Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel III „Katze“

{KATZE}

Das Armerudern half ihm allerdings dieses Mal nicht mehr. Mit einem lauten Platschen landete Sieder im Traunsee. Das Wasser schwappte über ihm zusammen, stieg ihm in Nase und Ohren. Seine ursprünglich schwarze, nach Jahren des ständigen Tragens eher ins Graugrün zerschlissene Baseballkappe – gewissermaßen des Biersieders Markenzeichen – wurde ihm vom Kopf gerissen.

Er strampelte. Eigentlich hatte er sich immer für einen passablen Schwimmer gehalten. Zumindest seit dem Tag (er musste so um die drei Jahre alt gewesen sein) als er mit Eltern und Großeltern im Schwimmbad gewesen war. Seine Mutter war gerade dabei, die knallneonroten Schwimmflügel aufzublasen. Klein-Heinrich trug seine Lieblingsbadehose. Die Blaue mit den roten und gelben Sternen. Der Großvater hatte stirnhautfaltend und missbilligend die Mama angesehen und irgendwas von „Windhunden“ und „Kruppstahl“ gemurmelt. Heinrich hatte keine Ahnung, was sein Opa damit meinte. Er merkte allerdings, dass es irgendwas mit ihm und den Schwimmflügeln zu tun haben musste. Wohl eher unbewusst zupfte er an des Vaters Badehose und meinte, er wäre ein großer Bub und jetzt alt genug, um ohne Schwimmflügel zu schwimmen. Bis zum Abend schaffte er seine ersten zehn Schwimmtempi, während der Opa stolz danebenstand und begeistert „Der Führer hätte seine Freude mit dir gehabt, mein Sohn“ rief. Obwohl der dreijährige Heinrich keinen blassen Schimmer hatte, wer dieser „Führer“ war, strahlte er doch über das ganze Gesicht wie eine aufgeschnittene Käseleberkäsesemmel. Ob sich ein Führer freute, war ihm herzlich egal. Wichtig war, dass der Opa auf ihn stolz war. Das kam ja doch ziemlich selten vor.

Stolz wäre der Opa jetzt nicht gewesen, hätte er ihn beim Strampeln beobachtet. Wäre dem Sieder aber wurscht gewesen. Als er im Geschichteunterricht erfahren hatte, wer der Führer gewesen und worauf der Opa noch immer so stolz war, hatte er den Kontakt zu seinem Großvater abgebrochen. Für mehr als zwanzig Jahre. Der Sieder war als Kind schon ein Sturkopf gewesen in gewissen Belangen. Und äußerst konsequent bei bestimmten Dingen. Zum Leidwesen der ganzen Familie, die noch harmoniesüchtiger als andere war. Zumindest des Sieders Einschätzung nach. Das letzte Mal hatte er den Opa beim Abschiednehmen an dessen Sterbetag gesehen. Bereut hatte der Sieder die Entscheidung nie. Er würde allerdings auch nicht mehr viel Zeit für Reue haben, wenn ihn die mit Wasser vollgesogenen Armyshorts weiter nach unten zogen. Der Film „Titanic“ kam ihm in den Sinn. Ein Königreich für eine Tür, schoss ihm durch den Kopf. Oder zumindest für ein sinkendes Schiff. Oder einen Leonardo DiCaprio, an dem er sich festkrallen konnte. Man will ja nicht wählerisch sein während seiner Nahtoderfahrungen.

Boden! Sandiger und instabiler Boden, aber Boden. Jetzt wusste er immerhin wieder, wo oben und unten überhaupt war. So oder ähnlich mussten sich Lawinenopfer fühlen. Leider konnte der Sieder sich das Spucken zur Feststellung, wo oben war, in diesem konkreten Fall sparen. Weil Wasser in Wasser eher nicht zielführend. Und zum Glück für den Sieder jetzt nicht mehr notwendig. Er krallte sich mit den Zehen in den Grund und rannte wie ein Sprinter unter Wasser. Gewissermaßen Zeitlupe. Als er mit dem Kopf endlich die Wasseroberfläche durchstieß, sah er Mani und Ludi im Uferwasser stehen. Die Skinned Jeans bis zu den Knien hochgezogen.

„Jössas. Jetzt dachten wir schon, du wärst wirklich abgesoffen!“ schrie Ludi, völlig außer sich, die Brille auf der Nasenspitze.
Mani schnaufte wie kurz vor einem Herzinfarkt und bewegte sich heulend gen Sieder.
„Bleib! Nix passiert!“ rief der, mindestens genauso herzinfarktschnaufend. „Schleicht’s euch aus dem Wasser. Mir geht’s gut! Und hör auf zu flennen Mani. Um Himmels Willen.“

Ludi schnappte Mani am Handgelenk. „Komm. Dem Grantscherben geht’s gut. Solang er noch schimpfen kann, ist alles in bester Ordnung.“ Über die Schulter rief sie in Richtung Sieder: „Und du tu weiter. Die Koteletts verkokeln.“
„Du mich auch!“ brummelte der Sieder und kämpfte sich auf allen Vieren durch das Wasser. Der aufrechte Gang hatte ihm hier im Wasser bisher nur Ärger eingehandelt. Und auf allen Vieren konnte man nicht so leicht umfallen.

Plötzlich tapste er mit der linken Hand auf etwas Weiches. Also nicht etwa gatschig weich. Schon etwas glitschig. Aber glitschig mit Haaren drauf. Und innen drin härter.
Na toll, dachte der Biersieder. „Sicher irgend ein totes Viech“, murmelte er. Mehr zu sich als zu seinen beiden Freunden, die sich bereits wieder am Feuer niedergelassen hatten und jetzt mit dem Rücken zu ihm saßen.

„Hat er irgendwas gesagt?“ hörte er Ludi fragen.
„Ist mir egal. Der empathielose Sack hat mich angeschrien. Dabei wollte ich ihm nur helfen. Dem würde eine ordentliche Supervision mal nicht schaden!“ antwortete Mani.
Der Sieder ignorierte den Sozialarbeiterseitenhieb und rief: „Da is‘ irgendwas Grausliches eingegraben. Sicher ein totes Viech. Katze oder so.“
„Jetzt hör auf rumzuspinnen und komm endlich aus dem Wasser raus! Warum soll sich eine tote Katze im See eingraben?“ rief Ludi hörbar pikiert.

Doch der Biersieder hatte bereits begonnen, Steine und Sand im gerade einmal knietiefen Wasser auf die Seite zu schaffen. Immerhin würden morgen früh wieder die ersten Familien mit kleinen Kindern herkommen, um den Ferientag zu genießen. Denen wollte der Biersieder die Begegnung mit einem halb eingegrabenen und sehr toten Wasauchimmer ersparen. Er war zwar manchmal ein etwas kauziger Grantler aber noch lang kein Arsch.

In der Dunkelheit sah er nicht, was er da mit Händen freischaufelte. Nach einigem Graben spürte er jedoch einen seltsamen Knick in dem haarigen Ding. Er griff mit beiden Händen unter den beweglichen Knick und zog mit aller Kraft. Mit einem schmatzenden Geräusch, ähnlich dem Klobrillen-Schlurz, löste sich das längliche und gar nicht so leichte Etwas.
Entnervt, erschöpft, stocknüchtern aber trotzdem erleichtert und das tote und nass tropfende Irgendwas möglichst weit von sich weghaltend schlurfte der Biersieder zum Lichtkreis des Lagerfeuers.

„Wehe du bringst das Trumm hierher. Wirf es irgendwo da drüben in die Büsche. Dir graust aber auch vor gar nix. Was ist es denn überhaupt?“ fragte Ludi mäßig interessiert.

Schweigen. Der schlurfende Gang des Biersieders war plötzlich verstummt.

„Sieder?“ Mani dreht sich in die Richtung, in der er seinen Freund vermutete. Ludi, die eben den Grillrost mit den leicht angekohlten Koteletts aus dem Feuer schwenkte, verlor langsam die Geduld. Sie pfefferte den Schürhaken, den sie zu diesem Behufe verwendet hatte, auf den neben sich liegenden Stapel Grillschalen und drehte sich mit Schwung zu Mani um. Der saß völlig versteinert da. Sein Gesicht hatte die Farbe seines erbsengrünen T-Shirts angenommen. Seine Unterlippe zitterte und sein Blick, den er unverwandt auf etwas einige Meter rechts von Ludi gerichtet hatte, schimmerte fiebrig hinter den Hipsterbrillengläsern.

An Ludis Ohr drang ein leises Flüstern. „Keine Katze. Keine Katze. Keine Katze.“ Die blonden Härchen auf ihren Oberarmen drückten gegen den Stoff der Kapuzenjacke. Langsam drehte sie den Kopf um zu sehen, woher das „Keine Katze“-Flüstern kam.

Der flüsternde Sieder stand mit seinen knappen Einsneunzig wie ein versteinerter Riese etwa drei Armlängen vor ihnen. Das Gesicht grau. Aschgrau.

Die Tropfen, die von seiner klatschnassen Armyhose auf den Boden platschten, vermischten sich dort mit den Wassertröpfchen, die von dem Gegenstand in seinen Händen liefen. Und nein, es war definitiv keine Katze.

Weiterlesen bei Kapitel IV

DIE KATZE_Kapitel III (PDF)

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