist es doch einfacher, sich eine Meinung zu bilden, wenn man diese auch niederschreibt. Es ist eine Hilfe zur Selbstreflexion. Nun denn. Es ist ein Versuch.

Die erste Frage, die ich mir gestellt habe, als die Übergriffe öffentlich wurden, war: Was macht es mit mir und meiner Einstellung, dass die mutmaßlichen Täter (ich wähle den Begriff „mutmaßlich“ bewusst, da die Verfahren ja noch laufen) keine deutschen Staatsbürger waren? Und ich habe mich über diesen ersten Gedanken sehr geärgert. Spielt die Herkunft tatsächlich eine Rolle? War es wirklich so, dass es ausnahmslos Männer waren, die keine deutschen Staatsbürger sind? Spielt diese Frage eine Rolle? Und ich ärgere mich noch mehr über mich selbst. Denn ehrlicherweise muss ich sagen: Nein, sie spielt keine Rolle. Es ändert nichts daran, dass Frauen belästigt wurden. Und es ändert auch nichts daran, dass sexualisierte Gewalt ganz besonders perfide ist. Die Frage nach der Herkunft überhaupt zu stellen, ist in meinen Augen scheinheilig. Diese Frage überlagert so vieles, das nun in der Debatte völlig außen vor gelassen wird. Die Frage, warum manche Männer glauben, dergleichen tun zu können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Der Glauben, hintatschen und grapschen zu dürfen, wurde in der Debatte um den sogenannten „Pograpsch-Paragrafen“ in Österreich von Politikern vertreten. Ohne jede Scham. Forderte man Sensibilität und das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen, weiblichen Körper ein, war man bisweilen die „frustige Emanze“, die lediglich neidisch ist, weil sie niemand auch nur mit der Kneifzange anzupacken bereit ist. Und ich frage: Also was denn nun?

Was für mich an der Debatte besonders entlarvend, ja richtiggehend erbärmlich ist: Menschen, denen Frauenrechte bisher feierlich am Allerwertesten vorbeiging, glauben nun, sich als Bewahrer und Beschützer der weiblichen Integrität aufspielen zu müssen. À la: Unsere Frauen begrapschen wir aber bitteschön immer noch selber. Dann ist’s auch kein Problem.

Über der kollektiven Empörung wird eine Gruppe vergessen: Die Gruppe der Opfer. Sie werden instrumentalisiert und müssen herhalten für den „Wir haben’s ja schon immer gewusst, dass alle Ausländer böse und triebgesteuert sind“-Plärrer. Und werden schon allein dadurch nicht ernstgenommen. Der Wutbürger fühlt sich in seinem Vorurteilsdenken bestätigt. Und vergisst ob dieser Empörung, dass derartige Übergriffe tagtäglich passieren. Bei Feiern, im Club, am Arbeitsplatz , im Bierzelt und in der U-Bahn. Das Tätscheln auf den Hintern, der Blick in den Ausschnitt, die „verirrte“ – oh, hoppala – Hand im Schritt sind Dinge, die beinahe jede Frau schon einmal erlebt hat.

Während der Studienzeit bot mir ein betrunkener Typ um vier Uhr früh in einem Lokal auf der Tanzfläche hundert Euro dafür, meinen nackten Hintern sehen zu dürfen. Doch wie reagiert man, wenn das alle Umstehenden mitbekommen? Mit einer Ohrfeige? Dreht man sich weg? Ignoranz? Anzeige? Schlussendlich versucht man, sich galant aus der Situation zu befördern, ohne einen großen Aufstand zu verursachen. Es ist ja eh „nichts“ passiert. Kurzum: Warum überlegen wir in derartigen Situation überhaupt, wie wir handeln sollen? Weil es immer noch nicht selbstverständlich ist, eindeutig und klar „Nein“ sagen zu dürfen. Und im konkreten Moment ist es einem herzlich egal, welchen Pass oder Aufenthaltsstatus derjenige hat. Man ist schlicht angeekelt und würde sich am liebsten in Luft auflösen.

Wir vermeiden einen längst fälligen Diskurs. Und zwar die schmerzhafte Frage, wie viel Frauen in unserer oberflächlich als aufgeklärt erscheinenden Gesellschaft wert sind. Und ob das Geschlecht (hier beziehe ich bewusst Frauen, Männer und Menschen, die sich als LGBTQIA begreifen) zu etwas werden kann, das jemanden zu einem weniger legitimen Opfer machen darf. Oder anders gefragt: Muss ich mehr „Grapschen“ aushalten, weil andere der Meinung sind mich anfassen zu dürfen, weil sie glauben ich fühle mich dadurch geschmeichelt?

Wer ein „Nein“ nicht als „Nein“ versteht, ist ein Arschloch. Wer Belästigung und sexuelle Übergriffe verhindern will, muss ebenso klar „Nein“ zu Dingen, die landläufig als Kavaliersdelikt angesehen werden, sagen. Wer – wie im konkreten Fall – Frauen vorschreibt, wie sie sich zu verhalten haben, um Übergriffe zu verhindern, macht sie indirekt dafür verantwortlich und suggeriert, dass es Verhaltensmuster gäbe, die derartige Gewalt verhindern. Die gibt es schlicht nicht. Solange es Täter gibt, die glauben sich nehmen zu können, wonach ihnen gerade ist und eine Gesellschaft, die diese Form der Gewalt als Randthema behandelt, die Integrität der Opfer in Frage stellt, werden die Leute lieber auf den „Flüchtlinge sind ohnehin alle triebgesteuert“-Zug aufspringen, anstatt klar und deutlich „Nein“ zu sexueller Gewalt gegen Frauen zu sagen.

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Ein Kommentar zu „Über Scheinheiligkeit und das große NEIN

  1. die männer dürfen das – frauen sind nie sicher:
    wie viele deutsche männer nehmen denn die frauen in deutschland als wirklich gleichwertig und gleichberechtigt wahr, so wie es im grundgesetz steht?
    frauen und männer sind strukturell auch in deutschland nicht gleichberechtigt, auch wenn es auf dem papier so aussieht. daran wird sich nichts ändern, solange die frauen nicht wieder anfangen, sich für ihre rechte einzusetzen. wieder ist mehr mehr feminismus in deutschland nötig, in den köpfen, im individuellen handeln, in zwischenmenschlicher, beruflicher und politischer hinsicht.
    die frauenfeindliche position des islam ist für mich genauso unerträglich wie die haltung der katholischen kirche zur gleichberechtigung der frauen. welche moderne frau mit bildung und gesunder persönlichkeit findet es (nach etwa 100 jahren frauenemanzipation) noch in ordnung, an eine institution kirchensteuer zu zahlen, die frauen diskriminiert?…..https://einsiedlerblog.wordpress.com/2016/01/09/die-maenner-duerfen-das-frauen-sind-nie-sicher/

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