Zum 9. November

Es waren Krisenzeiten. Ohne Frage. Banken gingen pleite. Die Geschäfte liefen schlecht und die Staatsverschuldungen stiegen. Weltweit. Sparkurs. Die Bevölkerung versank in einer Mischung aus Unsicherheit, Angst, Hass und Gewalt. Man ging auf die Straße. Die ideologischen Gräben waren tief. GesinnungsgegnerInnen standen einander auf den Straßen unversöhnlich gegenüber. Nicht nur einmal kam es zu Handgreiflichkeiten. Es wurde gepöbelt und der Chauvinismus war stark in der Gesellschaft. Die einen fühlten sich den anderen überlegen. Es wurden Feindbilder kultiviert, gehegt und gepflegt. Während die Vermögenden ihre Schäfchen ins Trockene brachten aus Angst, dass die, die nichts hatten, irgendwann begreifen würden, dass die Ungerechtigkeit die Welt und damit sie regierte. Die Armut wuchs, während die Verantwortung dafür auf Menschen innerhalb der Gesellschaft abgeschoben wurde, die eben nicht dafür verantwortlich waren und nicht wussten, wie ihnen geschah.

Der Ton wurde autoritärer. Der Wunsch der Massen nach dem starken Mann stärker. Dem Heilsbringer, der schon alles richten würde. Inklusive der politischen GegnerInnen, die sich vehement gegen die Unmenschlichkeit und den Hass stellten und die Zeichen der Zeit durchaus erkannten. Mit leisen Schritten schlichen sich die neuen Führer durch die Instanzen, machten sich das demokratische Instrumentarium zu eigen, um es möglichst schnell abschaffen zu können. Die Armut wurde stärker, die Reichen noch reicher, die Klüfte in der Gesellschaft tiefer, die verhassten Sündenböcke erfüllten ihren Zweck. Der Glauben in die Vernunft war bei jenen, die auf Aufklärung setzten, dem Instinkt abschworen und den Intellekt hochhielten, nach wie vor stark. Doch der Hass sickerte weiter. Die Führer wurden einflussreicher. Der Wunsch nach einfachen Lösungen wuchs, während die Rechte anderer zur Diskussion gestellt, beschnitten und abgeschafft wurden. Der 9. November 1938 war der Beginn einer Geschichte, die wir lange als vergangen sahen.

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