Der wertschätzende Widerspruch

Momentan wird viel darüber diskutiert, ob man FPÖ-WählerInnen pauschal als dumm, hinterwäldlerisch und rechtsextrem bezeichnen darf oder nicht. Wie so häufig wird nicht unterschieden zwischen Runtermachen, Kritik, Beschimpfung und wie Aussagen beim Gegenüber ankommen. Es dominieren Kränkungen und als Kränkungen empfundene Aussagen. So einfach ist es aber wahrlich nicht.

Wer meine Blogeinträge liest, der/die weiß, dass ich die Politik und Ideologie der FPÖ ablehne. Weil sie gegen Minderheiten geht, gegen Menschen, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden und in der Gesellschaft benachteiligt werden. Es wird suggeriert, als ob die FPÖ die Ängste der Menschen ernst nehmen würde. Stattdessen schürt sie selbige. Sie verunsichert und spaltet. Und erklärt – wenn auch nicht offen, aber doch offensichtlich – die eigene Wählerschaft für dumm. Sie präsentiert keine Lösungen, obwohl die Menschen auf Lösungen drängen. Dieses Fehlen von Lösungsansätzen wird übertüncht durch gezieltes Schaffen von Feindbildern. Alles schon dagewesen und nix Neues.

Realpolitisch fährt die FPÖ eine Politik, die viele Menschen benachteiligt. MindestsicherungsbezieherInnen werden pauschal als arbeitsunwillig und faul hingestellt und als SozialschmarotzerInnen verunglimpft. Das Abstimmungsverhalten der FPÖ spricht gegen ihre propagierte „Politik für den kleinen Mann“. Sie lähmt die Menschen in ihren Ängsten und trägt nicht dazu bei, dass sich die Leute besser fühlen und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen können. Die FPÖ ignoriert, dass wir immer noch in einem der reichsten Länder der Welt leben. Die Bundesregierung lässt sich von Panik, Boulevard, Populismus und Hysterie treiben, anstatt genau diese Sicherheit des Sozialstaates und den Reichtum unseres Landes hervorzuheben.

Doch nun zur zentralen, eingangs gestellten Frage: Sind die, die FPÖ wählen, automatisch Unmenschen? Sind sie dumm? Haben sie es verdient, abgewertet zu werden?
Zuerst einmal möchte ich sagen, dass niemand es verdient hat, abgewertet zu werden. Jeder und jede ist gleich viel Mensch und gleich wichtig. Mein persönliches Umfeld ist ein bunter Haufen. Und schon allein der Logik wegen müssen auch FPÖ-WählerInnen dabei sein. Wenngleich sich bis jetzt noch niemand wirklich als FPÖ-AnhängerIn deklariert hat. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich aus meiner Ablehnung der FPÖ gegenüber kein Hehl mache. Diese Menschen reden trotzdem mit mir und ich mit ihnen. Wenngleich auch nicht über Parteipolitik, so doch über Themen und Probleme des Alltags, die bisweilen sehr schwer wiegen. Das sind Sorgen, die sich nicht primär um Flüchtlinge drehen, sondern um die Frage, was man tun kann, um den Sohn in der Schule besser zu unterstützen. Dass man sich im Job benachteiligt und unnütz fühlt. Dass man trotz Arbeitens bis zur Erschöpfung nicht mit dem Geld auskommt und sich die Miete nicht mehr leisten kann.
Vermutlich tun sie das, weil eine persönliche Bindung besteht. Weil man einander schätzt und mag, sich schon lange kennt oder gemeinsame Interessen teilt. Dem gegenüber erinnere ich Erfahrungen, die ich bei FPÖ-Wahlveranstaltungen gemacht habe, die ich ab und an besuche. Dort wurde ich von BesucherInnen dieser Veranstaltungen beschimpft, bedroht, körperlich angegangen, unsanft rausgeschmissen und auch fotografiert – unabhängig davon, ob ich mich eingemischt oder deklariert habe oder einfach nur still daneben stand. Durch meinen Einsatz für Armutsbetroffene, Flüchtlinge und eine Gesellschaft des Miteinander hab‘ ich mir Drohanrufe und Drohbriefe (und eine besonders schicke Postkarte mit Blümchenmotiv samt „Good night red side“-Sticker) eingehandelt. Das einfach so wegzuwischen und zu sagen „Das bringt das Engagement halt so mit sich“ ist nicht so einfach. Und es macht es noch schwerer offen zu bleiben. Drohungen sind nun mal keine Kritik und kein Angebot zum Diskurs, sondern bleiben schlicht Drohungen.

Sich klar gegen die FPÖ und deren Politik sowie ihre ParteivertreterInnen zu stellen und auf Verwicklungen in rechtsextreme Kreise hinzuweisen ist für mich meine BürgerInnenpflicht. Als meine Pflicht sehe ich es auch, mit jenen im Gespräch zu bleiben, die sich benachteiligt fühlen oder es tatsächlich sind. Das ist für mich kein Widerspruch. Weil ich der Meinung bin, dass diese Benachteiligungen der Menschen, die mir wichtig sind und die’s eh schon schwer genug haben im Leben, durch die FPÖ noch weiter verstärkt werden würde und auch schon werden (dort, wo die FPÖ schon in der Regierungsverantwortung ist). Zugleich lasse ich mir sicher nicht den Mund verbieten von jenen die denken, dass eine Ablehnung der FPÖ die FPÖ noch stärker macht. Ist Schweigen eurer Meinung nach der richtige Weg? Ist die innere Emigration wirklich die Lösung? Meiner Meinung nach nicht. Der Widerspruch gegen und die Kritik an der FPÖ wird von der Partei selbst aber auch von so manchen FPÖ-WählerInnen als persönliche Kränkung angesehen. Dass man für das Bekenntnis zur FPÖ auch geradestehen und sich kritisieren lassen muss, ist halt nun einmal so. Nachgewiesenermaßen hat die FPÖ einen rechtsextremen Hintergrund und fährt eine menschenfeindliche Politik. Wählt man sie (und wenn auch „nur“ aus Protest), so akzeptiert man diese Menschenfeindlichkeit und riskiert, dass Maßnahmen menschenfeindlicher Politik auch irgendwann einmal einen selber betreffen.

Wer das persönliche Gespräch sucht, rennt bei mir offene Türen ein. Wenn ich das Gespräch suche und die Bereitschaft da ist, mit mir zu reden, rede und diskutiere ich mit den Menschen. Schlagen mir Feindschaft, Abwertung und Bedrohungen entgegen, ist das für mich kein Grund, Gespräch und Diskurs zu suchen. Muss ich damit rechnen, dass meine körperliche und psychische Integrität beschädigt werden, grenze ich mich ab.

Mich von der FPÖ und deren Politik abzugrenzen und diese abzulehnen ist eine Hinwendung zu den Menschen und zum Prinzip der Gleichheit aller. Schlägt mir Hass entgegen, bemühe ich mich, nicht mit Hass zu antworten. Ich spreche denen, die mich hassen, ihr Menschsein nicht ab. Ich spreche jenen, die andere hassen, weil es so unheimlich bequem ist, ihr Menschsein auch nicht ab. Ich spreche jenen, die eine Partei wählen, die Hass zum politischen Prinzip erhoben haben, ihr Menschsein nicht ab. Aber ich mache klar, dass es für mich der falsche Weg ist und stecke die Grenzen dessen, was in der Diskussion für mich erträglich ist, ab. Ich argumentiere warum und versuche, das wertschätzend zu tun. Wenn innere Emigration und Schweigen besser sein sollen als das, so ist das nicht mein Verständnis von Haltung.

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