Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel VIII „Erna & Gisi“

{Erna & Gisi}

Der Sieder fiel. Er fiel wie ein gefällter Baum in sein frisch überzogenes, nach Weichspüler duftendes Bett. Seine noch immer penetrant nach See und ausgedämpfter Hosentaschenzigarette müffelnde Kleidung lag auf der Strecke Zimmertür-Bett auf dem Boden. Der Biersieder hatte T-Shirt und Hose in müdem Schlurfgang abgestreift und einfach fallenlassen. An Dagobertschuhe dachte er jetzt definitiv nicht mehr. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so müde gewesen zu sein. Innerhalb nicht einmal einer Minute schnarchte er selig sein leicht rasselndes Biersiederschnarchen, sein Käppi immer noch auf dem Kopf. Wie Ludi wohnte auch der Sieder immer noch zu Hause. Was allerdings interessanterweise ihm im Gegensatz zu Ludi nie zum Vorwurf gemacht wurde. Lag vermutlich daran, dass er nicht nur zu Hause wohnte, sondern auch arbeitete. Im Erdgeschoss des schmucken dreistöckigen Häuschens im Ortszentrum lag die Trafik. Ein Familienbetrieb in zweiter Generation, wie der Sieder-Papa gern und stolz betonte. Und es war nicht zuletzt der Bequemlichkeit des Sieders geschuldet, dass er sich nie etwas anderes gesuchte hatte sondern auf das Angebot seiner Eltern eingegangen war, in der Trafik mitzuarbeiten. Da hatte er nicht weit in die Arbeit, stets Zugang zu Zigaretten und der Verdienst war auch nicht schlecht. Nebenbei sparte er Miete.

Erna, des Sieders vollzeitbesorgte Mutter, war ihrem Sohn mit sorgengefalteter Stirn auf Schritt und Tritt durch das Haus nachgetigert. Und zwar seit Richie ihn an der Haustür abgeliefert und Erni im Telegrammstil geschildert hatte was denn nun eigentlich passiert war. Dann hatte sich der Dorfpolizist auf den Rückweg zum Fundort gemacht um zu verhindern, dass einer von den bald eintreffenden ersten Badegästen hinter die Absperrung latschte.

Die Sieder-Mama kannte ihren Sohn gut genug um zu wissen, dass es jetzt definitiv nicht klug war, ihn einem mütterlichen Verhör zu unterziehen. Stattdessen hatte sie wortlos aber weiterhin sorgenstirngefaltet des Sieders Bett frisch überzogen und sammelte jetzt die schmutzige und verwurstelte Kleidung vom Boden auf, bevor sie ans Bett trat, dem Sieder vorsichtig das Kapperl vom Kopf klaubte und ihm liebevoll über den verstrubbelten und ebenfalls leicht nach See riechenden Haarschopf strich. In der Zwischenzeit war der Sieder-Papa in der Zimmertür erschienen.

„Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt, der Bub?“ polterte Vater Giselher. Der germanische Namensfimmel des vom Sieder verabscheuten Nazi-Opas und Giselher-Vaters hatte den Biersieder aka Heinrich quasi nur gestreift, den Biersieder senior allerdings mit voller Wucht getroffen. Im Ort nannte ihn jeder nur „Gisi“. An sich ja ein weiblicher Spitzname. Aber nach Meinung des Biersieder-Papas immer noch besser als Giselher.

„Pscht! Spinnst du? Schrei nicht so, du Aff. Lass ihn schlafen. Er hat nix angestellt“, zischte Erna. Ob der heftigen Reaktion seiner Frau murmelte der Angezischte ein beleidigtes „Man wird ja wohl noch fragen dürfen. Bei dem Buben weiß man ja nie“, drehte sich bockig um und schlurfte zu seinem Frühstückskaffee zurück, der in der Küche auf ihn wartete und sicher nur noch lauwarm war. Das Schlurfen hatte er seinem Sohn ganz offensichtlich vererbt.

Nachdem Erna T-Shirt und Armyshort naserümpfend in die Waschmaschine verfrachtet hatte, ging sie ebenfalls in die geräumige Wohnküche, wo ihr Mann angestrengt über dem kleinen, blitzblauen Küchenradio hing.
„…führte in der Nacht von gestern auf heute zu einem Großeinsatz der Polizei. Unbestätigten Angaben zufolge wurden in Ebensee an einem bei Touristen und Sportbegeisterten äußerst beliebten Badeplatz im Ortsteil Rindbach am Traunsee Leichenteile gefunden.“ Die leicht nasale Stimme des Nachrichtensprechers säuselte aus dem krachenden Äther. Der Empfang des in die Jahre gekommenen Radios war nicht unbedingt der Beste. Aber Ernas Meinung nach so ausreichend, dass ein neues Radio definitiv nicht angeschafft werden musste.
„Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Über das Opfer sowie genauere Umstände des Leichenfunds ist uns derzeit nichts bekannt. Von Seiten der Polizei gab es bis zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Stellungnahme. Das war die Meldungsübersicht. Und jetzt das Wetter.“

Gisi drehte das Gerät ab und sich zu seiner Frau um, die schweigend und gegen den Kühlschrank gelehnt der Säuselradiostimme gelauscht hatte. Er hob seine buschigen und sehr angegrauten Augenbrauen, bis sie fast den Ansatz seines ebenfalls schon sehr grauen Haupthaars berührten. „Magst mir bitte erklären, was hier los ist, liebste Gattin? Wieso bringt ausgerechnet dann der Richie im Polizeiauto unseren Bub heim, wenn sie gleichzeitig irgendwelche Toten aus dem See ziehen?“ Er begann mit der rechten Hand an seiner rechten Augenbraue herumzuzwirbeln. Bei ihm stets ein Zeichen höchster Aufregung. Oder höchsten Ärgers. Als der Sieder im Alter zwischen 14 und 18 nur Blödsinn und Hormone im Hirn hatte und es regelmäßig schaffte sich Ärger einzuhandeln, war Gisi in dieser Zeit fast augenbrauenlos herumgelaufen. Zum Glück war die Braue wieder nachgewachsen. Sonst hätte er jetzt nicht dran herumzerren können.

Erna hatte schon vor vierzig Jahren gelernt, den Augenbrauentick ihres Mannes zu ignorieren und verschränkte jetzt die Arme vor dem nicht unmächtigen Busen. „Pudel dich nicht so auf. Kennst ja eh unser Kind. Er ist quasi über die Leich’ gestolpert. Zusammen mit der Ludi und dem Mani. Die armen Kinder.“ Erna seufzte busenhebend.

Ihr Mann schüttelte den Kopf, die Hand immer noch an der Augenbraue. Allerdings nicht mehr zwirbelnd, sondern eher streichelnd. „Und was passiert jetzt mit unserem Biersieder?“ fragte er. Selbst Erna und Gisi nannten ihren Sohn bei diesem Spitznamen.

Erna zuckte mit den Schultern. „Nix. Der Richie hat gemeint, er soll sich zur Verfügung halten. Wegen Einvernahme und so. Und er hat gesagt, dass sie unserem Bub nix vorwerfen. Und falls er psychologische Betreuung braucht, soll er sich unter der Nummer melden.“ Sie legte ein kleines Kärtchen mit der Nummer der Rotkreuz-Krisenintervention vor ihrem Mann auf das geblümte Tischtuch. Das Kärtchen ignorierend und den Blick auf irgendeinen Punkt neben dem Kühlschrank gerichtet murmelte Gisi: „Na hoffentlich ist es damit erledigt. Grauslich sowas. Der Herrgott möge verhüten, dass es keiner von hier war.“

Erna kratzte sich sehr biersiederlike das Kinn. „Meinst jetzt die Leich’ oder den Mörder?“

„Beides. Gibt nur einen Haufen Ärger.“ Gisi erhob sich von der Eckbank. „Komm. Gehen wir das Geschäft aufsperren. Ist schon nach sechs Uhr. Wir sind spät dran. Die Nikotinarmada wartet sicher schon vor der Tür.“

Erna folgte ihrem Mann. Bevor sie jedoch die Treppe betrat, die ins Erdgeschoss und direkt in den Verkaufsraum führte, warf sie einen Blick in das Zimmer ihres Sohnes. Der Sieder lag schnarchend in seinem Bett. Ein Bein lugte unter der Decke hervor. Leise tapste seine Mutter durch das Zimmer und zog die Vorhänge zu, bevor sie ihre Wohnungsschlapfen gegen die Arbeitstöffler – die mit der Korksohle – tauschte und einen Stock tiefer ging, wo eine Gruppe Bauarbeiter schon ungeduldig auf die Bedienung wartete. Ihr ungutes Bauchgefühl ignorierte sie. Sie schob es auf die Sorge um den Biersieder. Muttergefühle, dachte sie.

Weiterlesen bei Kapitel IX

ERNAundGISI_Kapitel VIII (PDF)

Link zum gesamten Text

Advertisements

4 Kommentare zu „Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel VIII „Erna & Gisi“

    1. Liebe Elfriede! Du glaubst gar nicht, wie sehr mich das freut. Der Biersieder und ich jubeln grade. Und zwar so richtig herumspringend und tanzend 😀 Bisher ist die Geschichte nur auf meinem Blog verfügbar. Vor allem deswegen, weil sie noch nicht fertig und als Fortsetzungsroman angelegt ist. Auch, wenn die Rahmenhandlung schon steht. Das Projekt war so spontan, dass ich mir darüber, einen Verlag zu suchen, ehrlich gesagt keine Gedanken gemacht habe. Sollte es so weit kommen, dass der Biersieder es zum Buch schafft, gebe ich von Herzen gerne Bescheid. Die nächsten Kapitel sind bereits in Arbeit und der Sieder und ich freuen uns, wenn du uns treu bleibst. Viele liebe Grüße, Kathrin + Sieder

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s