L.’s Run

Logan’s Run (auf Deutsch: Flucht ins 23. Jahrhundert) handelt von einer Wohlstandsgesellschaft. Alles ist durchdigitalisiert. Ein Supercomputer, der ein bisschen an das Skynet aus „Terminator“ erinnert, weiß alles über jeden. Die BewohnerInnen der futuristischen Städte leben – weit unter der Erde – in dem Glauben, der Tod sei lediglich eine Erneuerung. Knackpunkt bei der Geschichte: Jeder und jede muss mit 30 Jahren sterben. Oder sich reinkarnieren. Je nachdem, wie man’s sieht. Wer versucht sich dem System zu entziehen, wird gnadenlos gejagt und „eliminiert“. Hinterfragen ist gleichsam verboten.
Ich kannte weder Buch noch Film, bis mich ein sehr kluger Twitterbuddy im Zuge einer Diskussion zu einem ganz anderen Thema darauf aufmerksam machte. Über etwas, das mir nicht nur sprichwörtlich zorniges Herzrasen verursacht:
Eine Frau, 40 Jahre alt, berichtet in den Salzburger Nachrichten über ihre Erfahrungen bei der Jobsuche. Man möchte meinen, dass jemand, der Erfahrung in der Geschäftsführung hat, schnell wieder eine Anstellung findet. Fehlanzeige. Die von Frau L. geschilderten Erfahrungen machen mich traurig, ratlos und ja, auch wütend. Wobei ich an sich kein Mensch bin, der schnell wütend wird. Eher traurig, rat- und rastlos. Aber nicht wütend. Jetzt bin ich es.

Frau L. verfasste 300 Bewerbungen in 34 Wochen. Sie schreibt: „Auf 287 (95,67%) habe ich eine Antwort erhalten. 212 waren (automatisierte) Standard-Schreiben (73,87% der Antworten) mit Absagen „nach ausführlicher Prüfung“ – interessanterweise richteten sich 64 oder 30,19% dieser Standard-Antworten an einen Herrn L. Ein Viertel aller Bewerbungen (75) führten zu Bewerbungsgesprächen (von mehrtägigen Assessmentcentern bis zu kurzen Skype-Gesprächen), davon 41 in eine „abschließende“ Verhandlungsrunde; bisher ohne Vertragsabschluss.
Wer selber schon länger auf Jobsuche war, weiß von Skurrilitäten zu erzählen: Von Fragen zu Kinderwünschen (wenn auch illegitim, so kommen sie doch ständig vor) über Vorschläge, doch etwas am Aussehen zu ändern bis hin zu „20 Stunden sind Sie angestellt, der Rest wäre Ehrenamt, wenn Sie das nicht stört“ reichen die von mir in meinem Umfeld erfragten Berichte. Als ich vor wenigen Stunden den Artikel auf Facebook postete, kamen von weiteren UserInnen (Männer wie Frauen) folgende Erfahrungsberichte:

„Bekam seinerzeit mit 33 eine Absage, weil ich wortwörtlich „zu alt“ sei. Der Job war der eines Netzwerk-Admins…“

„Ist mir genau so ergangen mit 33 Jahren und später in Deutschland noch einmal mit 44, Sie sind unvermittelbar, hieß es. Ja, ich habe mir das oft genug anhören müssen und ich finde noch heute, es ist eine bodenlose Ungerechtigkeit. Ich arbeitete in einer Bank im gehobenen Bereich und mein Vorgesetzter und ich beurteilten Bewerbungen. Er sortierte alle aus die Zivildiener waren und alle die Auslandserfahrung hatten. Mir standen manchmal die Haare zu Berge wegen der Ausschlusskriterien!“

„Meine Frau (31)hat eine Umschulung gemacht und bewirbt sich aktuell . Auch hier (Deutschland, Anm. d. Autorin) das selbe… frisch verheiratet und dann kommen ja bald Kinder… so denkt der Mainstream halt… sie ist mittlerweile soweit das sie das anspricht, da der Arbeitgeber das ja nicht darf.“

„ja leider…kann das nur bestätigen und mit einem ausländischen namen als draufgabe, macht es noch mehr spass.“

„Das ist die Realität. Mit 30 Jahren im Jahr 1997, nach dem Karenzurlaub, sagte man mir beim AMS, dass ich zu alt sei. Ich suchte mir selbst einen Job, der beim AMS ausgeschrieben war, mir aber nicht angeboten wurde, weil ich „nur“ arbeitssuchend war – gut beim AMS hat sich inzwischen doch einiges geändert. Erfahrung und Verlässlichkeit zählt wesentlich weniger als ein niedriger Verdienst.“

All das sind Blitzlichter. Momentaufnahmen aus Erwerbsbiographien von Menschen, die Ausbildungen abgeschlossen haben, motiviert sind und Kompetenzen besitzen. Wagt man sich in den Bereich „Praktika“ vor, wird es noch dreister.

Zurück zu Frau L. Weil sie verheiratet ist, bekommt sie von einem CEO die Antwort „“Hm. Das ist schon sehr struktur-konservativ! Wir sind ein internationales, kreatives Team. Sowas passt nicht zu uns!“ Ein anderer, selber um die 50 Jahre alt, meint „Ich bin nicht bereit, für Ihre Vergangenheit zu zahlen! Und für die Zukunft sind Sie mir nicht jung genug!“.

Zu „alt“ mit 40? Zu „alt“ mit knapp über 30? STOP! Jetzt mal halblang.
Ich gehöre zu einer Generation, der verklickert wurde (ein Schmäh, der ja immer noch läuft): Kümmert euch um Bildung und Ausbildung, sammelt nebenbei Erfahrung und arbeitet neben dem Studium, macht Praktika, schaut auf einen guten Lebenslauf. Dann kann nix schiefgehen. Natürlich weiß man, dass eine gute Ausbildung eher vor (Langzeit)Arbeitslosigkeit schützt. Doch reicht es, einfach irgendeinen Job zu haben? Einen, der noch dazu schlecht bezahlt ist, für den man aber eine unüberschaubare Liste an Qualifikationen und „Skills“ mitzubringen hat?

Während das ewig vorgebetete Mantra heißt „Arbeitet Vollzeit sonst geht sich die Pension nicht aus“ findet man in gewissen Arbeitsfeldern fast nur noch Teilzeitjobs. Und zwar bei weitem nicht nur in Arbeitsfeldern für die so genanten „Geringqualifizierten“ (und übrigens mag ich dieses Wort gar nicht).
Eine gute (Aus)Bildung braucht Zeit. Der Wunsch der viel gepriesenen HR-ManagerInnen und „Assessment Center“ ist (ich überspitze jetzt etwas, aber nur ein bisschen): Wir möchten gut aussehende Mittzwanziger mit Mindestzeitstudium, zehn Jahren Berufserfahrung, Auslandsaufenthalten und das digitale und technische Know-How versteht sich ohnehin von selbst (egal, welche Ausbildung man mitbringt; man ist ja schließlich jung und damit aufgewachsen). Uuuuh, aaaaah…Kinder blöd. Kinderwunsch auch blöd. Keine Kinder auch blöd, könnte Frau ja welche bekommen. Und UUUUH, AAAAH…also diese Gehaltsvorstellungen: Tut uns leid. Geht nicht. Aber die Ehre, für uns arbeiten zu dürfen, ist ja auch was wert. Aha.

30 ist also das neue 50. 40 das neue 60. Und mit 50+ verwest man quasi eh schon. Nun frage ich: Wo kann das hinführen? Dieser „Jung, dynamisch und billig“-Habitus, der ja so modern ist, hinterlässt Spuren bei all jenen, die man nicht oder nicht mehr in dieses Idealbild quetschen kann. Und die sich diesem Bild auch bewusst entziehen und sich nicht quetschen lassen (was ich persönlich ja sehr sympathisch finde). Es gibt einem das Gefühl, nicht „gut genug“ oder wertlos zu sein. Es verursacht Existenzängste und den ständigen Druck, sich verbiegen zu müssen.

An die HR-Manager und Assessment-Center-Senior-Director: Ich hab‘ da eine erschütternde Botschaft für euch. Menschen altern! Sie fallen nicht einfach tot um wie bei Logan’s Run. Und sie tun’s schon gar nicht mit Freuden und Überzeugung. Sie lösen sich auch nicht in Luft auf. Diese Menschen haben oft länger als ihr halbes Leben gearbeitet und bringen unschätzbare Erfahrung mit, von denen Unternehmen, deren Kultur und die KollegInnen nur profitieren können. Diese Menschen sind kein Klotz am Bein und schon gar nicht kurz vor dem Einsargen. Sie brauchen keinen Babysitter und niemanden, der ihnen den Sabberlatz umbindet. Weder mit 30 noch mit 40 oder 50 Jahren. Es geht hier nicht nur um Arbeitskraft, die möglichst billig herumgeschoben werden kann. Die man mit Kennzahlen versieht oder deren Bewerbungen man einfach so auf den Müll wirft, weil irgend ein formales Fuzerl nicht passt. Da entgeht euch nämlich ein Haufen an Kompetenz, Know-How und positivem Einfluss auf eine Idealkultur der Junggebliebenen, die immer weniger Menschen erfüllen können.
Solange wir aber alle versuchen, uns ständig dieser Idealkultur anzupassen und uns zu fragen, was wir falsch machen, wäre es lohnenswert, gemeinsam an diesem Bild zu schrauben. Und zwar so lange, bis es den realen Gegebenheiten entspricht.
Und ein kleiner Tipp am Rande an die HRler: Wenn Kinderkriegen so böse ist, gibt’s irgendwann keinen jung-dynamischen Nachschub mehr 😉

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