Fußabstreifer? #aufschrei

Eine junge Frau schreibt über sexuellen Missbrauch. Sie schickt den Text über die Erfahrungen, die sie machen muss, an die Kronen Zeitung. Sie schreibt, dass ihr Arbeitgeber sie missbraucht, indem er von ihr Oralverkehr fordert. Und sie hat Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich wehrt. Das ist soweit das, was

Kronen Zeitung Gerti Senger
Ausschnitt KRONE vom 13. Juni 2017 | Quelle: Kein Geld für Hetze 

wir aus dem kurzen Text herauslesen können, der in der Kronen Zeitung vom 13. Juni 2017 abgedruckt wurde. Mehr wissen wir über die junge Frau nicht.
Zu lesen ist der Text in der Beratungskolumne von Gerti Senger mit dem Titel „Lust und Liebe“. Gerti Senger hat ihre Referenzen, Erfahrung und Auszeichnungen detailliert auf ihrer Website aufgeführt. Umso erstaunlicher die Antwort auf den Hilferuf:

“ Leider werden Sie nicht nur für Ihre Arbeit bezahlt, Sie verkaufen auch sich selbst. Würden Sie das weiterhin tun, könnten Sie genauso viel, wenn nicht noch mehr, verdienen. Falls Sie das aber wirklich nicht möchten, müssen Sie sich mit etwas weniger Geld begnügen. Nur so könnten Sie Ihren Seelenfrieden und Ihre Selbstachtung retten.“

Diese Antwort bedarf näherer Betrachtung. Impliziert sie doch vielerlei Denkansätze, die hinterfragt werden sollten:

  • Die fehlende Frage nach dem Verhältnis: Hier besteht ein klares Abhängigkeitsverhältnis. Die junge Frau ist von ihrem Arbeitgeber mehr als nur in ihrer monetären Existenz abhängig. Sie schreibt klar, dass sie Angst hat, ihren Job zu verlieren. Anzunehmen ist, dass der Arbeitgeber diesbezüglich Druck auf sie ausübt. Hinzu kommt, dass – sofern sie den Missbrauch zur Anzeige bringt oder sich anderweitig wehrt – sowieso ihren Job los ist. Senger meint hier lediglich, die Betroffene müsse sich halt „mit etwas weniger Geld“ begnügen.
  • Was Senger hier großzügig mit „Seelenfrieden und Selbstachtung“ umschreibt ist der Wunsch, aus dem Missbrauch (der weder ein Zuviel an männlichen Begehrlichkeiten, eine Laune oder reines Fehlverhalten sondern strafrechtlich relevant ist) rauszukommen. Welche Dynamiken ein vom Täter ausgenutztes Abhängigkeitsverhältnis mit sich bringt (mit allen Selbstzweifeln, Ängsten und Emotionen, die das Opfer hat), berücksichtigt Senger in ihrem Ratschlag mit keiner Zeile.
  • Seelenfrieden und Selbstachtung sind Schlagworte, die hier wie schon erwähnt auftauchen. Die Verantwortung wird damit klar dem Opfer gegeben. Mit keinem Wort ist zu lesen, welche Verantwortung der Täter hat und dass das, was er hier tut, nicht nur moralisch verwerflich sondern ein Verbrechen ist. Dass er hier der Böse ist und nicht das Opfer, das sich doch einfach einen anderen Job suchen soll, um dem zu entfliehen. Damit hat es sich dann? Posttraumatische Störungen, Angstzustände beim Opfer? Ach wo! Einfach kündigen, dann passt das schon. Täter anzeigen? Ihn und seine Verantwortung in der Antwort zum Thema machen? Fehlanzeige.
  • Erlebter Missbrauch bringt mehr mit als Verlust der Selbstachtung. Er zerstört Menschen. Viele so nachhaltig, dass sie ihr ganzes Leben nicht mehr auf die Beine kommen. Die Anerkennung des Opfers fehlt in Sengers Antwort völlig. Ebenso wie die nötige Empathie. Der Rat kommt als das daher, was er ist: Der Spiegel einer für das Thema Missbrauch und Gewalt an Frauen so gut wie nicht sensibilisierte Leserschaft, die denkt, dass ein Jobwechsel das Problem ganz einfach löst und das ja eh nicht so schlimm ist, wenn sich ein „rüstiger Pensionist“ ab und an von seiner Putze einen blasen lässt. Wenn sie nicht laut „Hilfe“ schreit, wird sie’s schon gewollt haben. Immerhin lässt sie sich’s ja gefallen. Oder so.
  • Die Veröffentlichung an sich: Dass die Geschichte einer jungen Frau, die von ihrem Arbeitgeber missbraucht wird, unter „Lust und Liebe“ abgedruckt wird, entbehrt jedem grundsätzlichen Verständnis der Redaktion gegenüber dem Thema der (sexualisierten) Gewalt gegen Frauen.

Für den Vertrieb, Fortbildungen sowie die Gratisverteilung an Schulen erhielt die Kronen Zeitung 2016 einen Betrag von 233 891,20 Euro als Presseförderung (Quelle: https://www.rtr.at/de/inf/odPresse). Dafür, dass suggeriert wird, Missbrauch sei mit einem Jobwechsel erledigt?

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2 Kommentare zu „Fußabstreifer? #aufschrei

  1. Ein schönes Beispiel, wie man einen idiotischen Kronenzeitung aufbläst und Dinge dazu dichtet, die der eigenen Fantasie entspringen. Sie wurde sicherlich nie gezwungen, sonst ginge sie nicht wieder hin, es ist ein simples Geschäft, sie kann ablehnen oder zugreifen.
    Sengers Antwort ist – wie so oft – völlig daneben, bei Langeweile könnte man jede Woche ein Schitsturmerl starten.

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    1. Lieber Kurti! Wenn Sie wissen, dass sie „sicherlich nie gezwungen wurde“, haben Sie offenbar eine Kristallkugel zu Hause oder kennen das Opfer. Anders kann ich mir Ihr Backgroundwissen nicht erklären. Sie merken, dass es eigenartig ist, mir Dichtung zu unterstellen und selber etwas zu behaupten, das Sie nicht wissen können. Zudem: Ginge es nach Ihrer Logik, dürfte es auf der ganzen Welt keine Zwangsprostitution geben. Wäre nach Ihrer Aussage alles „simples Geschäft“.

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