Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi | Kapitel IX „Roter Stier“

{Roter Stier}

Die Wirtin war eine imposante Erscheinung. Obwohl sie schon jenseits der Fünfzig war, hatte Franziska – so hieß die Wirtsfrau nämlich – nur wenige Falten im Gesicht. Und die sammelten sich einträchtig rund um ihre blitzenden graugrünen Augen wie ein Strahlenkranz. In ihrem dichten blonden Haar, das sie stets zu einem festen Zopf geflochten hatte, fand sich kein einziger grauer Faden. Sie lachte viel und gerne. Laut und kehlig. Und sehr einnehmend. Verehrer hatte sie immer gehabt. Bis heute. Trotzdem war sie ihrem Mann stets treu gewesen. Sie hätte durchaus gekonnt wenn sie gewollt hätte. Da sie sich aber dessen bewusst war, dass in diesem Ort nichts lange geheim blieb, hatte sie sich nie mit anderen Männern eingelassen. Wäre nur schlecht fürs Geschäft gewesen. Und bei Männern war man grundsätzlich aushatschtechnisch um einiges toleranter als bei Frauen.

Franziska war das, was man in der Gegend eine „fesche und tüchtige Frau“ nannte. Die Gaststätte, die sie seit fast dreißig Jahren höchst erfolgreich und entgegen dem Phänomen des allgemeinen regionalen Wirtshaussterbens führte, hatte ihr Mann von dessen Onkel geerbt, der früh und kinderlos gestorben war. Um die Geschäfte hatte sich allerdings stets sie gekümmert, während ihr Mann die meiste Zeit schwer im Öl am Stammtisch hockte und sich wichtig machte. „Kundenakquise“ nannte er das immer.

Auch mit der Treue hatte der Wirt es nicht so besonders. Franziska hatte zwar anfänglich ihre Probleme damit gehabt, jedoch irgendwann eingesehen, dass es den Ärger nicht wert war und sich lieber um den Gasthof gekümmert, der vor allem für die Hausmannskost und das hervorragende Bier bekannt war. Bier aus einer kleinen Brauerei im Innviertel. Franziska hatte selbige damals entdeckt und ihren Mann davon überzeugt, den Familienbetrieb zum Hauptlieferanten zu machen. Darauf war sie bis heute mehr als stolz. Die Sauferei ihres Mannes hatte schließlich auch seine Vorteile. Gerade wenn es darum ging, ihm etwas einzureden.

An diesem Morgen war sie früh in der Gaststube. Eine Hochzeit stand an. Gerade als sie mit dem Polieren der Weingläser am Fertigwerden war, trat der Koch in den großzügig angelegten Gastraum.

„Hast schon gehört?“ frage er und knöpfte sich die weiße Kochjacke zu.
Franziska hielt eines der Gläser ins Licht und murmelte abwesend und mäßig interessiert: „Nein. Hat der Alte wieder eine neue Freundin?“
„Nicht dass ich wüsste. Nein. Ich meine was Anderes. Im Traunsee haben’s eine Leich’ gefunden“, antwortete der jackenknöpfende Koch.
„Und warum soll mich das interessieren?“ fragte Franziska zurück.
Der Koch knöpfte weiter und schwieg eine Weile. Franziska setzte das Glas ab und sah ihn fragend an, während er den obersten Knopf nervös ins oberste Knopfloch fummelte. „Willst du mir irgendwas mitteilen?“
Der Mann verlagerte unsicher das Gewicht auf das linke Bein und stützte sich auf die Vollholztheke, auf dem die Weingläser wie die Zinnsoldaten aufgereiht waren. „Ich möcht’ dir wirklich keinen Floh ins Ohr setzen. Aber das letzte Mal, dass ich den Chef gesehen habe, war vorgestern Abend. Kurz bevor ich gegangen bin. So um elf Uhr herum. Da ist er weg und meinte, er hätte noch einen Termin. Seitdem hab’ ich ihn nicht mehr gesehen.“

„Und? Ist ja nichts Neues. Der wird zu irgendeinem seiner Gspusis gefahren sein“, antwortete Franziska ungeduldig. Seit Jahren hatten sie getrennte Schlafzimmer. Wann und ob ihr Mann überhaupt zu Hause war, interessierte sie seitdem äußerst peripher. Und dass er auch einmal zwei Tage nicht auftauchte, war nichts Außergewöhnliches.

„Ich meine ja nur“, insistierte der Koch. „Ich mach mir halt Sorgen um den Chef.“

„Du sollst dir keine Sorgen machen, sondern schauen, dass du in die Küche kommst. Wenn ich gnä Herrn daran erinnern darf, dass in ein paar Stunden hier die weiße Hochzeitshölle losbricht. Und die Braut ist definitiv nicht von der geduldigen Sorte. Die hat schon einen Aufstand gemacht, weil ihrer Meinung nach die Tischtücher nicht das Weiß der Tischkarten treffen. Und jetzt Abmarsch!“ Sie verlieh der Aufforderung mit dem Poliertuch wachelnd Nachruck. Da der Koch wusste, dass eine grantige Chefin äußerst unerträglich war und Franziska Aufforderungen nie wiederholte – entweder man folgte oder ein Donnerwetter brach los, dass einem der Hut nicht mehr passte – watschelte er in die Küche und überließ die Chefin ihren Gläsern.

Franziska grübelte. Zwar war es durchaus üblich, dass ihr Mann längere Zeit nicht auftauchte. Allerdings nicht, wenn eine große Veranstaltung ins Haus stand. Dafür war dann doch zu sehr geschäftiger Wirt. Und definitiv zu profilierungssüchtig.

Franziska tastete in ihrer Dirndlschürze nach dem Handy. Anrufen schadet nicht, dachte sie. Und sei’s nur, um dem Alten ordentlich Feuer unterm Hintern zu machen. „Was glaubt der überhaupt!“ murmelte sie.

In dem Moment, als ihre Finger das Telefon umschlossen, begann es zu vibrieren. Franziska blickte auf das Display. Die Nummer kannte sie nicht. Was für ein eigenartiger Morgen, dachte sie und strich über das Smartphonedisplay, um den Anruf entgegenzunehmen. Während sie im freundlichsten Wirtinnen-Ton „Gasthof zum Roten Stier, Franziska am Apparat“ ins Telefon säuselte, trat sie in den Flur und durch die Tür, die mit „Privat“ beschildert war und die in den Vorraum des Wohntraktes führte. Fein säuberlich standen ihre eigenen Schuhe und mehrere Paare, die ihrem Mann gehörten, auf dem Fleckerlteppich neben der alten Kommode, die Franziska von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte und die zusätzlich zum Schuhputzzeug auch diverse Schals, Hauben und Halstücher enthielt.

„Hallo Franziska. Richie hier.“

Franziska schloss die Augen, schluckte und sagte nichts. Wie oft hatte Richie in der Vergangenheit angerufen und ihr mitgeteilt, sie könne ihren Mann in der Ausnüchterungszelle am Posten abholen, weil er bei der Alkokontrolle schon wieder randaliert hatte. Bestimmt war es auch dieses Mal so. Bestimmt. Sie starrte weiter auf die Schuhe.
„Wo soll ich ihn denn dieses Mal abholen?“ seufzte Franziska.
„Ja, ähm. Also.“ Richie stammelte.
Ein Paar fehlte. Die Schwarzen. Die Glänzenden. Die Maßangefertigten, die mehr gekostet hatten, als der Koch im „Roten Stier“ in einem Monat verdiente.
Richie holte tief Luft. „Wann hast du deinen Mann das letzte Mal gesehen oder mit ihm gesprochen, Franziska?“

Der Koch des „Gasthofs zum Roten Stier“ schmeckte gerade genüsslich die Soße ab, als er zuerst lautes Scheppern und dann einen dumpfen Schlag hörte. Neugierig, jedoch ohne große Hektik ging er in Richtung Flur, aus dem das Geräusch gekommen war. Franziska lag im Türdurchgang zum Wohntrakt. Im Fall hatte sie den gusseisernen Schirmständer umgeworfen, der mehr als Dekoration denn zur Schirmaufbewahrung neben der Tür gestanden hatte. Ihr Mobiltelefon, aus dem der Koch den panischen Richie „Franziska! Franziska! Ist alles in Ordnung? Herrschaftszeiten, sag’ halt was!“ plärren hörte, hielt sie immer noch in der rechten Hand.

Fast im gleichen Augenblick, als Franziska in sich zusammensackte und dabei den Schirmständer umstieß, sprang der Biersieder wie von der wilden Tarantel gestochen aus dem Bett und taumelte zu seinem Schreibtisch, auf dem sich Unmengen an Büchern, Zeitungen und Zeitschriften türmten. Unter einem Stapel alter „profil“-Ausgaben lugte eine Ecke der Gemeindezeitung hervor. Ein Mitteilungsblatt, das an jeden Haushalt ausgeliefert wurde. Üblicherweise interessierte sich der Sieder nicht dafür. Doch die letzte Ausgabe hatte den Bericht über eine Geschäftseröffnung enthalten. Erna hatte ihrem Sohn den Artikel unter die Nase gehalten und gemeint: „Da schau! Ein neuer Schuster. Ist das nicht fein? Dann kannst dir endlich einmal ordentliche Schuhe machen lassen. Diese ausgelatschten Treter, in denen du immer herumrennst, sind ja eine Schande.“

Auf dem Foto, das neben dem halbseitigen Artikel mit dem Titel „Frischer Unternehmergeist belebt unsere Gemeinde“ abgedruckt war, sah man nebst Bürgermeisterin und lokalem Bauunternehmer – einem ausgefressenen Kerl mit blaugeäderter Nase und Donald-Trump-Frisur – den Wirt des „Gasthofs zum Roten Stier“. Alle drei hielten ihre frisch maßschnittbeschuhten Hufe in die Kamera und grinsten, die Daumen zur „Gefällt mir“-Geste hochgereckt. Obwohl die Druckqualität nicht allzu gut war, erkannte der Sieder den Schuh, den er vergangene Nacht mitsamt Bein ausgegraben hatte, sofort wieder. Er schnappte sich sein Handy vom Nachttisch und wählte.

ROTER STIER_Kapitel IX (PDF)

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