Warum Angst nix bringt | Ein Plädoyer gegen die Furcht

Die Stimmung in Österreich und in Europa insgesamt ist gelinde gesagt eine Katastrophe. Die Gräben zu Themen wie Flucht, Asyl, Mindestsicherung und das Sozialsystem als Ganzes gehen nicht nur quer durch die Gesellschaft, sondern spalten Familien, Freundeskreise und Betriebskollegien. Angst zu haben ist gewissermaßen en vogue. Egal ob berechtigt oder nicht: Wir fürchten uns. Vor Flüchtlingen, sozialem Abstieg, Jobverlust, Machtverlust, Debatten, Verantwortung, Unsicherheit, Gewalt oder sogar dem eigenen Nachbarn. Wenn man so will, kann man sagen, dass uns zumindest eine Sache eint: Furcht.
Angst ist etwas Destruktives. Angst schaltet die Vernunft aus. Angst ist eine Spirale, die uns nicht mehr hergibt, wenn wir einmal in ihr gefangen sind. Schon Rainer Werner Fassbinder titelte „Angst essen Seele auf“. Und es ist etwas Wahres dran.
Als Kind hab‘ ich mich vor Ameisen gefürchtet (ja, ihr dürft mich gerne auslachen; Lachen macht schön). Selbst wenn mir meine Mama zig Mal erklärt hat, dass mir diese kleine Ameise sicher nicht den Kopf abbeißen wird, waren Ameisen ein erhebliches Problem für mich. Mein Cousin – ein paar Jahre älter als ich – hatte seine hellste Freude daran, mich kleinen Zwerg davon zu überzeugen, dass Ameisen das Böseste der Welt seien. Die beißen nämlich und das tut weh und überhaupt. Zum Glück wird man ja älter, hört ab und an doch auf die Mama und erfährt irgendwann, dass es nicht den Untergang bedeutet, wenn dich eine Ameise anpieselt. Der Respekt vor Spinnen ist mir zwar geblieben. Wir haben uns aber auf eine friedliche Koexistenz geeinigt.
Was ich damit sagen will: Angst lähmt. Sie bringt uns keinen Schritt weiter. Sie führt dazu, dass wir im Status Quo verharren und uns zu Tode fürchten, anstatt aktiv zu werden und uns dagegen zu wehren, dass andere versuchen, mit unserer Angst zu spielen und sie zu bestärken statt sie uns zu nehmen. Warum hören wir auf jene, die uns lähmen anstatt die Hand zu nehmen, die uns aus der Angstspirale herausführen könnte? Die Hand, die uns als Mensch akzeptiert mit allen Rechten, die wir haben und die jedem und jeder von uns zustehen.

Angst zu haben ist furchtbar anstrengend. Sie macht uns aggressiv. Sie macht uns so aggressiv, dass wir in alle Richtungen austeilen, selbsternannten Führern nachlaufen, andere zum „Feind auf ewig“ erklären und unverhohlen Drohungen ausstoßen. An die emotionalen Konsequenzen für das Gegenüber und für andere, denen die Gleichheit im Menschsein abgesprochen wird, denken wir hierbei nicht. Wir hegen unsere Vorurteile, die in erster Linie selbstdienlich sind und suhlen uns im Zuspruch unserer FacebookfreundInnen. Ich bin hier einmal präpotent und selbstgerecht und sage: Jeder und jede von uns hat mindestens ein Mal in seinem bzw. ihrem Leben so agiert. Ob er/sie es zugibt oder nicht.
Fundamental für uns alle ist: Wir sind Menschen, die mit unteilbaren Rechten ausgestattet sind. Sich in einem Land wie Österreich auf das Recht der freien Meinungsäußerung zu berufen, um anderen Menschen ihre Rechte abzusprechen aus Angst, jemand könnte uns etwas wegnehmen, ist eine Spirale der Furcht, aus der sich viele nicht zu befreien wissen. Der Slogan „Man muss die Ängste der Menschen ernst nehmen“ ist deswegen grundlegend falsch, weil Ängste selbstdienlich sind und durch weitere Angstmache (so wir landläufig das „Ernstnehmen“ verstanden und umgesetzt) nicht genommen werden können. Die Menschen sollten stattdessen auf unterschiedlichsten Ebenen hören „Ihr braucht euch nicht zu fürchten“. Anstatt die eigene Unfehlbarkeit zu kultivieren, wäre es an der Zeit zuzugeben, dass niemand von uns perfekt ist. Ich sage euch: Ich habe keine Angst. Solange wir miteinander keine Angst haben, kann auch keiner daherkommen und uns das einreden.

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Ein Kommentar zu „Warum Angst nix bringt | Ein Plädoyer gegen die Furcht

  1. Hat dies auf effifanblog rebloggt und kommentierte:
    Angst, die lähmt…. Angst, die aggressiv macht….Ein Thema, welches man nicht oft genug an-und aussprechen kann! Wichtige Themen hinterfragen, hinter die Kulissen schauen…sich um die Zukunft und Existenz, um Sicherheit und Familie sorgen – alles gerechtfertigt!! Aber Angst, die LÄHMT UND AGGRESSIV MACHT! Bitte lasst es uns in großen Gruppen sagen: NICHT MIT UNS!

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