Heimkommkurve

Heute war ein anstrengender Tag. Wie so oft eben. Donnerstage sind meine „Mit-dem-Zug-pendel“-Tage. Wie vermutlich viele von euch noch nicht wissen, lebe ich in Ebensee. Eine Gemeinde mit knapp 8000 EinwohnerInnen am Südufer des Traunsees. Vier Tage die Woche wurschtel ich mich in aller Frühe aus dem Bett und mache mich auf den Weg nach Salzburg, wo ein wunderbarer Job mit noch wunderbareren Kolleginnen auf mich wartet. Drei Tage Auto. Ein Tag Zug. Täte ich ihn nicht so unheimlich gerne, diesen Job, würde ich den weiten Weg nicht machen.
Manchmal – und das sehr, sehr selten – hasse ich dieses Kaff (das ja eigentlich keins ist). Wenn die Banköffnungszeiten so sind, dass man als Berufstätige grundsätzlich einen Besuch nicht schafft. Wenn die Postfiliale zusperrt oder der letzte noch besetzte Bahnhofsschalter. Wenn sich hinter deinem Rücken die Leut‘ das Maul zerreißen über Was-weiß-ich, dann wünsche ich mir die Anonymität der Stadt. Wo du den meisten einfach völlig wurscht bist. Doch dann sitz ich im Lieblingswirtshaus, wo ich stets alleine hingehe. Weil ich ja ohnehin weiß, dass immer jemand da ist, wo ich mich dazusetzen und etwas parlieren kann. Wo die kaputte Traunbrücke genauso philosophisch betrachtet wird wie die Weltpolitik und man sich über beides gleichermaßen aufregt. Wo der Kellner weiß, was du am liebsten trinkst und dein Name auf dem Registrierkassenbon steht. Ein Wirtshaus, das nicht von ungefähr als „das Wohnzimmer“ gilt.

Ich habe lange den Begriff „Heimat“ abgelehnt. Weil er mir als zu rechts erschien. So ganz happy bin ich damit immer noch nicht. Aber ich verwende ihn schlicht anders. Und ich lasse ihn mir von erzreaktionären Patriotismusplärrern sicher nicht wegnehmen. Heute, an meinem Zugpendeltag, der zum Teil ein Schienenersatzverkehrtag war, habe ich aus dem Fenster des Schienenersatzverkehrbusses ein Foto gemacht, das für mich ein Symbol für ein Heimatgefühl ist, das vielleicht so manche von euch kennen. Und über das es sich lohnt zu schreiben.

Ich fahre selten über die Autobahn von Salzburg nach Ebensee. Zu gefährlich, zu voll, zu hoher Benzinverbrauch. Meistens benutze ich die Bundesstraße, die sich vom Gaisberg über Hof, Fuschl, St. Gilgen und Bad Ischl bis nach Ebensee schlängelt. Eine schöne Strecke. Allerdings fehlt ihr etwas, das ich die „Heimkommkurve“ nenne. Ich fahr auf die Autobahn auf. Manchmal Salzburg Mitte, manchmal Klessheim. Je nachdem. Der Autobahn-80er nervt. Und gewöhnt hab ich mich immer noch nicht dran. Es geht gerade dahin. Und meistens zügig. Mein geistiger Autopilot funktioniert hervorragend. Ob ich grade in Mondsee bin oder in St. Georgen – meistens fällt’s mir gar nicht mehr auf. Das gewöhnt man sich irgendwann ab. Abfahrt Regau. Blinker rein. Runter von der Autobahn, auf der sich LKWs regelmäßig waghalsige Überholmanöver liefern. Was mindestens so nervt wie der Autobahn-80er.
Kreisverkehr. Beim Hornbach vorbei. Megakreuzung beim McDonalds. Wichtig: Die richtige Spur wählen. Sonst steht man in Gmunden, wo man ja eigentlich nicht hinwill. Ein Stückchen noch. Vorsicht: 70er-Beschränkung. Aber an die halten sich die meisten ohnehin nicht. Und dann. Dann kommt sie: Eine lang gezogene Rechtskurve. Ziemlich steil bergab. Ist man zu schnell unterwegs, merkt man’s sofort. Links tauchen der Traunstein und der Traunsee auf. Und immer sehen sie anders aus. Mal von der Sonne angestrahlt. Mal hinter der Nebeldecke halb verborgen. Oder der Traunstein mit wolkigem Häubchen. Die Heimkommkurve. Der Punkt, wo so ein Gefühl hochkommt. Egal, was an diesem Tag an Problemen oder Stress zu bewältigen war: Die Heimkommkurve schiebt all das auf die Seite. Schon als Kind war – etwa wenn ich mit meinen Eltern aus dem Urlaub zurückkam – diese Kurve für mich die Sicherheit, bald zu Hause zu sein. Ich liebe diese Kurve. Und egal, wo ich irgendwann in meinem Leben noch landen werde: Dieses Kurvengefühl wird wohl immer das gleiche bleiben. Nennt es Heimatgefühl oder anders. Dort jedenfalls, wo man weiß, wie die Menschen ticken. Wo alles doch sehr vorhersehbar ist. Wo die leben, die man mag. Wo Familie ist. Und die Gräber derjenigen, die einem immer fehlen werden. Man kennt den Dialekt und die Probleme, mit denen viele, die hier leben, konfrontiert sind.

Altmünster: Aufpassen. Der Radarkasten! Weiter am Seeufer entlang. Vorbei an Traunkirchen, wo ich teilweise aufgewachsen bin. Und wo meine Eltern heute noch leben. Ein schmuckes Dörfchen, wo mittlerweile zu fünfzig Prozent Zweitwohnbesitzer residieren. Raus aus dem letzten Tunnel. Rechter Hand die Bahnschienen, linker Hand der See. Der Empfang meines Autoradios funktioniert wieder. Und vor mir die Ebenseer Skyline, wo seit der Absiedlung der Solvay etwas fehlt. Das macht auch der Imerys-Schriftzug nicht mehr wett. Die Industrieanlage fehlt. Und ich hab‘ mich bis jetzt an dieses Bild noch nicht gewöhnt. Ich wähle die Abfahrt, wo ich noch ein Stückchen durch den Ort fahren muss. Das „Daheim“. Eine ehemalige Industriehochburg, das merkt man noch immer: ArbeiterInnen- und Gemeindebauten. Nichts scheint zusammenzupassen. Alles eher praktisch als schmuck. Mit viel Gegend und Natur drumherum. Mir gefällt’s. Weil es eben nicht perfekt ist. Und weil es so gar nicht in die Sound-of-Music-Salzkammergutidylle passt. Der Ort war immer schon rebellisch. So ganz anders als die Franz-Josef-Erzählungen und die Salzkammergut-Tourismuswerbung. Mit einer vitalen politischen und kulturellen Szene, dem Kino Ebensee und einem gewissen Stolz, den die ArbeiterInnen hier noch immer vor sich hertragen. Und das zurecht.
Ebensee wirkt etwas „zerfranst“. Manche Geschäftslokale stehen leer. Ist auch nicht einfach, hier einen Betrieb zu führen. Die erwähnte kaputte Brücke hat im wahrsten Sinne des Wortes eine Lücke geschlagen. Aber bald kommt ja die Neue.
Egal zu welcher Jahres- und Tageszeit sieht man sie: Die unerschütterlichen RadfahrerInnen, die bei Wind und Wetter ihre Einkäufe und Besorgungen per Velociped erledigen. Dazwischen immer wieder anhalten, um mit Bekannten einige Worte zu wechseln. Darüber, wer grade gestorben ist. Wann die neue Brücke endlich kommt. Wie’s Kindern und Enkerln geht. Und ob dieses und jenes Gerücht denn eigentlich stimmt. Manche kenne ich. Und ich winke.

Ich sehe junge Mütter (und manchmal Väter). Zu Fuß mit ihren Kinderwagen. Oder im Familienauto. Die meisten sind so alt wie ich oder sogar jünger. Die Nachbarin (sie kann mich nicht leiden und ich sie nicht) kommt mir auf ihrem dunkelvioletten Fahrrad entgegen. Gegrüßt wird nicht. Zumindest da sind wir uns einig. Eine scharfe Linkskurve und ein Bahnübergang. Wo natürlich grundsätzlich immer der Schranken unten ist. Meistens Verschub. Gleich bin ich zu Hause. Jenseits des Bahnübergangs steht – etwas versteckt – mein Wohnzimmerwirtshaus. Im Sommer sitzt meistens schon jemand auf der Hausbank. Ich linse zum Wohnzimmer-Parkplatz, ob ein mir bekanntes Auto dort steht. Immerhin bin ich ja schon daheim. Da muss ich ja nicht gleich nach Hause. Und ein Seiterl geht immer. Niemand da. Beim Dartclub-Lokal gegenüber meines Wohnzimmerwirtshauses steht die Tür offen. Ein junger Mann steht leicht schwankend und vermutlich etwas angetrunken vor der Tür, raucht und starrt auf das Smartphonedisplay. Nach wenigen hundert Metern biege ich in unsere Siedlung ein. Schöne bunte Genossenschaftswohnhäuser. Alle mit eigenem Parkplatz. Übrigens etwas, das ich nach Jahren der Salzburger Parkplatznot – zehn Jahre lebte ich in der Mozartstadt – äußerst schätze. Ich stelle den Motor ab und bleibe noch etwas sitzen. Durchschnaufen. Ich bin zu Hause. Wo der Rucksack abgestellt werden kann und jemand auf mich wartet.

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