Wer ohne Sünde ist…

„Du gehörst ordentlich durchgefickt.“ „Sexistische Kackscheiße.“ „Unter aller Sau.“ „Ausschluss/Rücktritt.“ „Alle humorbefreit hier.“ „Hier wird eine Sau durch das Dorf getrieben.“ „Unterfickte Feministinnen.“ Gröbste Ausfälle. Gegenseitige Unterstellungen. UserInnen, die stolz drauf sind, sich möglichst vieler „FreundInnen“ entledigt zu haben. Selbstgerechtigkeit. Schuld sind immer die anderen. Und unrecht haben auch nur die anderen. Summa summarum: Alles IdiotInnen hier!
Irgendwie war’s ja ganz spannend zuzusehen, wie sich ein Pupswinderl zu einem gehörigen Shitstorm ausweitete. Spätestens als die rote Chefetage sich der ganzen „Causa Götz Schrage“ annahm. Zu Götzens Posting möchte ich an dieser Stelle nichts mehr schreiben. Wer mich kennt, der/die weiß, dass mir die Graustufen lieber sind als Schwarz und Weiß. Und Frauenthemen mir nicht nur dann wichtig sind, wenn es grad „in“ ist.
Doch worüber möchte ich nun konkret schreiben? Über mein Erstaunen. Darüber, dass es wieder einmal offenkundig wurde, wie sehr das gedruckte Kleinformat bei Diskussionen den Kurs angibt und die (politische) Öffentlichkeit vor sich herzutreiben vermag. Darüber, wie schnell man von der Dynamik der sozialmedialen Empörung überrannt wird und plötzlich zur Schlagzeile und somit zur Angriffsfläche wird. Dazu nun einige lose zusammengetragene Überlegungen.

Solidarisierung ohne wenn und aber?

Ich habe ehrlich gesagt viel über die Frage nachgedacht, ob ich mich ohne Einschränkungen mit Frauen solidarisieren muss, die für eine frauenfeindliche, der Gleichberechtigung widersprechende und erzreaktionär-konservative (oder sogar grundsätzlich menschenfeindliche) Politik stehen. Und ich bin zum Schluss gekommen: Nein. Warum? Weil rechtskonservative Politik elitär ist. Weil rechtskonservative Politik Gleichheit nicht anerkennt. Weil rechtskonservative Politik frauenfeindlich ist. Weil rechtskonservative Politik armenfeindlich ist. Weil rechtskonservative Politik auf das „freie Spiel der Kräfte“ und auf „Keine Rechte ohne Leistung“ setzt. Nun ist es einmal so, dass Armut überwiegend weiblich ist und viele Frauen (darunter Alleinerziehende, Pensionistinnen, prekär Beschäftigte, MigrantInnen u.v.m.) seit Jahrzehnten durch dieses Beharren auf „Der Mensch ist nichts, der Markt ist alles“ einfach nicht die Füße auf den Boden bekommen. Und Frauen durch das ewige „Dem-Mutter-Powerfrau-Schönheits-was-weiß-ich-Ideal“ hinterherhecheln anstatt wirkliches Empowerment zu bekommen. Warum soll ich mich also mit Frauen solidarisieren, die anderen Frauen durch ihr politisches Agieren ständig Knüppel zwischen die Beine werfen und sie auf ihrem Weg zur Selbstbestimmung und Wahlfreiheit ständig stolpern lassen? Das heißt nicht, dass ich sexistische Beleidigungen dulden muss. Die sind und bleiben, was sie nun einmal sind: Sexismus. Manchmal direkt, manchmal versteckter. Das war’s aber dann auch schon. Was mich zum nächsten Gedanken kommen lässt.

Doppelmoral

Ich finde es wahrlich erstaunlich, dass man sich bemüßigt fühlte, Götz Schrages Posting zur Chefsache erklären zu müssen. Besonders vor dem Hintergrund, dass – würde man die Rauswürfe aufgrund sexistischer Äußerungen konsequent verfolgen – man vieler männlicher Funktionäre verlustig ginge. Wenn man von männlichen Genossen gefragt wird, warum man sich des Kinderkriegens verweigere; wenn es tönt, dass Frauen am besten zehn Jahre bei den Kindern daheimbleiben sollten, weil die Kinder ja die Mama brauchen und das naturgegeben sei; wenn die eigene SPÖ-Frauenorganisation für überflüssig erklärt wird; wenn verschwitzte Männerwitze immer noch ihre Lacher finden, dann muss die Frage erlaubt sein, was denn nun der „bessere“ und was der „schlimmere“ Sexismus ist. Wenn nur die öffentliche Äußerung den Unterschied macht, dann ist zu unterstellen, dass Sexismus duldbar ist, solange er nicht der Partei schadet. Wie es den eigenen Funktionärinnen tagtäglich damit geht, ist im Sinne dieser Logik ja dann egal.

Hatespech = Hatespeech. Oder doch nicht?

Ich bin wirklich eine Freundin des pointierten Schreibens. Des Zynismus, des schwarzen Humors und der Ironie. Ist man selbst zynisch und wird bei zynischen Reaktionen zur Mimose, sollte man es besser sein lassen. Erwartet man sich zu allem Claqueure und lässt nur Fanboys und -girls zu, die eine_n in allem bestätigen, machen Diskussionen halt wenig Sinn. Aber gut. Jedem Tierchen sein Plaisierchen, wie man so schön sagt. Die Grenzen vom Zynismus zur Untergriffigkeit sind schmal. Wenn es dann allerdings so weit kommt, einander abzuwerten oder aus lauter Narzissmus und Bubble-Verliebtheit meinen zu müssen, sich über andere zu erhöhen und dem/der anderen zu erklären, was für ein „Scheiß Sexist“ oder was für eine „Scheiß Emanze“ das virtuelle Gegenüber sei, dann ist wirklich Feuer am Dach. Besonders nachdenklich macht mich, dass solche Äußerungen in letzter Zeit selbst von manchen zu lesen war, die sich gerne für die verbale Abrüstung und gegen Hatespeech aussprechen. Schönwetteraktivismus ist ja gut und schön. Die eigentliche Ernsthaftigkeit derartiger Bemühungen zeigt sich aber halt dann im Anlassfall. Wenn man als vermeintlich Aufgeklärte_r dann so agiert, die MitdiskutantInnen in das ihnen innerhalb kürzester Zeit zugewiesene Schachterl zu stecken und den Deckel draufzuknallen, ohne auch nur ansatzweise das Gespräch – etwa über PN – zu suchen, agiert man nicht anders als die, die man doch so gerne kritisiert.
Und ich gebe zu, ich habe über die Jahre diesbezüglich sehr viel dazugelernt. Ich hab‘ gerne eingeschachterlt und vermutlich passiert es mir auch heute noch ab und an. Ich bin aber zumindest so weit, das zuzugeben. Und in der akuten Situation das Gespräch mit dem anderen zu suchen. Missverständnisse passieren halt nun einmal schnell, wenn das physische Gegenüber, dessen Mimik, Gestik, Stimmlage fehlen. Wenn man nicht sieht, ob das, was man da grade absondert, das Gegenüber verletzt oder verstört. Niemand von uns ist in der aufgeregten Welt der Social Media davor gefeit. Also tun wir doch bitte alle miteinander nicht so, als ob wir völlig fehlerlos wären.
Hatespeech beginnt nicht erst bei „Höhlenmenschen“-Postings, Gewaltaufrufen oder gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Sie fängt viel, viel früher an. Wenn wir Menschen, die schlicht anderer Meinung sind (damit meine ich jetzt nicht die Menschenverachtung als andere Meinung, sondern wirklich einfach anderer Meinung im Rahmen einer humanistischen Haltung) kollektiv als „Idioten“ aburteilen, sie blockieren, sie beschimpfen oder aus der Friendslist kicken, ohne mit ihnen vorher auch nur ansatzweise das Gespräch zu suchen oder ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern, kann es passieren, dass wir genau diese anderen kränken und verletzen. Und damit das genaue Gegenteil von dem erreichen, was wir erreichen möchten: Mäßigung, Diskurs, Wertschätzung und Respekt. Und all diese Dinge haben mir in den letzten Tagen im virtuellen Raum noch mehr gefehlt als sonst.

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