Herumsudern. Und was man darauf antworten kann.

Das „Sudern“ ist doch etwas sehr Österreichisches. Da nehme ich mich selber nicht aus. Ich suder mit Hingabe, den Blick meist auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt gerichtet. Völlig zurecht übrigens. Es gibt allzu viele Ungerechtigkeiten. Und im Übermaß sind die von Ungerechtigkeiten betroffen, die nicht das Kapital haben, um sich Gerechtigkeit zu erkaufen.
Andererseits bin ich es gerade jetzt im Wahlkampf schon ziemlich leid zu hören, was alles schiefläuft. Und das Schlechtreden verdeckt einerseits das Positive und andererseits die wirklichen Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaften stehen.

Ich geh jetzt einen Schritt zur Seite, werfe einen Blick auf mein eigenes Leben, die kleinen und großen Chancen, die ich bekommen habe und immer noch bekomme und die Dinge, die wir gerne als Selbstverständlichkeiten betrachten. Dinge, die im überwiegenden Teil der Welt eben nicht selbstverständlich sind.

Es folgen Episoden aus meiner eigenen Geschichte, zutiefst subjektiv, gewiss für viele nicht nachvollziehbar oder verständlich. Aber: Wenn ich euch dadurch zum Grübeln animiere, hab‘ ich eigentlich schon gewonnen.

A story about…
Gesundheit

Vor einigen Jahren, ich war 24 Jahre alt, bekam ich eines Tages ein Ziehen im Unterschenkel. Zunächst dachte ich an Muskelkater. Das Ziehen hörte nicht auf und wurde von Tag zu Tag schlimmer. Schlussendlich landete ich im LKH Salzburg. Diagnose: Tiefe Beinvenenthrombose. Die eine Woche auf der Angiologie war in erster Linie langweilig und öd. Ich wurde durchgecheckt von oben bis unten, dackelte von einer Untersuchung zur nächsten, sah meine geröntge Lunge, meine ultrageschallten Beckenvenen und eine Liste meiner Blutwerte, die eigentlich sehr okay waren. Die KrankenpflegerInnen waren trotz ihres hohen Stresslevels immer freundlich und meine Zimmerkolleginnen ein bunter und recht witziger Haufen. Und alle – ÄrztInnen wie PflegerInnen – haben ihren Job so dermaßen gut gemacht, dass vom Gerinnsel nichts übrig blieb. Hätte man hier nicht so genau hingeschaut, hätte das Ganze weitaus schlimmer ausgehen können. Nun kann ich mich natürlich aufregen, dass ich in der Ambulanz und bei den Untersuchungen lange warten musste und in einem Sechsbettzimmer untergebracht war. Das tu ich aber jetzt eben genau nicht. Ich bekam eine hervorragende medizinische Versorgung und Medikamente um (vermutlich) Tausende von Euros. Der Spitalstagessatz, der zu bezahlen war und die sexy Stützstrümpfe, die mich noch zwei Jahre lang begleiten sollten (oh wie ich sie gehasst habe), waren selbst für mich als Studentin damals leistbar. Ich bin übrigens nicht zusatzversichert. Trotzdem wurde ganz genau hingeschaut. Dafür bin ich allen Beteiligten bis heute dankbar.

A story about…
Bildung

Es war immer eine Aufregung! Am Beginn des Schuljahres war ein Fixtermin die Ausgabe der neuen Schulbücher. Nachdem ich ja einen gröberen Büchertick habe, war das für mich ein außerordentliches Vergnügen: Das Knacken des Umschlags, wenn man die niegelnagelneuen Bücher aufschlug. Der Geruch und der Glanz des Papiers. Der Stowasser (meiner war dunkelviolett) sah am Ende der achten Klasse noch immer aus wie an dem Tag, als ich ihn überreicht bekam. Für mich waren die neuen Bücher eine Selbstverständlichkeit. Erst aus Erzählungen von Erwachsenen erfuhr ich, dass gratis Schulbücher nicht immer selbstverständlich waren.
Zeitsprung.
Der Übergang vom Gymnasium zum Studium war ein etwas holpriger. Zunächst bildete ich mir ein Informatikstudium ein. Das hatte sich allerdings erwartungsgemäß schnell erledigt (wobei ich bis heute eine begeistere Computerbastlerin und Problemlöserin bin) und ich wechselte zum Geschichte- und Publizistikstudium nach Salzburg. Die Studiengebühren waren mein Wegbegleiter. Über das sehr geringe Stipendium war ich vor allem deswegen froh, weil zumindest diese Gebühren abgedeckt waren. Zudem war ich eine der Glücklichen, die in einem der WIST-Studierendenheime ein für Salzburger Verhältnisse sehr günstiges Zimmer ergatterte, das mir meine großartigen und mich immer unterstützenden Eltern finanzierten. Ich blieb bis wenige Monate vor Studienabschluss. Das Zimmer war klein, aber trotzdem geräumig. Das Bad erinnerte stark an ein Uboot und man konnte gleichzeitig am Klo sitzen, duschen und am Waschbecken Zähne putzen. Aber es war meins. Gekocht wurde in der Stockwerksküche, wo wir beim stundenlangen Bauernschnapsen und Siedler-von-Catan-Spielen hektoliterweise Kaffee vernichteten. Unser Haustechniker war stets da, wenn die Glühbirne zu wechseln oder der verstopfte Abfluss auszuputzen war. Extrakosten? Nein.
Die Unibibliothek war hervorragend ausgestattet (und im obersten Stock, wo die Urkundeneditionen vor sich hinstaubten, sogar mit Blick auf die Festung). Die ProfessorInnen waren für uns da, die InstitutssekretärInnen halfen einem aus der einen oder anderen Patsche und die für den Studienabschluss nötige Exkursion nach Prag war so günstig, dass ich mich bis heute frage, wie sich das überhaupt ausgegangen ist. Natürlich gab’s gerade zu Studienbeginn auf der Kommunikationswissenschaft Vorlesungen, wo man am Boden sitzen musste. Und manchmal musste man auf Noten lange warten. Aber als die Stipendienstelle mir eine Falschinformation zum nachzuweisenden Studienerfolg gab und ich mit zu wenig Stunden dastand, setzte die Rechtsabteilung der Uni alles in Bewegung, um mir fristgerecht meine Wahlfachstunden anzurechnen. Und mir damit den Stipendienerhalt zu sichern.
Ein Studium unter den Voraussetzungen, wie sie von manchen gefordert werden – mit Studiengebühren über mehrere tausend Euro und erheblichen Zugangsbeschränkungen – hätte zu meiner Zeit dazu geführt, dass mir ein Studium mit hoher Wahrscheinlichkeit verwehrt geblieben wäre.

A story about…
Wohnen & Pendeln

Nach zehn Jahren Leben in Salzburg – vier davon in einer kleinen, aber sehr hübschen Wohnung – tauchte die Frage auf: Suchen wir uns etwas anderes? Nach längerer Recherche und der Erkenntnis, dass der Wohnungsmarkt in Salzburg für Normalsterbliche einigermaßen unleistbar ist, verschlug es uns nach Ebensee. Heute lebe ich in einer Genossenschaftswohnung um einen Preis, für den man in Salzburg gerade mal eine 30-Quadratmeter-Wohnung bekommt. Wenn man Glück hat. Ich kann also durchaus sagen, dass ich eine Profiteurin des sozialen Wohnbaus bin. Vergleichbare Wohnungen kosten je nach Lage am privaten Wohnungsmarkt das 1,5- bis Zweifache. Somit nicht leistbar.
Mit dem Job war’s nun nicht so einfach. In meiner Region für meine Professionen entsprechende Arbeit zu bekommen ist äußerst schwierig. So lebe ich zwar in Ebensee, arbeite jedoch in Salzburg. Viele in meinem Heimatort pendeln eine Stunde oder sogar weiter aus. Ich bin also kein Einzelfall. Die PendlerInnenpauschale ist gerade für FernpendlerInnen eine große Entlastung. Müsste ich die Kosten gänzlich aus eigener Tasche bezahlen, würd’s schwierig werden. Gut. Die Öffis wären durchaus ausbaufähig und mit dem Zug brauch ich doppelt so lange als mit dem Auto. Aber man kann schließlich nicht alles haben. Dafür genieße ich eine sensationelle Lebensqualität in einer sozialen Gemeinde und habe einen Job, der mir Spaß macht.

And finally: A story about…
Menschlichkeit & Zivilcourage

Ich kann mich noch genau an den Tag in der Volksschule erinnern, als wir einen neuen Klassenkollegen bekamen. Er war Bosnier (den Namen nenne ich hier ganz bewusst nicht; ich bitte euch dafür um Verständnis) und mit seiner Mutter vor dem Krieg nach Österreich geflohen. Wir waren neugierig auf ihn. Soweit ich mich erinnere war er ein blasser, sehr stiller, besonnener Junge. Was er und seine Familie mitgemacht haben, habe ich nie erfragt. Dank meiner großartigen Volksschullehrerin (meiner Meinung nach die Beste wo gibt) wurde er schnell ein Teil unserer Klassengemeinschaft. Und dass er wie nebenbei in horrendem Tempo Deutsch lernte erschien mir damals nicht außergewöhnlich. Heute schon.
Zeitsprung.
Als im späten Frühjahr 2015 die ersten Flüchtlinge in Ebensee ankamen, war das Engagement vieler EbenseerInnen da. Eine Plattform wurde gegründet. Einige dieser tollen Menschen engagieren sich bis heute. An dieser Stelle ein großes DANKE für eure Arbeit. Ihr habt vieles aufgefangen, was eigentlich staatliche Aufgabe gewesen wäre. Einige der Menschen, die damals kamen, sind geblieben. Sie leben und arbeiten hier. Ab und zu trifft man sich zufällig im Wirtshaus. Sie sind da. Sie bereichern. Und das ist gut so.
Ich bin dankbar dafür, dass es in Österreich Menschen gibt, die rennen, wenn es notwendig ist. Die helfen. Die widersprechen, wenn die braunen Rülpser aufsteigen. Die sich ehrenamtlich engagieren und zeigen, was Zivilcourage und Gemeinschaft tatsächlich bedeuten.

Leider fallen uns die guten, die positiven, die wunderbaren Beispiele und Geschichten meistens nicht so schnell ein wie die negativen. Schlechte Erfahrungen, Erzählungen und Hörensagens scheinen uns tiefer, massiver und nachhaltiger zu prägen. Es hilft aber durchaus innezuhalten und uns das ins Bewusstsein zu holen, was funktioniert. Was uns beeindruckt und freut. Und nicht zuletzt, was uns immer wieder aus aussichtslosen Situationen rausgeholt hat.

Beitragsbild: CC-License | (c) Jame |  Source

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