Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel I „Der Sieder“

Diese Geschichte ist ein Experiment. Ein Fortsetzungsroman, dessen Verlauf noch nicht im Ganzen existiert. Ein Krimi, der nicht in New York, London oder Wien spielt, sondern in der salzkammergütlichen Pampa. Wo das Wort „Prolet“ eine Auszeichnung und das Wirtshaus eine Institution ist. Wo feine und weniger feine Menschen leben, die ich aber allesamt ganz gerne mag. Schwarzhumorige und selbstironische Grantler, liebenswürdige und herzlich-offene Charaktere, denen grundsätzlich egal ist, wer man ist und wie man heißt. Allesamt aber sehr inspirierend. Fühlt euch eingeladen zur Anregung und Ideengebung. Zur Kritik und Reflexion. Ich wünsche viel Vergnügen bei Kapitel I. 


{DER SIEDER}

Der Biersieder stand bis zu den Knien im See. Das für August gerade einmal halbwegs erträglich kalte Wasser plätscherte gemächlich. Tagsüber glitten Wakeboarder und Windsurfer über die Seeoberfläche. Nachts ließen die Windböen nach und wurden zu einem sanften Sommerlüftchen. Sanft war der Rausch des Biersieders allerdings nicht gerade. Angestrengt nestelte er am Reißverschluss seiner Hose herum, während er darüber nachdachte, welcher seiner Freunde eigentlich damit angefangen hatte, sich zum Pinkeln in den See zu stellen. Jedenfalls war es zu einer Art Tradition geworden. Warum zum Henker er mit seinen dreiunddreißig Jahren noch immer so dämlich war, grundsätzlich jeden Hirnriss nachmachen zu müssen, war ihm schleierhaft. Nur wenige Meter weiter stand die Anlage mit den Campingklos. Die wären halbwegs sauber gewesen. Mit Betonung auf „halbwegs“. Und nicht so nass. Obwohl die Klobrillen grundsätzlich leicht feucht glitzerten. Machte man doch den Fehler, sich gegen die klassische Abfahrtshocke oder das Stehpinkeln und für ein Hinsetzen zu entscheiden, wurde man beim Aufstehen mit einem dezent feuchten Geräusch, das sich am ehesten mit „Schlurz“ beschreiben ließe, und einem feuchten Hintern belohnt. Und wer war schon ein Fan von Oberschenkelmuskelkater, nassen Schuhen oder feuchter Unterhose?

„Sieder, wo bleibst denn? Findest deinen Pimmel nicht?“ Grölendes Gewieher tanzte via Sommerlüftchen vom Seeufer zum hosenschlitznestelnden Biersieder.

„Geht’s doch scheißen“, brummelte der Sieder. Er hatte entschieden, doch nicht so dringend pinkeln zu müssen. An die Stelle des Blasendrangs war allerdings ein drückend flaues Gefühl in der Magengegend getreten. Der Sieder rülpste gurgelnd. Diese Übertreibung in Permanenz, was seinen Bierkonsum betraf, widersprach grundsätzlich seinem Spitznamen, den er sich in der fünften Klasse Gymnasium eingehandelt hatte. Denn eigentlich hieß er ja Heinrich. Den Namen hatte sich sein Großvater eingebildet. So richtig schön germanisch. Vor einem Jahr war der Opa gestorben. Bis zuletzt war er ein „stolzer SSler und Ehrenmann“ gewesen, der besonders gern über deutsche Autobahnen, Kameradschaft und Heldenstolz sprach. Dem letzten Wunsch des Opas, Geburts- und Sterbedatum in Runenschrift in seinen Grabstein meißeln zu lassen, war Heinrichs Vater glücklicherweise nicht nachgekommen. Das wäre dann zu Allerheiligen beim alljährlichen Friedhofsschaulaufen doch zu peinlich gewesen.

Der Sieder begann sich bierduselig an die Geschichte seiner Umtaufe zu erinnern. Weil, irgendwie war er ja insgeheim froh darüber, Biersieder statt Heinrich gerufen zu werden. Er war nämlich politisch eher linke Reichshälfte. Dass die Sieder-Zehen im kalten Seewasser mittlerweile eine bedrohlich blauweiße Farbe anzunehmen begannen, merkte er nicht. Und sehen konnte er seine Füße auch nicht. War ja finster, weil Nacht.

Achtzehn Jahre war es her. Heinrich und einige seiner idiotischen Klassenkollegen, zu denen er nach der Matura glücklicherweise jeglichen Kontakt verloren hatte, feierten die erste gemeinsame Saufparty. Der Klassiker: Eltern nicht daheim. Älterer Bruder, der nach zähen Verhandlungen und intensivster Bestechung (hundert Schilling waren 1998 noch verdammt viel Geld, wenn man nur zwanzig Schilling Taschengeld die Woche bekam) den Biereinkauf übernahm. Vorfreude und Stolz, mit fünfzehn endlich einmal bis zum Erbrechen trinken zu können. Der Sieder musste grinsen, als er daran dachte, wie sie zu Fünft andächtig rund um die 24er-Bierpalette gehockt hatten. Er war der erste der sich traute, eine Dose unter dem Plastik herauszuwursteln. Beim Öffnen spritzte das lauwarme Billigbier ihm Hose und Metallica-ReLoad-T-Shirt voll. Der erste Schluck schmeckte bitter und verursachte ihm ein Kribbeln in der Nase. Er musste niesen. Zögerlich bedienten sich jetzt auch die anderen. Schließlich wollte dem Heinrich keiner in seiner Entschlossenheit nachstehen.

Einige Minuten später saßen alle Fünf mit biernassen Shirts im Kreis und prosteten einander zu wie alte Stammtischveteranen beim Frühschoppen. Sie erzählten Geschichten von „früher“. Also Kindergarten. Jemand hatte eine Packung Marlboro (die Roten) mitgebracht. Schließlich gehörte anno 1998 die Tschick zum Bier dazu.

Eine knappe Stunde später hing der Erste bis über beide Ohren in der Kloschüssel. Wohl eher wegen der Tschick als dem Bier. Im Rauchen waren Sie allesamt nicht unbedingt geübt. Zwei andere lagen auf dem Wohnzimmerboden und schnarchten, während ein weiterer namens Philipp (aka „Phil“) Heinrich die Ohren vollheulte, weil die Sitznachbarin in der Schule seine ihr vor zwei Tagen gestandene Liebe nicht erwiderte. Dem Verliebten hing eine verzweifelt-einsame Rotzglocke von der Nase.

„Die blöde Funsn, die depperte. Die ist eh so schirch, die soll froh sein, wenn sie überhaupt einer anschaut“ schluchzte die Rotzglocke. Heinrich nickte verständnisvoll und hielt sich dabei an seiner Bierdose fest. Es war immer noch die erste. Dose, nicht Funsn. Das Kribbeln in der Nase hatte zwar aufgehört. Vor dem Geschmack grauste ihm allerdings so sehr, dass er die ganze Zeit nur so getan hatte als ob. Den anderen war es gottlob nicht aufgefallen.

Bis zu diesem Augenblick. Die Rotzglocke hatte aufgehört mit Herumrotzen.

„Sag mal! Issas immer noch dein ersses Bier?“ lallte Phil. Er grinste amüsiert, während ihm die letzte verliebte Trauerträne noch am Kinn hing.

„Alter, du bisso ein Weichei! Biersieder, Biersieder, Biersieder!“ grölte Phil. Hinter der Couch tauchte ein verquollenes Gesicht auf. Einer der Schläfer war durch Phils Gegröle aus seinem Rauschnebel geholt worden und stimmte in das Geplärre ein. Selbst der Kloschüsselanbeter war wieder senkrecht, lehnte im Wohnzimmertürrahmen und schaffte vier „Biersieder“, bevor er – die Hand auf den Mund gepresst – zurück ins Badezimmer wankte.

Heinrichs Gesichtsfarbe hatte sich in etwa dem Marlboroschachtelrot angenähert. Zornestränen stiegen ihm in die Augen. Und plötzlich kribbelte auch seine Nase wieder. Was wohl weniger mit Kohlensäure als mit seiner Aufregung zu tun hatte. Wütend sprang er auf, schoss der Rotzglocke seine halbvolle Bierdose an den Kopf und stolperte in den Vorraum. Glücklicherweise trug er heute Flipflops. Da ersparte er sich das umständliche In-die-Schuhe-Quetschen. Er war so schnell bei der Haustür draußen, dass er nicht bemerkte, wie unglücklich seine Bierdose getroffen hatte.

Als er am nächsten Tag die Klasse betrat, saß die Rotzglocke mit einem großen Pflaster auf der Stirn in der letzten Bankreihe. Er war gerade dabei, der „schirchn Funsn“ wortreich seine Tapferkeit im Abfangen von Bierdosen und die Bösartigkeit eines Heinrich zu schildern. Offenbar wussten alle Bescheid. Dem kollektiven hämischen Grinsen nach zu urteilen. Heinrichs Gesichtsfarbe wechselte schlagartig wieder auf Marlbororot.

Der Biersieder-Schülerchor wurde erst durch das Eintreffen des Religionslehrers beendet. Heinrich war zwar kein großer Fan des Religionsunterrichts und hielt den Lehrer für eine Pfeife. An diesem Tag war er allerdings froh, als der Herr Professor das Klassenzimmer betrat.

Die Geschichte vom dosenwerfenden Biersieder machte schnell die Runde. Und am Ende des Schuljahres nannten selbst die meisten Lehrer Heinrich nicht mehr Heinrich. Auch der Religionslehrer nicht.

Weiterlesen bei Kapitel II

DER SIEDER_Kapitel I (PDF)

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