Armut im Kopf

In einem Artikel der Süddeutschen ist zu lesen, dass Gewalt gegen obdachlose Menschen und Armutsbetroffene zunimmt. Interessanterweise passt das mit einer anderen Diskussion, die ich am gleichen Tag auf Facebook führen durfte, ganz gut zusammen. Und stelle mir schon die Frage, woher diese Ablehnung und Abwertung in weiten Teilen unserer westlichen Gesellschaften kommt. Dazu einige Gedanken. So überhaupt nicht in Form Gebrachtes und Durchüberlegtes. Aber das kennen meine LeserInnen schon von mir. Möglicherweise wollt ihr ja mit mir mitdenken.

Bisweilen wird Gewalt durch andere Obdachlose ausgeübt. Was nicht zu entschuldigen, aber zu verstehen ist. Manchen trinken, um ihre Situation zu vergessen. Andere haben psychische Erkrankungen oder nehmen Drogen, um die gefühlte oder tatsächliche Ausweglosigkeit besser ertragen zu können. Das Leben auf der Straße ist hart. Man ist ständig auf der Suche nach einem warmen Unterschlupf oder meinetwegen dem nächsten Schluck. Dass man da nicht zimperlich mit anderen umgeht, ist klar. Davon einmal abgesehen, dass es scheinheilig ist, Gewaltbereitschaft nur dort anzuklagen, wo es einem besonders gut in den Kram passt. Wer im Armani-Anzug prügelt, säuft und kokst, der darf das. Solange er es nicht allzu öffentlich macht.

Doch eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus. Seit 1990 wurden in Deutschland 35 Obdachlose Opfer gezielt rechtsextremer Gewalt. Im Mai 2011 starb André K., nachdem ihn sechs Männer verprügelt hatten. Die 66-jährige Brigitte erzählt: „Als ich vor kurzem in einer Bushaltestelle geschlafen habe, kam da einer und hat mich einfach angepinkelt.“ In den meisten Nächten schläft sie gar nicht, weil sie Angst vor Übergriffen hat. Eine Angst, die wohnungslose Frauen noch mehr betrifft. Sie werden um ein Vieles häufiger Opfer sexueller Übergriffe. Und dann frage ich: Was führt dazu, dass diese Menschen so verachtet werden? Und wenn ich mich so umsehe und diverse Diskussionen in den sozialen Medien beobachte, wird mir so manches klarer.

Wir haben ein Bild von Armut im Kopf, das Arme als still, leidensfähig, dankbar und demütig zeichnet. Die gefälligst die Wurstsemmel und die Banane, die man ihnen gekauft hat, weil man doch so ein guter Mensch ist, anzunehmen haben. Auch wenn sie vielleicht stattdessen lieber ein Käsemohnflesserl und einen Kaffee gehabt hätten. Man erwartet von ihnen, anspruchslos zu sein und die milden Gaben, die man ihnen so voller Nächstenliebe überreicht, mit großer Dankesgeste anzunehmen. Tun sie das nicht, schlägt die Nächstenliebe schnell ins Gegenteil um.
Das Leben auf der Straße ist nicht romantisch. Man streitet sich um den wärmsten Lagerplatz, die letzte Tschick oder fängt Streit an, weil man schlicht nicht mehr kann und auch nicht mehr will. Man ist in der Öffentlichkeit mit der Ablehnung von PassantInnen und gerümpften Nasen konfrontiert. Ich glaube kaum, dass all das aus irgend jemandem von uns einen besseren Menschen macht. Wahrscheinlich hat die Ablehnung von sichtlich armen Menschen auch viel damit zu tun, dass wir uns davor fürchten, selber irgendwann in eine derartige Situation zu kommen.

Da ist es einfacher, auf diese Angst und damit auf den Menschen auf der Straße hinzuspucken und sich selber zu bestätigen, wie leistungsfähig und fleißig und super man ist. Und dass einem sowas doch nie passieren kann. Never ever! No way! Weil wenn man arbeiten will, kriegt man auch Arbeit! Und wenn man aufhören will zu saufen, kann man das auch! Und außerdem haben sich die Sandler das eh selber so ausgesucht. Alle! Die wollen halt nix leisten. Und sind faul. Und diese Faulheit entspricht doch wahrlich nicht unserem Leistungsgedanken! Wir sind ein sauberes Land! Und ich muss auch hackeln gehen!! Und die GFRASTER sitzen da auf der Straße und saufen den ganzen Tag! Und sind DRECKIG!! Und dann schnorren’s mich auch noch an um a TSCHICK?!!?! Ja spinnen die!?? Sollen hackeln gehen!! Die wollen sich eh nicht helfen lassen! WEG DAMIT! Gehören weg!! Wäh, die sind so grauslig! Und stinken!! Wir sind ein sauberes Land! Die gehören weggesperrt!!! Die sind ja kriminell! Und saufen! Und schauen komisch!! Die gehören WEG!! ANZUNDN GHEAN DE!!!!

Genau das haben sechs Jugendliche vor Weihnachten 2016 versucht.

Und jetzt überlegt jede/r noch einmal, welches Bild von Armut er/sie selber im Kopf hat.

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