Noch 1 Achterl?

Guten Abend. Sie sind doch der Herr Kurz? Na wirklich, dass ich Ihnen begegne! Das hätt‘ ich mir nicht gedacht. Bei dem Stress, den Sie immer haben. In Echt wirken’S kleiner als im Fernsehen. Jetzt hätt‘ ich Sie fast nicht erkannt. Grüß Gott, grüß Gott!
Wie? Was meinen Sie? Ob da noch ein Platz frei ist?
Dass Sie auch mal alleine unterwegs sind…Würd‘ man nicht glauben, wenn’s nicht so wäre. Ja bitte schön, setzen Sie sich. Eigentlich recht warm für Mitte September, nicht? Schön, dass man noch draußen sitzen kann. Die letzten warmen Tage, bevor’s wieder für Monate finster und kalt wird.
Ja, da haben Sie recht, Herr Minister. Die österreichischen Winter sind immer lang. Der Klimawandel is‘ schon a bissl dings…ungut. Ich würd‘ ja auswandern, wenn ich könnt‘. Irgendwohin wo’s warm ist. Malta vielleicht. Oder Panama.
Hm? Die Schweiz, meinen Sie? Na, da kann ich gleich in Österreich bleiben. Ob’s mich hier einschneit oder in der Schweiz ist auch schon egal. Aber Österreich ist ein viel zu schönes und wohlhabendes Land, um wegzugehen. Ist ja ein Privileg, hier zu leben, finden Sie nicht?
Mein Gott, ich schwafel da dahin und Sie verdursten fast, Sie Armer! Was möchten’S denn trinken?
Was ich da trink? Puh. Irgendeinen Grünen Veltliner. Hauptsache weiß und trocken, nicht wahr. Ich bin ja nicht so die Weinkennerin. Ich trinke halt, was mir schmeckt. Darf ich Ihnen von dem auch ein Achterl bestellen? Oder gleich ein Vierterl? Oder irgendwas Anti? Spezi? Oder ein Kaffeetscherl vielleicht?
Ein Achterl, natürlich. Nein, nein! Bleiben’S sitzen. Ich geh schnell bestellen.

Bitteschön. Ach, nichts zu danken. Hab‘ ich gern gemacht. A votre santé!
Ob ich das mit dem Auswandern ernst gemeint habe? Aber natürlich nicht. Wie gesagt, ich bin recht froh, hier leben zu können. Wissen’S: Seit ich Kontakt zu Kriegsflüchtlingen gefunden hab‘, bin ich ja noch dankbarer.
Hm? „Woher sie kommen?“ Also ich bin aus Ebensee. Ein paar Jahre hab‘ ich in Salzburg gelebt und dort stud…
Ach so. Die Flüchtlinge meinen Sie? Na aus Syrien. Aus Afghanistan. Somalia auch einer. Aber den hab‘ ich nur ein Mal getroffen und muss gestehen, dass ich seinen Namen schon wieder vergessen hab‘. Ich hab‘ nämlich ein furchtbares Namensgedächtnis. Jedenfalls war das ein unheimlich Ruhiger und Freundlicher. Möcht‘ wissen, was aus ihm geworden ist. Ich hab‘ jedenfalls nur positive Erfahrungen gemacht, kann ich Ihnen sagen.
Ja, ich weiß, dass Sie der Meinung sind, dass das alles nicht mehr so weitergehen kann mit den Flüchtlingen. Wissen Sie, a bissl was vom Wahlkampf hab‘ ich mitbekommen. So ganz am Rande. Ich frag‘ mich halt die ganze Zeit, welcher Flüchtling irgendwem anderen was wegnehmen soll. Weil, ich bin nämlich schon der Meinung, dass jeder mit einer gewissen Würde leben können dürfen muss. Und die Menschenrechte sind da auch meiner Meinung. Und so eine Wohnung ist schon verdammt teuer. Das Leben überhaupt. Und wenn man jetzt die Mindestsicherung oder Grundversorgung wurscht für wen noch kürzt…Es geht sich ja mit einem normalen Gehalt schon keine ordentliche Wohnung mehr aus. Grad wenn man allein ist. Oder halt allein mit Kind. Weil Kinderbetreuung ja auch Essig. Kannst dir ja das Kind in der Arbeit nicht auf den Rücken binden.
Ja. Ja, das mit der 1500-Euro-Steuerbonusidee hab‘ ich mitgekriegt. Dass die dann von den Vätern weitergegeben werden soll.
Mhm. Mhm. Mhm…Ja mei. Eh nett in der Theorie. Aber ich muss jetzt schon fragen: Glauben’S nicht, dass ein Vater, der sich schleicht und keinen oder unzureichend Unterhalt zahlt dann hergeht und sagt „Ja freilich! Den Steuerbonus geb‘ ich gerne her. Bussi aufs Bauchi!“ Und an wem bleibt’s dann im Endeffekt hängen? An den Frauen und Kindern.
Ah. Sie wollen das Thema wechseln? Wohin wollen’S denn wechseln?
Was ich von der Gestaltung der Bewegungsbroschüre halte?
Darf ich ehrlich sein?
Die Leut‘ dürfen Ihnen gegenüber immer ehrlich sein, meinen Sie. Nun gut. Davon abgesehen, dass ich Türkis nicht mag, möcht‘ ich schon die ganze Zeit wissen, was die Gurke soll.
Na die Gurkn.
Schauen’S net so verdattert. Ich mein den Teil zu „Frauen stärker unterstützen“ auf Seite 18. Im Text wird nämlich eigentlich gar nix gesagt. Auch nicht zur Gurken-Highheels-Flascherl-Lippenstift-Tablet-Kombination.
Da sind Sie sich auch nicht ganz sicher? Ja wenn Sie’s nicht wissen. Vielleicht könnten’S ja bei der Agentur nachfragen, der das eingefallen ist. Das wär‘ sehr nett.
Was ich arbeite?
Also wissen Sie. An sich bin ich ja Historikerin. Grundsätzlich bin ich Projektmitarbeiterin. Nebenher a bissl politische Bildung, Vorträge, Social Media Management, Schreiben…Was halt so daherkommt.
Wie? Was meinen Sie? Sie müssten a bissl lauter reden, die am Nebentisch schreien so. Da hört man sich ja selber beim Denken nicht!
Is‘ da drüben jetzt a Ruh. Gibt’s ja nicht…
Was sagten Sie? Dass Sie sich freuen, dass ich eine Leistungsträgerin bin. Hm. Das find‘ ich jetzt spannend. Weil wenn’s nämlich nach Ihrer Partei geht…
Ja, tschuidign. Bewegung…Also wenn’s nach Ihrer Bewegung geht, dann bin ich nämlich keine Leistungsträgerin. Ich bin keine Großerbin, hab‘ keine Unternehmen und vom Verdienst her würd‘ ich nicht einmal in Ihr Steuerentlastungsprogramm fallen. Aber ich nehm’s nicht persönlich. Mich hätt’s ja überrascht, würd’s anders sein.
Ob ich Sie trotzdem wählen würde? Puh. Ich meine, Sie bemühen sich da so, setzen sich zu mir her, reden mit mir. Da möcht‘ ich wirklich nicht unhöflich sein.
Wollen’S noch a Achterl?

*Dieses Gespräch ist natürlich reine Fiktion und hat niemals in dieser oder anderer Form stattgefunden. Die künstlerische Freiheit ist wahrlich ein Segen.

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2 Kommentare zu „Noch 1 Achterl?

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