Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel II „Kumba Ya“

{KUMBA YA}

Katatonisch in die Vergangenheit versunken stand der Sieder da. Den Blick schielend gen Sternenhimmel gerichtet. Den Mund leicht geöffnet. Seine Zehen waren etwas weniger weiß und dafür ein bisschen mehr blau und die Unterschenkel kribbelten. Das Lagerfeuerduo am Seeufer, Daumen mal Pi so etwa zwölf Meter von Sieders nasskaltem Standort entfernt, hatte die Gitarre und den Liederberg ausgepackt. Die G’stanzl-Phase war noch nicht erreicht. Dafür war das Duo definitiv zu nüchtern, aber zum Singen doch betrunken genug.

Ein ziemlich schiefes, dafür umso lauteres „Kumba Ya“ holte den Sieder in die Gegenwart zurück.
Eigentlich sind meine jetzigen Freunde noch größere Vollidioten als die damaligen, dachte er. Und bemerkte, dass er seine Zehen nicht spürte. Pinkeln musste er nicht mehr. Und Kotzen wider Erwarten auch nicht. Er entschied, den Liederberg einer irreversiblen Durchblutungsstörung vorzuziehen. Wackelig drehte er am Stand um und setzte sich steif in Richtung Ufer in Bewegung.

„Beschissene Dreckssteine“ fluchte der Sieder leicht vor sich hin. Wenn er getrunken hatte, neigte er in erhöhtem Ausmaß zur Fäkalsprache. Nüchtern fluchte er zwar auch gerne und viel. Ab drei Bier wurde er allerdings kreativer in seiner Kompositabildung.
„Kacksee, räudiger!“ brüllte er, als sich ihm ein besonders fieses spitzes Steinchen in die Fußsohle bohrte. Der Sieder entlastete den punktierten Fuß und geriet ins Wanken. Um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, rudert er verzweifelt mit den Armen. Der Saum seiner Armyshort-Hosenbeine tunkte ins Seewasser.

„Sieder? Was führst denn auf?“ Mani, ein hipsterbrillentragender Lockenkopf, der sich seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Sozialarbeiter verdingte und bis heute von einer Leadgitarristen-Karriere bei Franz Ferdinand träumte, hatte Liederberg und Klampfe beiseite gelegt und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung von Sieders Gefluche.
„Sauf mir ja nicht ab, hörst du?“ rief er. „Wegen dir geh ich sicher nicht in den Häfen! Nur, weil du unfähig zum Pissen bist!“

„Alles gut! Geht schon wieder“, kam die Antwort. Sieder hatte in der Zwischenzeit sein Gleichgewicht zurück, stand wie ein Flamingo auf einem Bein balancierend im See und klaubte das fiese spitze Steinchen, das ihn ins Wanken gebracht hatte, aus der Hornhaut seiner linken Fußsohle. Zum Glück benutzte er den Hornhautraspler, den er sich in einem Anflug von Fußpflegewahn zugelegt hatte, schon lange nicht mehr. Mit Daumen und Zeigefinger schnipste er den Stein zurück ins Wasser. Weit genug weg um sicherzugehen, dass er nicht noch einmal drauftrat. Er neigte nämlich zu derartigen Murphys-Law-Aktionen.

„Beeil dich. Die Koteletts sind gleich fertig. Die Mama von Ludi hat sich solche Mühe gegeben mit der Marinade“ brüllte Mani lauter als notwendig gewesen wäre.
Ludi hieß eigentlich Ludovika. Ludis Mutter war aus unerklärlichen Gründen ein Fan der Wittelsbacher und hatte ihre einzige Tochter nach Ludovika Wilhelmine von Bayern taufen lassen. Ludi war 1,81 groß und dünner als der Gesundheit zuträglich gewesen wäre. Sie fraß wie ein Scheunendrescher. Was gerade so dabei half, ihr Gewicht zu halten. Ludi trug einen wuscheligen naturroten Kurzhaarschnitt und John-Lennon-Brillen, die ihr nur dann ständig bis zur Nasenspitze rutschten wenn sie betrunken war. Mit knapp Dreißig wohnte sie immer noch zu Hause. „Warum soll ich ausziehen? Ich hab‘ ein ganzes Stockwerk für mich allein. Blöd wär ich!“ war ihre Standardantwort, wenn die Sprache darauf kam. Ludi war zwar impulsiv, aber grundsätzlich eine Frohnatur. Richtig sauer wurde sie nur, wenn jemand sich über ihren Namen lustig machte. Dafür aber dann so richtig. Als sie zwölf war, hatte ein Mitschüler sie „Ludowixi“ genannt. Dafür hatte sie ihm einen Schneidezahn ausgeschlagen.

Ihre Brille zurechtschiebend rief sie, den Mund voller Erdäpfelsalat, „Genau! Da her kommst du!“ und wendete zum x-ten Mal die Fleischstücke, die auf einem Rost in exakt bemessenem Abstand zur Feuerglut vor sich hin brutzelten. Der Geruch nach Gegrilltem stieg dem Biersieder in die Nase. Vor einigen Jahren hatte er eine vegane Phase durchlebt, die genau zwei Monate und neun Tage gehalten hatte. Bis er an einem besonders verkaterten Samstagmorgen dem Drang nach einer Käseleberkäsesemmel nachgegeben hatte. Ähnlich, wie jetzt der sandig-steinige Untergrund unter seinen Füßen nachgab und samt Biersieder wieder tiefer in den See hineinrutschte.

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KUMBAYA_Kapitel II (PDF)

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