Erinnerungspolitik 1.0

„Gedenken an die gefallenen Soldaten & Opfer des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus“ twitterte der zukünftige Aller-Voraussicht-Nach-Bundeskanzler Sebastian Kurz am 26. Oktober. Selbst wenn man die Phrase „Opfer des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus“ nicht liest als „all jene, die durch den Widerstand gegen den NS zum Opfer wurden“ (sprich Nazis) sondern eben andersrum gemeint, wirft dieser Tweet erhebliche Fragen zum Geschichtsverständnis des BK in spe auf. Einem Geschichtsverständnis, das landläufig immer noch als „common sense“ angesehen wird. Als hätte es weder die Waldheim-Affäre noch eine Aufarbeitung der Mitverantwortung Österreichs am Nationalsozialismus jemals gegeben.

Nun mögen sich vermutlich manche denken „Oidaaaa, jetzt fängt die schon wieder an mit diesem NS-Dingens“. Meine Herrschaften, ich sag’s euch wie’s ist: So lange solche Tweets rausgejagt werden, werde ich als jemand, die sich mehr als ausführlich mit österreichischen Narrativen zum Thema Nationalsozialismus beschäftigt hat, sicher keine Ruhe geben.

Österreich ist ein Land der Kriegerdenkmäler. Besonders rund um Allerheiligen finden zahlreiche Veranstaltungen in Erinnerung der Opfer beider Weltkriege statt. Eine Gleichmacherei, die auf zig Kriegerdenkmälern zu finden ist. Unerträglich.

Das Gefallenengedenken hat bis zur Waldheim-Affäre und darüber hinaus großen Raum eingenommen. Das Bild tapferer Soldaten, die für ihr „Vaterland“ (ein Österreich, das übrigens in der Zeit des Nationalsozialismus nicht existiert hat) gefallen sind, hat mit den Realitäten wenig zu tun. Es waren mehr oder minder begeisterte Männer, die in einer Wehrmacht gedient haben, die sich massiver Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hat. Wenngleich nicht jeder Soldat an diesen Verbrechen beteiligt war, so war es die Organisation als Ganzes, die Teil des NS-Terrorapparates war. Die einen Kommissarbefehl befolgt und im Rücken der Einsatzkommandos agiert hat. Spätestens seit den Recherchen von Sönke Neitzel und Harald Harald Welzer weiß man, dass die Verbrechen der Wehrmacht nicht nur ein Werk weniger war, sondern Unmenschlichkeit auf breiter Basis. Durch nichts zu entschuldigen. Und noch weniger rechtfertigbar. Erzählungen von der „sauberen Wehrmacht“ wurden mehrfach widerlegt. Die Mitschuld ist eindeutig. Und das seit Jahrzehnten.

Wer waren denn nun aber die Opfer  des Nationalsozialismus? Offenbar muss man diese Frage immer und immer wieder stellen. Die Antwort scheint nämlich ganz offenbar immer noch nicht klar zu sein. Es waren Millionen von Jüdinnen und Juden, systematisch und industriell eliminiert. Physisch und erinnerungspolitisch. Nicht nur ihre Leben wurden ausgelöscht, auch ihre Geschichten. Jedes Fitzelchen an Persönlichkeit wurde ihnen genommen. Nicht nur ihre Körper wurden dem Vergessen preisgegeben. Auch ihre Erzählungen und Biographien sollten nicht mehr erinnert werden. Und sie gingen in der Masse an Opfern unter. Es waren hunderttausende Roma und Sinti. Das Trauma, das diese Familien erleben mussten, wirkt bis heute fort. Ihre Geschichte wurde ihnen unwiederbringlich genommen. Ihnen und ihren Nachkommen heute in die Augen zu sehen, ist eines der schwersten Dinge überhaupt. Es waren Homosexuelle, Unangepasste, OpponentInnen, WiderständlerInnen, ZeugInnen Jehovas, aufrichtige ChristInnen, Deserteure und Unwillige: Jedes einzelne Schicksal ist ein Zeichen von Aufrichtigkeit, Mut und Unverrückbarkeit. Sie wurden über Jahrzehnte hinweg missachtet, schlecht gemacht und wieder und wieder diskriminiert. Sie mit Wehrmachtssoldaten überhaupt in einem Satz zu nennen ist eine derartige Geringschätzung, die einem schlicht den Atem raubt. Sie standen auf der anderen, der tödlischen Seite der Leichenfelder, der Massengräber und Vernichtung.

Die österreichische Erinnerungspolitik ist ihnen verpflichtet. So ungerecht es ist, dass viele Familien Angehörige an die Wehrmacht und ein zutiefst unmenschliches Regime verloren haben. Die Erinnerung an sie hatte unermesslich viel Raum. Ganz Österreich ist bedeckt mit Denkmälern in Gedenken an die Wehrmachtssoldaten. Sie haben ihren unverrückbaren Platz. Die, die um ihren Platz in der Gedenklandschaft dieses Landes kämpfen müssen sind Menschen, die deswegen verfolgt wurden, weil sie waren, wer sie waren. Leider sind wir immer noch nicht so weit, ihre Geschichten über alles andere zu stellen. Huldvoll werden Kränze niedergelegt, wenn es politisch opportun erscheint. Ein paar schöne Phrasen werden gedroschen, die nicht einmal so weit sind, zwischen Wehrmacht und systematischem industriellem Massenmord zu unterschieden.

Wir schreiben das Jahr 2017. In dem ein Großteil der ZeitzeugInnen nicht mehr lebt, Erinnerungspoltik in die 50er-Jahre zurückkatapultiert wird und eine FPÖ Regierungsverantwortung zugesprochen bekommt. Eine Partei, die durch ihr Verhalten und ihre Äußerungen zeigt, dass sie immer noch nicht verstanden hat, was Vermächtnis heißt. Durch einen Bald-Bundeskanzler, der nichts weiter dabei findet, in einem Tweet eine Opfergleichsetzung zu betreiben, die jeder historischen Aufarbeitung der letzten 70 Jahre spottet.

Wir sind diejenigen, die keine Ruhe geben werden. Wir sind die Kinder, die mit den Geschichten der Überlebenden aufgewachsen sind. Wir sind die, die nicht vergessen können und wollen. Wir sind der Stachel im Fleisch der SchlussstrichzieherInnen, VerharmloserInnen und GleichsetzerInnen. Wir sind die Erinnernden, Unbequemen und Niemals-Schweigenden. Und wir werden euch das Schlussstrichziehen schwermachen.

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