Reis und Nudeln

Laut Armutsbericht 2016 sind mehr als 1,5 Millionen Menschen in Österreich armuts- und ausgrenzungsgefährdet. Arm sein heißt, erhebliche Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen hinnehmen zu müssen. 20 Prozent der Unter-20-Jährigen lebten 2016 in Familien mit Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung. So weit die Zahlen.
Armut hat in Österreich keine ausreichende Lobby, die als stark genug angesehen und entsprechend beachtet wird. Im Wahlkampf wird um den Mittelstand gerittert. Und Mittelstand will doch irgendwie jeder sein. Auch wenn er’s nicht ist.
Armut ist im gesellschaftlichen und politischen Diskurs gesichtslos. Was kein Gesicht hat, wird nicht für voll genommen, behaupte ich. Armutsbetroffene sind nur selten wirklich sichtbar. Und das nur dann, wenn die Not so groß ist, dass sie nicht mehr zu verbergen ist.
Ich möchte euch eine jetzt Geschichte erzählen.
Die Geschichte dreht sich um eine junge Frau. Sie war 20 Jahre alt. Es war um die Weihnachtszeit. Eine Gruppe von StudentenheimkollegInnen machte sich auf den Weg zum Weihnachtsmarkt in der Altstadt. Standl schauen. Mit dem Bus waren es nur einige Stationen. Das Semesterticket in Salzburg war bereits zum damaligen Zeitpunkt so gut wie nicht leistbar. Der Betrag des Stipendiums lag bei knapp über hundert Euro im Monat. Üblicherweise ging die junge Frau zu Fuß zur Uni, um Ticketkosten zu sparen. An diesem Tag ging sie das Risiko ein und fuhr mit dem Bus. Auch um gegenüber den anderen nicht zugeben zu müssen, das Geld fürs Ticket nicht zu haben. Und Weihnachtszeit ist Kontrolleurszeit. Die Situation endete damit, dass die junge Frau den Kontrolleur, der sie beim Schwarzfahren erwischte hatte, heulend anflehte, eine Ausnahme zu machen. Die Strafe lag bei 70 Euro. Das Budget für zwei Wochen. Ausnahme war nicht.
Vermutlich nicht schwer zu erraten, dass es bei der jungen Frau um mich geht. Glücklicherweise bin ich heute in einer besseren, wenngleich immer noch prekären Situation verglichen mit anderen. Aber mir geht nichts ab. Und ich habe eigentlich mehr, als ich zum Leben brauche.

Während meiner Studienzeit – immerhin sechs Jahre – war die Lebensrealität eine andere. Meine beste Freundin und ich hatten über die Monate ein Ritual entwickelt. Um die Monatsmitte herum räumten wir beide unsere Vorratsschränke aus und überlegten, was daraus noch an warm Verkochbarem zu produzieren war. Die letzten Tage im Monat gab’s meistens Reis oder Nudeln ohne irgendwas.

Zu meiner Studienzeit lag die Zuverdienstgrenze bei Stipendienbezug – unabhängig vom Betrag – bei knapp über 5000 Euro pro Jahr. In guten Monaten hatte ich dank Nebenjob 400 Euro zum Leben. In schlechten Monaten waren es 150. Über ein warmes Zimmer und ein Taschengeld musste ich mir dank meiner mich jederzeit unterstützenden Eltern keine Gedanken machen. Bis heute bin ich ihnen unglaublich dankbar, dass sie mir diesen Bildungsweg ermöglicht haben.
Nichts desto trotz kenne ich das Gefühl, in fadenscheinigen Hosen und ohne ordentliche Winterjacke auf die Uni zu gehen, wo man dann StudienkollegInnen um die nötigen Kopien anschnorrt. Der Zeitpunkt, an dem ich einen Tagelöhnerjob annahm, bei dem es darum ging, eine Lagerhalle aufzuräumen, ist mir bis heute in Erinnerung. Als ich nach dem Job mit vierzig Euro in der Tasche nach Hause kam, heulte ich. Nicht aus Scham. Arbeit ist Arbeit. Und diese Arbeit war ehrlicher als viele andere. Es war eher die Angst davor, nie einen entsprechenden Job zu finden und ewig in löchrigen Hosen herumlaufen und Reis ohne alles essen zu müssen.
Das überzogene Konto war ein permanenter Begleiter. In der Mensa traf man sich zwischen den Lehrveranstaltungen und saß stundenlang bei einem Becher billigen Kaffees beisammen. Fortgehen war eine sehr seltene Ausnahme. Man schmiss einfach das Budget zusammen und schaute, was am Ende dabei rauskam.

Ich möchte die Zeit nicht missen. Es war eben so. Und die Momente, wo man sich gewisse Dinge schlicht nicht leisten konnte, werden durch die Erinnerungen an lange und lustige Abende in der Heimstockwerksküche allemal wettgemacht. Dennoch habe ich über mehrere Jahre hinweg am eigenen Leib erfahren, was es heißt, sich Ausreden einfallen zu lassen, warum man jetzt nicht ins Kaffeehaus mitgehen kann. Dass der Kleidungsstil Ausdruck alternativkultureller Wurschtigkeit ist und nichts damit zu tun hat, dass man sich den Gang zum H&M schlicht nicht leisten kann. Dass man grade Diät macht und deswegen nichts essen möchte.

Mit der Zeit wurde es besser. Die Nebenjobs wurden mehr und die Durststrecken kürzer. Die Erfahrung bleibt trotzdem. Und die Prägung auch. Armut heißt nicht nur, für bestimmte Dinge kein Budget zu haben. Armut heißt vor allem, nicht Teil von etwas sein zu können. Man versucht, das heile Bild möglichst lange aufrecht zu erhalten. Da würde man sich vorher ein Bein abkauen, bevor man zugibt, dass man sich etwas nicht leisten kann. Sei’s der Kino- oder Kaffeehausbesuch.

Dass es Menschen gibt, die diese, ähnliche oder noch schlimmere Situation über lange Phasen oder sogar ihr ganzes Leben lang bewältigen müssen, ringt mir höchsten Respekt ab. Und macht mich gleichzeitig zutiefst betroffen. In einem Land, das als eines der reichsten der Welt gilt, dürfen derartige Biographien schlicht nicht vorkommen. Und die Erklärung, dass jeder und jede seines/ihres Glückes Schmied ist, ist schlicht unwahr. Es reichen ein Schicksalsschlag, Krankheit, der Verlust einer geliebten Person, eine Suchterkrankung oder schlicht der Verlust des Jobs, um völlig zu verarmen. Es reicht in einem Berufsfeld zu arbeiten, in dem so wenig bezahlt wird, dass man sich überlegen muss, ob man die kaputte Waschmaschine reparieren lässt oder doch lieber die Wohnung heizt. Manche bezeichnen Armutsbetroffene zynisch als „nicht leistungsfähig“, „unwillig“ oder schlicht „faul“. Was ich davon halte, muss ich an dieser Stelle wohl nicht extra ausführen.

Armut ist etwas, das einem reichen Land wie Österreich nicht zusteht. Die Bereitschaft jener, die übergebührend viel haben, zu geben ist defizitär. Wollen wir den sozialen Frieden sichern, gilt hier das Gebot des Umdenkens. Das Leistungsdogma gehört abgelöst von einem Solidaritätsdenken, das niemanden zurücklässt. Wertschätzung und Sicherheit für jeden einzelnen von uns unabhängig von Kontostand, Eigentum oder Lebenslauf gehören wieder ins Zentrum gerückt. Mangelnder Wohlstand ist zudem nicht automatisch Indiz für mangelnde Leistung. Und der Kontostand sagt bei Gott nichts über die Wertigkeit des einzelnen aus. Meine Geschichte ist dafür wohl das beste Beispiel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s