Aufbruch in eine neue Sozialdemokratie?

Euphorie ist ja etwas sehr Ansteckendes. Fast wie Masern. Vielleicht auch gleichermaßen ungesund? Ich kann es nicht sagen. Jedenfalls muss man vorsichtig damit umgehen.
Die Euphorie am außerordentlichen SPÖ-Bundesparteitag war spürbar. Nein. Sogar richtiggehend greifbar. Ist Christian Kern der so sehr herbeigesehnte „Sonnenkönig“ der sozialdemokratischen Bewegung? In seiner Rede mahnte er ein, genau das nicht in ihm zu sehen. Und das ist auch wichtig und richtig. Es geht am Ende des Tages (haha, eine kleine Hommage an Livia Klingl sei hier erlaubt) um die Realpolitik und um Forderungen, die auch tatsächlich umgesetzt werden. Das weiß jeder und jede und es wird oft genug eingemahnt, am Boden zu bleiben. Nicht zuletzt von Kern selbst.
Doch was spricht nun für die Vorschusslorbeeren? Schwierig. An sich bin ich niemand, die selbige vergibt. Ich möchte selber an meinen Kompetenzen und dem, was ich erreiche, gemessen werden. Jede und jeder, der/die sich selber ernst genug nimmt, wird vermutlich nichts anderes wollen. Aber es geht schließlich um mehr. Die FunktionärInnen – bis runter zum/zur Gemeinderätin und dem/der in der Sozialdemokratie Engagierten, der/die ja schließlich nicht wenig Freizeit dem opfert, von dem er/sie überzeugt ist – brauchen Motivation und eine Perspektive. Es ist wahrlich nicht schön, wenn man sich beim Feierabendbierchen die „Watschn“ abholen kann für alles, was in der Politik (egal ob Bund oder Gemeinde) falsch läuft. Und im Endeffekt kann man’s auch nie allen recht machen. Das ist aber auch nicht der Anspruch von Parteipolitik und dem, was es für das Engagement braucht: Haltung und Überzeugung! Beides mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, wenn man eigentlich weiß, dass die Bewegung am Boden liegt, ist unheimlich schwer. Und jene, die mit der FPÖ liebäugeln, machen’s einem/einer überzeugten Sozialdemokraten/in nicht wirklich leichter. Im Persönlichen geht’s auch darum, sich von dem abzugrenzen, das für einen/eine selbst nicht mehr tragbar ist. Es braucht Profil und – besonders in der politischen Arbeit – ein großes Maß an Herz. Fehlt selbiges, tut man sich schwer, andere von der Sinnhaftigkeit der eigenen Haltung zu überzeugen. Um sich für die eigene Überzeugung einzusetzen und die Fundamente sozialdemokratischer Ideen nicht nur zu propagieren sondern auch leben zu können braucht es Motivation, Zugehörigkeitsgefühl und eine Perspektive. Christian Kern vermittelt denen, die an der Basis arbeiten und Überzeugungsarbeit leisten, ebendiese. Nach einer erheblichen Durststrecke tut es gut, ein „wir“ zu hören. Das täuscht nicht darüber hinweg, dass die Koalition zerstritten ist und die Sozialdemokratie in einer veritablen Krise steckt. Besonders an Fragen der Menschlichkeit und des Umgang mit Flüchtlingen müssen wir uns messen lassen. Die Obergrenze ist für mich nach wie vor der falsche Weg und einer Sozialdemokratie unwürdig. Es streitet sich am Stammtisch aber trotzdem leichter, wenn man weiß, dass es einen mehr gibt (der halt zufällig Bundeskanzler und Bundesparteivorsitzender ist), der nicht der FPÖ hinterherhechelt und die Fähigkeit hat, Menschen für ihr politisches Engagement zu begeistern und ihnen frische Energie zu geben. Sich dem Groupie-Wahn zu ergeben, mag im Moment angenehm und „schick“ sein. Um der Sozialdemokratie jene Kraft zurückzugeben, die sie benötigt, um wirklich humanistische Politik für alle zu machen, braucht es allerdings mehr als Selfies. Das muss uns klar sein. Christian Kern hat den Verstand, das Auftreten und die Courage, um der SPÖ diese Chance zu bieten. Es hängt allerdings nicht an ihm allein, die Vorstellungen, die wir haben, auch tatsächlich umzusetzen. Es wird zäh, mühsam, hart und langwierig. Darüber müssen wir uns im Klaren sein. Also: Auf geht’s!

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