Ist Erinnerung wirklich genug?

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(c) Michael Büker | Auflistung der Namen von Opfern in der Gedenkstätte Potočari

Jedes Jahr am 11. Juli findet der Gedenktag in Erinnerung an das Massaker an über 8000 getöteten muslimischen Bosniern – überwiegend Buben und Männer – in und um Srebrenica statt. 21 Jahre ist es nun her: Das Töten, das von der UN als Genozid eingestuft wurde. Und die Wunden sind nach wie vor tief. Die Versöhnungsversuche ähneln dem Stein, den Sysiphos versucht einen steilen Hang hinauf zu rollen: Schmerzhaft, leidvoll, anstrengend und bisweilen sinnlos. Die Forderung, man möge damit abschließen oder sich „gefälligst endlich die Hand zur Versöhnung reichen“ kann nur von jenen kommen, die noch nie mit diesem tief sitzenden Schmerz konfrontiert waren. Nichts desto trotz gibt es Menschen, die Frieden, Aussöhnung und Dialog suchen und im Gedenken an den Genozid mehr sehen als das reine „Daran-Erinnern“: BosnierInnen und SerbInnen, die einander die Hand reichen und miteinander gegen Hass, Rassismus und Ausgrenzung auftreten. Erstaunlich, denkt man etwa an die tiefen Gräben, die nach wie vor zum Genozid an den ArmenierInnen bestehen. Und noch erstaunlicher, sieht man sich die lange Zeit nicht vorhandene Erinnerungskultur in Österreich an. Was natürlich die Frage nach der Vergleichbarkeit aufwirft. Sind alle Genozide gleich schlimm? Kann man sie miteinander vergleichen? Im Sinne der Gleichsetzung: Nein. Das Leid der Opfer ist niemals miteinander vergleichbar oder sogar aufrechenbar. Jede Opfergeschichte ist anders. Und jede Geschichte der TäterInnen ebenso. Zudem schwingt bei Vergleichen häufig auch eine ideologische Absicht mit à la: Aber die anderen waren doch genauso schlimm! Das kann nicht die Absicht einer Erinnerungskultur sein – sei dies auch noch so verlockend. Was aber durchaus vergleichbar ist, sind die „Kulturen des Umgangs“ mit Genoziden, der Verzweiflung und den Traumatisierungen der Überlebenden, der Familien und Nachkommen der Massakrierten sowie ganzer Gruppen, die den Schmerz über Generationen weitertragen: Vom individuellen ins gruppenspezifische und kollektive Gedächtnis. Sieht man sich die Geschichte der Genozide und Kriegsverbrechen an, so ist eines stets gleich: Die Weltgemeinschaft hat zugesehen. Teile der Bevölkerung haben zugesehen und davon gewusst. Medien haben zugesehen und davon gewusst. Politisch und militärisch Verantwortliche haben zugesehen, davon gewusst und…nichts, zu wenig oder das Falsche getan. Wir glauben, dass die Erfahrung, zugesehen und nichts getan zu haben, derartige Taten in Zukunft verhindern kann: Das wohlbekannte und viel zitierte „Nie wieder!“ als Phrase des Willens zur Erinnerung. Und die Erinnerung darf niemals nicht passieren. Denn sie ist notwendig, um gedenken und trauern zu können. Doch sind Trauer und Gedenken allein genug, um zukünftiges Grauen zu verhindern? Um Gewalt, Verfolgung und Mord zu verhindern? Seien wir doch in diesem Punkt ein einziges Mal ehrlich und sagen: Natürlich ist Gedenken nicht genug! Den Beweis sehen wir tagtäglich in uns und um uns selber. Wir gedenken vergangener Taten demütig, legen Kränze nieder, beugen die Häupter und posten das altbekannte „Nie wieder!“, während anderswo auf der Welt die Vorbereitungen zu zukünftigen Genoziden gesetzt werden. Und wir erkennen Grenzkontrollen, Abschottung, Nationalismen und Kriminalisierung von Flüchtlingen als politisch und taktisch notwendig an in dem Wissen, dass andernorts dadurch den Srebrenicas und ihren TäterInnen die Opfer zur Verfügung gestellt werden. Während wir Kränze niederlegen und Häupter beugen, machen wir den gleichen Fehler, der zur Ureigenschaft des Genozids gehört: Zuzusehen und zu wissen. Und zwar ohne zu protestieren, ohne aufzuschreien und ohne zu handeln. Wir handeln im Nachhinein in Form von Solidarisierung, Trauer und Mitgefühl, das sicher durchaus ehrlich gemeint und zur Bildung einer Erinnerungskultur unbedingt notwendig ist. Doch ich frage an dieser Stelle noch einmal: Ist Erinnerung wirklich genug?

Dokumentation des Bayerischen Rundfunks „Die Schatten von Srebrenica – 20 Jahre nach dem Bosnienkrieg“

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