Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel VII „Dagobert“

{Dagobert}

Der Sieder realisierte zum ersten Mal seit er kotzend im Gras gekniet war, dass ab heute alles anders sein würde. Das Ausmaß war ihm allerdings nicht so ganz bewusst. Hätte er zu diesem Zeitpunkt geahnt, was noch auf ihn zukommen würde, hätte er stante pede das Weite gesucht. Wäre nach Neuseeland abgehauen. Oder nach Alaska. Oder Transnistrien. Und zwar ohne auch nur einen Gedanken ans Kofferpacken zu verschwenden.

So stand er jedoch nur in gehörigem Respektsabstand zum mittlerweile erloschenen Lagerfeuer und beobachtete das geschäftige und gleichzeitig ruhige Amtshandeln der immer größer werdenden Gruppe von Exekutiv- und Kriminalbeamten.
Am Horizont schimmerte der erste Streifen der Tagesdämmerung. Absperrband flatterte im aufkommenden Wind, der vom See landeinwärts pfiff. Die ersten Schaulustigen standen entlang der Absperrung. Der Sieder hörte den alten Pfeiffer, dessen Grundstück an das des Badeplatzes grenzte, aufgeregt und gschaftig „Das war sicher der Mossad!“ mutmaßen, während die alte Pfeiffer (ihren verfolgungswahngetriebenen Mann gekonnt ignorierend) sich – gekleidet in rosablümeligen Flanell und Lockenwickler – neugierig in Richtung Seeufer schielend den Hals verrenkte. Ohne Erfolg. Das hielt sie jedoch nicht ab, weiterzuglotzen.

Alte Schastrommel, dachte der Sieder.

Mani und Ludi hockten bei geöffneten Autotüren auf den Rücksitzen zweier Polizeiwagen und wurden befragt. Beide sahen so müde aus, wie der Sieder sich fühlte. Er hatte das Ganze schon hinter sich. Ein leicht zerknautscht und abgekämpft wirkender Mittvierziger, der frappierende Ähnlichkeit mit Fernsehtatortkommissar Moritz Eisner zeigte, hatte ihm unendlich viele Fragen gestellt. Und dem Sieder war klar geworden, dass er ein lausiger Fragenbeantworter war. Er hatte sich auf seinen erheblichen Alkoholkonsum an diesem Abend berufen und die meiste Zeit nur entschuldigend seine breiten Schultern gezuckt. Das Versprechen hatte er aber abgegeben, sich zur Verfügung zu halten und der Moritz-Eisner-Kommissar war – noch immer zerknautscht und zusätzlich in Anbetracht seines miesen Fragenbeantworters leicht grummelig – mit dem Handy am Ohr in Richtung Seeufer davongestiefelt.

Der Biersieder kam sich etwas verloren vor. Obwohl er nichts mehr wollte als endlich nach Hause zu gehen, machte er sich Sorgen um seine Freunde. Mani schien es in Anbetracht der nächtlichen Erlebnisse die Sprache verschlagen zu haben, während Ludi sich vor lauter Nervosität ein Stamperl Ludimamaenzianschnaps nach dem anderen in die Figur geschüttet hatte und jetzt mindestens so grün im Gesicht war wie der Wasserleichenhaxen, der mittlerweile abtransportiert worden war.

Wäre ich doch nur zum Pissen ins Gebüsch gegangen, dachte der Biersieder und kratzte sich den Bart. Unschlüssig trat er von einem Bein auf das andere.
„Jetzt bist immer noch da?“, hörte er Richies Stimme aus der Richtung eines Einsatzfahrzeugs des Tauchdienstes. Der Sieder drehte sich um und sah den mürrisch dreinblickenden Polizisten auf sich zukommen.
„Ich wollte noch auf Ludi und Mani warten. Wir sind gemeinsam mit meinem Auto hier. Ich möchte nicht, dass sie zu Fuß nach Hause hatschen müssen. Wär ja doch eine ziemliche Zumutung nach dem ganzen Scheiß hier“, entgegnete der Sieder. „Und wieso schaust du so grantig drein, Herr Inspektor?“

Richies Miene verdüsterte sich noch um einige finsterliche Nuancen. „Da wirst lange warten können. Siehst ja eh, dass deine Reisschüssel innerhalb der Absperrung steht. So schnell kommst da nicht dazu. Außerdem bist du sicher noch nicht nüchtern genug, um zu fahren.“ Die Anspielung auf seinen – wie er fand äußerst praktischen wenn auch nicht besonders schicken – japanischen Kleinwagen ignorierend antwortete der Sieder mit einem müden „Ich hab mir wenigstens nicht drei Schnaps hintereinander runtergeschüttet, du Bruce Willis für Arme“ und wich gekonnt Richies ellbogenrempelnder Antwort auf diese Frechheit aus.

„Ich bring euch drei Helden nach Hause, sobald Mani und Ludi fertig sind. Kann ja nicht mehr lange dauern“, sagte der Polizist leise und mit Blick auf die beiden Polizeiwagen, in denen Sieders Freunde noch immer auf den Rückbänken saßen. Der Biersieder selbst zog eine Packung Marlboro aus der Hosentasche (er war so geistesgegenwärtig gewesen, seine Tschick vom Grillplatz zu retten bevor die Forensik-Armada dort eingefallen war) und zündete sich eine an. Mit der Zigarette zwischen den Fingern seiner rechten Hand deutete er in Richtung Tauchdienstfahrzeug. „Und? Schon was vom Rest gefunden, Bruce?“ Richie nahm dem Biersieder die Packung Marlboro und das Feuerzeug aus der Hand und steckte sich eine an, bevor er antwortete. „Hör auf, mich so zu nennen. Ich schau dem Bruce Willis ja nicht mal ähnlich.“

Beim Anblick des Polizisten, dem der Marlbororauch aus den Nasenlöchern zischte, musste der Sieder unfreiwillig an den Drachen vom Fernsehkasperl denken. Oder war es nicht doch ein Krokodil gewesen? Jedenfalls war der Tintifax der böse Zauberer. Auch grün, aber trotzdem falsch.

Wie hieß dieses Vieh noch gleich, grübelte der Sieder. Irgendwas mit D…, Da…

„Eigentlich darf ich mit dir gar nicht drüber sprechen. Der Moritz-Eisner-Verschnitt da drüben reißt mir den Schädel aus und scheißt mir in den Hals, wenn der erfährt, dass ich da herumtratsch, lieber Heinrich!“ Der noch immer Rauch aus den Nüstern blasende und offensichtlich äußerst grantige Richie holte den Biersieder wieder in die Gegenwart zurück.

Selbiger schob sich grinsend seine fast trockene Kappe in den Nacken. „Kann nicht schlimmer sein als auf Leichenteile zu speiben“, konterte er. „Wo waren wir grade?“

„Ich hab‘ nicht drauf, sondern danebenge…Geh hab‘ mich gern.“ Richie wachelte mit der Marlborohand vor des Sieders Gesicht herum. „Ich weiß ja auch nicht mehr als du. Mir Provinzkieberer sagt keiner was. Und selbst wenn, würd ich’s dir nicht auf die Nase binden. Ich mag meinen Job nämlich. Und jetzt gib Ruh.“ Richie schien ob der Tatsache, keine nennenswerte Rolle bei den Ermittlungen spielen zu dürfen, ziemlich sauer zu sein. Verständlich, dachte der Sieder. Nachdenklich war er vom Bart- zum Schädelkratzen übergegangen und beobachtete von Fernem den Kommissar, den der Biersieder insgeheim schon als „Moritz Eisner“ in seinem Hirn abgespeichert hatte und der jetzt mit einem der Taucher sprach.

Aus dem Augenwinkel bemerkte der Sieder, dass seine Freunde auf ihn und Richie zukamen. Sie hatten Decken um die Schultern gelegt. Unter Manis Hipsterbrillen zeichneten sich dunkle Augenringe ab und die Locken standen ihm wirr und wie Antennen vom Haupt ab. Ludi war immer noch etwas bleich um die Nase.

Richie dämpfte die Zigarette auf seiner Schuhsohle aus und steckte den Stummel in die Brusttasche seines Uniformhemdes. „Schmeiß die Tschick nicht auf den Boden, Sieder. Steck sie ein.“ Der Sieder tat wie ihm geheißen.

„Kommt mit. Ich bring euch nach Hause.“ Der Polizist sah nun fast genauso müde aus wie Mani.
„Aber unsere Sachen“, protestierte Ludi halbherzig.
„Die könnt ihr vorläufig vergessen“, antwortete Richie, legte Ludi und Mani die Hände auf den Rücken und drückte sie sanft in Richtung Dienstwagen.

Dagobert.

Im selben Moment, in dem ihm der Name des Kasperldrachenkrokodils wieder eingefallen war, wurde ihm bewusst, dass er den Schuh, in dem das Leichenbein gesteckt war, schon einmal irgendwo gesehen hatte.
„Komm jetzt! Sonst kannst wirklich zu Fuß heimgehen“, hörte der Sieder den Dorfpolizisten rufen.
Die Hände in den Hosentaschen vergraben schlurfte der Sieder seinen Freunden hinterher. Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand drehte er den ausgedämpften Zigarettenstummel in der Hosentasche hin und her.

Dagobertschuhe, dachte er.

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DAGOBERT_Kapitel VII (PDF)

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