Zufriedenheit als politische Kategorie?

Wahlkampf ist. Na no na net. Man überbietet einander mit den unterschiedlichsten Konzepten. Im Zentrum der Begrifflichkeiten steht der Wohlstand. Und die jeweilige Idee, was Wohlstand denn nun eigentlich bedeutet. Im Wesentlichen wird der Wohlstand an Beträgen festgemacht. Wie viel braucht es, um wohlständig zu sein? Wie viel ist notwendig, um sich selber zum Mittelstand zählen zu dürfen. Eine abstrakte Größe, dieser Mittelstand. Und von 1400 brutto bis hin zur 1-Million-Erbschaft versucht jede_r, sich als Mittelstand zu begreifen. Irgendwann in den vergangenen Wochen hab‘ ich aufgehört, bei der Mittelstandsdefinition duchzusteigen. Es ist mir schlicht zu mühsam geworden.

Ich war eine Woche auf Urlaub in Griechenland. Genauer gesagt auf Lesbos. Ein guter Teil der Österreicher_innen hätte sich vermutlich dort nicht einmal hingetraut. Zweng der Flüchtling. Weil alles furchtbar und so. Da bleibt man doch lieber daheim im Kellerstüberl.
Aber ernsthaft jetzt: Man fährt in ein Land auf Urlaub, wo es den Menschen nicht besonders prächtig geht. Die Gesundheitsversorgung ist weit weg von Naja und der Sparkurs ist zur Normalität geworden. Lassen’s dich die GriechInnen spüren? Nö. Gesudert wird nicht. Und man tut, was man kann, um sich irgendwie durchzuwursteln.

Meanwhile in Austria: Kurz schließt Routen (noch immer/schon wieder), die Grünen dümpeln jenseits von Gut und Böse dahin, die SPÖ übt sich in Zuversicht und die FPÖ plakatiert Radfahrer. Ernsthaft: An meinem ersten Tag back at home war ich sehr versucht, den nächsten Flug nach irgendwohin zu buchen. Kann ich’s mir leisten? Eigentlich nicht. Dafür bin ich zu lange schon in der Teilzeit-Prekariatsfalle. Aber man überlegt trotzdem: Einfach, um wegzukommen. Vielleicht auch gleich auswandern. Aber da ist man dann doch zu feig für.

Weg von dieser Schlechtschreiberei und -rederei, Österreich stünde an der Kippe zum Bürgerkrieg. Fünf Minuten Twitter und man bekommt den Eindruck, bei uns müssten die Leut‘ verhungern. Gewiss. Ginge es nach manchen, ist es eine wunderbare Idee, dass die, die ohnehin schon viel haben, noch mehr bekommen sollen. Und der Kampf, was wem nun tatsächlich zusteht, ist nicht erst im Wahlkampf ausgebrochen.
Über all diesen Fragen des „Was steht nun wem zu und wieviel?“ fehlt mir etwas ganz Entscheidendes: Wer kann von sich nun tatsächlich behaupten, zufrieden zu sein? Und ist „Zufriedenheit“ überhaupt eine politische Kategorie? Ich sage: Nein. Wir diskutieren über Mindestlöhne. Flexibilisierung und Bedürfnisse. Doch haben wir die Bedürfnisse der Menschen tatsächlich am Schirm? Ich frage mich ernsthaft, was erfüllender ist. Ein schlecht bezahlter Teilzeitjob, der es notwendig macht, hundert Kilometer täglich zu pendeln, nur um sagen zu können „Ich hab einen Job“ oder Zeit, die man mit der Familie und FreundInnen verbringt? Definieren wir uns so sehr über Erwerbsarbeit, dass alles andere nebensächlich wird? Setzen wir wirklich selbstverständlich unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden aufs Spiel, um dann irgendwann nach vierzig Jahren noch ein paar Jahre halbwegs fit unsere Pension „genießen“ zu können? Wozu eigentlich? Zählen die Bedürfnisse diese vierzig Jahre lang denn nichts? Warum stellen wir uns die Frage nicht häufiger: Macht das, womit ich mein Geld verdiene, überhaupt Sinn? Oder geht es nur darum, Pensionsansprüche zu erwerben, um dann noch ein paar gute Jahre zu haben?
Zufriedenheit ist natürlich etwas Subjektives. Die Einen finden Erfüllung in der Anhäufung von Besitz. Die Anderen sehen sich in der Unterstützung anderer bestätigt. Die ökonomische Gewichtung des Einen ist halt höher als die des Anderen. Und genau das ist der Knackpunkt. Wir zerbrechen uns den Kopf über Konjunktur, Wachstum, Umsätze und Innovation. Zahlen auf einem Blatt Papier, nicht mehr. Doch wie zufrieden ist der Einzelne? Der/die Student_in, der/ die Bestleistungen bringt und doch nur in der Praktikumsdauerschleife hängt? Der/die Alleinerzieher_in, der/die jeden Tag ein schlechtes Gewissen hat, weil er/sie viel zu wenig Zeit mit den Kindern verbringt. Der/die Sohn/Tochter, der/die viel lieber Zeit mit den Eltern verbringen würde und stattdessen von einem Businesstermin zum nächsten hetzt, um den Profit anderer zu maximieren.
Ist all das vorbei, die Arbeit getan, die Kinder erwachsen und aus dem Haus, blickt man auf Jahrzehnte zurück: Auf Jahrzehnte des Verzichts, des Zu-wenig-Zeit-Habens, des „Tut mir leid, ich muss weg“. Was einem bleibt, sind die Erinnerungen, die man nicht hat und die Zuneigung, die man vor lauter „beschäftigt-sein“ aufs Spiel gesetzt hat. Dass wir uns immer noch einreden lassen, dass das erstrebenswert sei zeugt davon, dass Dummheit sehr wohl eine politische Kategorie ist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s