Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel IV „Brogues“

{BROGUES}

Das eine Ende des leicht graugrünlich (man könnte auch sagen kotzerbsengrün) schimmernden, haarigen Dings schien etwas ausgefranst. Hautfetzen hingen an grauen Wundrändern und der Splitter eines Oberschenkelknochens ragte mittig aus der Wunde. Das Weiß schimmerte unnatürlich blankpoliert im Schein des Feuers. Das andere Ende steckte in einem schwarzen Lackschuh. In dem eleganten Lochmuster des Schuhs hatten sich Sand und kleine Steinchen verfangen.

„Brogues“, dachte der Biersieder. Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass Herrenschuhe mit Lochmuster Brogues hießen.

Hysterisches Kreischen drang durch den wabernden Nebel aus Panik und Ungläubigkeit, der sich um die Gedanken des Sieders gelegt hatte, von weiter Ferne bis zu ihm. Die Schreie hörten sich an, als würden sie vom lauen Sommerlüftchen bis knapp an sein Ohr und dann wieder weggeweht. So, als wechselten die Töne ständig die Richtung. Er konnte nicht feststellen, welcher seiner beiden Freunde schrie.

In Sieders Gehörgang knackte es. Saure, schwere Galle stieg seine Speiseröhre hoch. Das Bein im Lack-Brogue glitt aus seinen Händen und landete mit einem dumpfen Geräusch auf der ausgetretenen Wiese. Ein Zittern erfasst seinen Körper. Wie von einem Anfall gebeutelt torkelte der Biersieder einige Schritte zur Seite. Weg von dem Brogue-Bein. Weg vom Licht. Er würgte. Während er sich auf allen Vieren im Gras kniend die Seele aus dem Leib kotzte drangen Wortfetzen an sein Ohr. Er glaubte Ludis Stimme zu erkennen. Aus den Augenwinkeln sah er sie, das Handy am Ohr und mit der freien Hand wild gestikulierend in sicherem Abstand zu dem am Boden liegenden Körperteil hin- und herlaufen. Ihre schlanken Beine schlackerten noch ärger als sonst. Beinahe wie eine Marionette, deren Puppenspieler ein blutiger Anfänger ohne sonderliches Talent war. Oder ein sehr betrunkener Puppenspieler.

„Nein, Sie hören mir jetzt zu!“

„Ich muss mich nicht beruhigen! Ich steh hier neben einem Leichenteil, verdammt nochmal! Also bewegt eure Ärsche her. Wozu ist denn sonst die Polizei gut, bitte?!“

„Der glaubt wirklich, das wär‘ ein Scherz. Red‘ du mit dem Pfosten. Sonst dreh ich durch!“ Ludi stapfte mit entschlossenem Marionettenbeingang zu Sieder hinüber und hielt ihm ihr Handy ans Ohr. Die Kotzerei hatte glücklicherweise aufgehört. Damit es dabei blieb, vermied er den Blick zu der Stelle, an der das Bein noch immer lag. Natürlich. Weglaufen würde es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.

„Hallo?“

„Wer spricht da?“ Die Polizistenstimme wirkte müde und entnervt. „Sagen Sie Ihrer angesoffenen Freundin, sie soll derartige Scherze bleiben lassen. Sonst setzt es eine saftige Strafe, hören Sie?“

„Hallo Richie. Biersieder hier.“

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein erleichtertes Schnauben. Der Sieder hatte die Stimme des Polizisten sofort erkannt. Er hieß Richard und war ein ehemaliger Schulkollege seines Vaters. Daher wusste Sieder auch, dass Richie in jüngeren Jahren gerne bei der Kriminalpolizei gearbeitet hätte. Bei dem Traum war es geblieben. Irgendwann hatte sich der Dorfpolizist damit abgefunden und war nun äußerst bemüht, eine vorwiegend ruhige Kugel zu schieben. Korrekt war er aber. Da konnte man nichts sagen.

„Du hörst dich ordentlich fertig an, Sieder. Ihr sollts nicht immer so viel saufen. Irgendwann ertrinkt noch einer vor lauter Rausch im See und ich muss die Leich dann rausziehen. Wie soll ich das deinem Vater erklären, wenn die Leich du bist?“

Der Biersieder hatte keine Lust, Richie das Ausmaß der Tragödie am Telefon zu erklären. Er würde es sowieso nicht glauben.

„Rischie, ich bin sssoo betrungn. Bringmichheimbitte!“ murmelte Sieder übertrieben lallend ins Handy.

„Na dann sag das doch gleich, anstatt irgendeinen Schwachsinn von Leichenteilen zu erfinden“, meinte Richie gönnerhaft. „Also gut. Bevor jemand von euch Suffköpfen selber fährt“, seufzte er in die Leitung. „Bleib ja wo du bist und beweg dich nicht vom Fleck. Ich bin am Posten in Bad Ischl. In zwanzig Minuten bin ich da.“ Richie legte auf.

„Von uns bewegt sich keiner irgendwohin“, flüsterte Sieder in die tote Leitung.

„Wo ist eigentlich der Mani hinverschwunden?“ fragte er die immer noch wie ein kranker Käfigtiger hin- und herschlenkernde Ludi. Ohne auch nur ansatzweise langsamer zu werden deutete sie in Richtung Seeufer. Mani kauerte am Ufer, die Füße im Wasser. „Er sagt, das kalte Wasser hilft seinem Kreislauf“ meinte sie.

„Hat er vorher so geschrien?“ fragte Sieder weiter. Ludi nickte nur. Er nahm seine beste Freundin an der Hand, um sie vom Tigern abzuhalten. Gemeinsam gingen sie zum Ufer ohne einen Blick auf das Brogue-Bein zu werfen. Sie setzten sich zu Mani, der schweigend die Füße ins Wasser hielt.

„Kreislauf. Wichtig“, meinte der Biersieder und strecke die Füße aus. „Findest du nicht auch, Ludi?“

„Stimmt“, gab sie zur Antwort und spielte mit den Zehen im Wasser. Eine kleine Welle spülte Sieders graugrünschwarze Baseballkappe mit einem leisen „Uuuuuuuusch“ Ludi direkt vor die Füße. Wie in einem schlechten Film. Immer diese komischen Zufälle, dachte der Sieder.

Sie nahm die Kappe, betrachtete sie als sähe sie das Käppi zum ersten Mal und drosch es seinem Besitzer schließlich nach eingehender Untersuchung mit Verve aufs Haupt.
„Jetzt bist wieder ganz“, meinte sie.
Im Gegensatz zu der armen Sau mit den Brogues, dachte der Biersieder.

Jetzt konnten sie nur noch warten.

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BROGUES_Kapitel IV (PDF)

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