Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel VI „Schnaps“

{Schnaps}

Richie stand vornübergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt. Sein Atem ging laut und rasselnd. Speichelfäden hingen ihm vom Bart. Die Anstrengung hatte ihm die Tränen in die Augen getrieben. Ein kleiner Tränentropfen zitterte auf seiner Nasenspitze. Zum ersten Mal in seinem Leben war er so richtig froh darüber, doch nicht bei der Kriminalpolizei gelandet zu sein.

Richies heftige Reaktion hatte den Biersieder überrascht. Hatte der Polizist doch schon öfter die Geschichte vom Selbstmörder erzählt, der auf Nummer sicher gehen wollte und sich direkt vor eine Taurus-Lok auf die Schienen geworfen hatte. „Kein Fuzerl war größer als so“, hatte Richie damals am Wirtshaustisch nach dem fünften Bier erzählt und dabei die Fuzerlgröße zwischen Daumen und Zeigefinger angedeutet. „Der hätte als Ganzes in ein BILLA-Sackerl gepasst. Meine Kollegen haben alle gekotzt. Weil’s so gestunken hat rundherum. Solche Mimoserl“, hatte Richie getönt. Die Geschichte war dem Sieder justament wieder eingefallen, als er jetzt den vornübergebeugten und immer noch würgenden Freund beobachtete.

„Geht’s wieder?“, fragte der Sieder den Polizisten und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er wäre nie auf die Idee gekommen, Richie für eine Mimose zu halten. Wer schmückte nicht gerne ab und zu Erlebtes etwas spektakulärer aus? Außerdem hatte er ja selber gekotzt.

„Geht schon. So viel zum Thema Tatortkontamination. Die SpuSi wird ihre helle Freude haben“, murmelte Richie leicht verzweifelt und wischte sich mit seinem dunkelblauen Uniformärmel die Speichelfäden vom Mund und die Träne von der Nase.

„Da. Trink! Renkt den Magen wieder ein.“ Eine Hand, die ein Schnapsglas mit aufgedrucktem Mohnblumenmuster hielt, tauchte zwischen Sieder und dem Polizisten auf. „Das ist der Enzianschnaps meiner Mutter. Der hilft gegen alles. Geeignet für Innen- und Außenanwendung. Putzt besser durch als Rorax!“ sagte Ludi, die sich mittlerweile als außergewöhnlich nervenstark entpuppt hatte. Sie klopfte Richie aufmunternd auf den Rücken und hielt ihm den Schnaps unter die Nase. Dankbar nahm er ihr das Stamperl aus der Hand und kippte den Inhalt in einem Zug. Ludi füllte ohne Kommentar nach. Nach dem dritten Glas hatte sich die Gesichtsfarbe des Polizisten von Grün zu Blassrosa verbessert. Er zückte das Smartphone und ging – leicht wankend – zu seinem Dienstwagen zurück. Die Taschenlampe ließ er mit den Worten „Ich hab’ eh noch eine im Auto“ beim Brogue-Bein liegen.

Weiterlesen bei Kapitel VII

SCHNAPS_Kapitel VI (PDF)

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