Wenn Hass explodiert

„Ich hätt nicht gebremst.“
„Ich hoffe, die Straßenbahn hat gewonnen und nehme den Tramfahrer virtuell in die Arme. Wer will schon Schei*ße auf der Windschutzscheibe?“
„Hut ab vor dem Bim-Fahrer!“ I hätt die Courage net ghabt und wär drüber gefahren“
„Ja so vergeht die Zeit. Früher hatten wir dazu Duschen. Und gleich daneben den Heizungsraum.“
Ein junger Mann legt sich auf die Tram-Schienen. Er schreit. Er tritt um sich. Das reicht schon, um im Sinne der Strache-Fans die Gaskammern wieder aufzusperren. Werden die Postings gelöscht? Nö. Wieso auch.
Der Hass explodiert. Wieder einmal. Das sprichwörtliche Schauferl auf dem ohnehin bereits zum Mount Everest aufgestapelten Berg der Grauslichkeiten hat die Dimension einer Baggerschaufel angenommen. Oder Mülltransporter. Ginge auch. Im täglichen Takt virtueller Stammtischspeibereien erscheint – wieder einmal – die nächsthöhere Eskalationsstufe erreicht. Am Ende der Eskalation steht übrigens immer die Selbstzerstörung. Das sei “nur” am Rande erwähnt. Aber vielleicht wichtig für die egozentrischen EskalationsschauferlschütterInnen, die glauben, man nimmt ihnen ihr Schauferl, für das sie ja so hart gearbeitet haben, auch noch weg. Bei einem haben sie ja recht: Hass muss kultiviert werden wie die Thujen-Hecke, die man fein säuberlich hegt und pflegt, damit einem ja der Nachbar nix wegschauen kann. Trimmt man sie und gießt sie brav, wächst sie wie Unkraut. Wäre doch schön, wenn es mit der Empathie genauso wäre. Sie lässt man allerdings am Fensterbrettl vertrocknen bis sie ausschaut wie ein verhutzelter Kaktus. Eh wurscht. Braucht man ja nicht, kann man wegschmeißen.
Wenn Grenzen gefordert werden, dann sollten gerade jene, die ihren Hass in den virtuellen Raum rausjagen, bei sich selbst anfangen. Bei dem, wie sie über andere Menschen sprechen, sollten genau die GrenzzaundichtmachforderInnen den Stacheldraht im eigenen Kopf hochziehen. Der moralische Checkpoint Charlie wurde nämlich wieder einmal aufgelassen. Und verfällt klammheimlich vor sich hin. Im direkten Gespräch sagt man zu den Enthemmten üblicherweise “Hörst du dir eigentlich selber beim Reden zu?” Und das frag ich nun die Mauthausen-wieder-aufsperren-ForderInnen auch: Lest ihr eigentlich eure eigenen Kommentare überhaupt noch? Braucht es wirklich immer und immer wieder andere, die euch erklären, dass das grade echt nicht geht? Braucht es wirklich die Anzeige, weil man mit der Hetzerei nicht nur über das moralische sondern auch über das gesetzliche Ende jeder Zivilisation rausgeschossen hat? Offensichtlich schon. Denn dann kann man sich selber wieder schrecklich leid tun ob des “Meinungsterrors der linkslinken Jagdgesellschaft”. Nicht wahr? Ganz ehrlich: Diese Strategie mag zwar ständig aufgehen, wird aber trotzdem langsam langweilig. Und so richtig öd. Fad und lahm und berechenbar.
Ich frage an dieser Stelle nicht “Warum ist das so?” Oder “Was muss jemandem widerfahren sein, dass er/sie andere Mitmenschen so hasst?” Das lenkt nämlich wieder von Betroffenen ab. Denen, die sich diesen Hass tagtäglich mitmachen müssen. Denen, die lange auf eine Entschuldigung dieser Hassenden warten können. Warum denn auch entschuldigen? Wenn’s mir schlecht geht, soll es doch gefälligst anderen auch schlecht gehen. Punkt. Ich erinnere noch einmal an die letzte Eskalationsstufe.
Damit sei alles gesagt.

Und sonst so?

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