Auf 1 Spritzwein, Genosse

Mei, in der Landstraße war ich schon lange nicht mehr. Für einen Novemberabend eigentlich recht lau. Und endlich mal kein Sauwetter. Da könnt‘ ich mein Kaffeetscherl eigentlich im Café Central trinken. Oder besser: Draußen. Vielleicht gibt’s ja ein Heizschwammerl.
So. Paar Meter noch.
Ui. Schaut a bissl voll aus. Ah! Da drüben ist noch ein Tischerl frei. Da setz ich mich hin.
Hallo. Grüß euch. Freundschaft! Zerwas! Ja, stimmt. Lange nicht mehr gesehen. Jaja, geht schon. Man lebt.
Ah, der Genosse Bürgermeister! Freundschaft! Jetzt weißt nicht ganz, wo du mich hintun sollst, gell? Bin eine Genossin aus Ebensee. Weißt eh, ich hab‘ auch mal a Zeitl da in Linz gearbeitet…Na wurscht. Ich will dich nicht vollquatschen. Tschuldigung. Wollte nicht stören.


Einen Cappucino und einen naturtrüben Apfelsaft mit Soda auf eine Halbe.

Danke! Das is‘ wirklich der beste Naturtrübe. Den trink ich immer, wenn ich da bin.

Wie? Ob ich mich zu dir setzen mag? Hast gar keine Termine mehr heute? Ach so. Später. Nein, ich treff mich mit niemandem. Ja wenn ich mich dazusetzen darf, dann freut mich das natürlich. Kommt ja nicht jeden Tag vor, dass man mit dem Bürgermeister mal ein bisserl quatschen kann. So ganz unter Roten, nicht wahr?
Jaja, seh‘ ich auch so. Ein Wahnsinn, was die Schwarzblauen in der Landesregierung aufführen.
Ja. Ja natürlich verfolge ich das. Empöre mich jeden Tag drüber! Und wie! Kannst dir gar nicht ausdenken, wie ich mich aufreg‘! Ich mein‘, geht’s noch dreister? Den Familien so das Hackl ins Kreuz…ein Wahnsinn!
Aber Linz bei Kinderbetreuung ja Positivbeispiel. Ja, seh ich auch so.

Nein, nein. Mir ist nicht kalt, gar nicht! Ich find’s grad recht angenehm eigentlich.
Hm? Ob ich da war, wie der Kern da war? Du meinst im Wahlkampf, oder? Jaja, war ich da. Sicher. Gefahren wie die Feuerwehr bin ich, damit ich noch rechtzeitig nach Linz komme.
Ja, war super! Einmalig, muss ich dir sagen! So motivierend. Und überhaupt: Schon ein klasser Mensch, der Kern. Schade, dass es nicht gereicht hat. Aber vielleicht tut uns die Opposition gar nicht so schlecht. Zwegn Neuorientierung. Nachdenken, wie’s weitergeht mit Positionierung und so. Find‘ ich gut. Schwarzblau natürlich nicht gut. Aber du weißt schon, wie ich’s meine.

Ja mei, da gibt’s eben unterschiedliche Positionen bei uns. Aber ich find’s halt entbehrlich, mit der FPÖ zu regieren. Ich mein: Da sind ja ideologisch Welten dazwischen. Also eigentlich ganze Universen. Geht gar nicht, mit Verlaub. Da kann man das „Sozialdemokratisch“ gleich rausstreichen und sich nur noch „Partei“ nennen, finde ich. Und schaden würd’s nur uns. Weil die Blauen zeigen dann mit dem Finger auf die Roten, wenn man ihnen irgendwas nicht durchgehen lässt. Und wir sind dann die G’schnapsten. Die, die vorher schon Blau gewählt haben, wählen dann wieder Blau und die linken Wähler und Innen rennen uns dann auch noch davon. Ist meine Meinung.

Ja gerne. Ich nehm einen Spritzwein.
Also. Wo waren wir? Ja, ich hab’s auch vergessen.

Letztens war ja eine ziemliche Aufregung.
Na wegen eurer Forderung.
Ja die Geschichte mit der Mindestsicherung für Flüchtlinge. Diese LIFE-Idee. Hab‘ ich in der Zeitung gelesen davon.
Was ich davon halte? Ja also…Ähm. Willst du das wirklich wissen?
Also gut. Nix. Nix halte ich davon. Tschuidign die Ehrlichkeit. Aber ich eher recht grad raus, weißt du.
Wenn ich mich richtig erinner’…also jetzt muss ich mir den Artikel nochmal raussuchen. Zum Glück gibt’s ja Smartphones, nicht wahr.
Also. Da steht: „Die Mindestsicherung war nie als Integrationswerkzeug gedacht. Sie sollte Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen aus der Gesellschaft hinauszufallen drohten, weiterhin ein Mindestmaß an Teilhabe zu ermöglichen.“ Jetzt muss ich fragen: Können nur Österreicher und Innen aus der Gesellschaft rausfallen? Weil…ich denk‘ mir halt, dass grad Flüchtlinge sowieso schon oft am Rand stehen. Und da reicht eine Kleinigkeit und „Zack“ – rausgefallen. Und ich frag‘ mich, ob Flüchtlinge und Drittstaatsangehörige, die’s bei uns ja echt nicht so leicht haben, kein Mindestmaß an Teilhabe haben können dürfen sollen.

Was? Entschuldigung, jetzt hab‘ ich dich akustisch nicht…Achso. Ja. Sachleistungen. Mhm. Ja ich mein…Natürlich. Essen, Kleidung, Wohnung. Kein Thema. Wichtig. Aber schau. Ich versuch‘ immer – egal um welches Thema es geht – mich in die Leute reinzuversetzen. Ich bin erwachsen, such‘ grade einen Job oder mach eine Ausbildung. Lerne Leute kennen. In einer Schulung oder einem Kurs zum Beispiel. Und dann denk‘ ich mir: Mei, mit denen würde ich gerne nach dem Kurs noch auf einen naturtrüben Apfelsaft gehen. Weil so leiwaunde Haberer und so. Und ich freu mich, weil ich Anschluss finde. So. Und jetzt muss ich sagen: Na, geht nicht. Weil der Apfelsaft ist nicht drin.
Was ich damit sagen will?
Na schau. Integrieren kann ich mich dann, wenn ich unter Leute komm. Um das im Staate Österreich zu schaffen, braucht man Geld. Zumindest ein Taschengeld. Damit man rauskommt, Leute findet, mit denen man das im Sprachkurs neu Erlernte auch üben kann. Sei’s bei einem Kaffee oder auch einem Kinobesuch. Das ist Teilhabe. Wichtig für Integration.
Bringschuld der Flüchtlinge?
Ja eh. Aber wie sollen sie’s denn bringschulden, wenn’s völlig isoliert sind, die Leut‘? So ganz ohne Gruppe und Kino und Ausgehen und Apfelsaft. Weil allein vom Deutschkurs-Sitzen integrierst dich nicht. Und Sprache allein hilft zwar schon viel, aber was in dem seinem Hirn vorgeht und ob sich der angekommen fühlt, kann man halt nicht abtesten. Und du weißt selber, dass man grade Jobs oft nur durch Kontakte kriegt. Weiß jeder hierzulande.
Was mein Vorschlag ist?
Sich vielleicht eher nicht der Ideen anderer bedienen, die ein völliger Vollholler sind. Schon gar nicht, wenn sie zutiefst unsozialdemokratisch sind.

Wir kriegen noch zwei Mal Spritzwein, bitte.

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