Gehorsam? Ungehörig!

Hausmeister ist er. In der Schule des Ungehorsams. Künstler und Denker. Gerhard Haderer gründete ein Denklabor für kritische Geister mit – wenn auch nur für manche – „ungehörigem“ Namen. Ein Raum für Mitgestaltung, Kreativität, Befähigung. Und gegen die vermeintliche Tugend des Gehorsams. Warum „vermeintlich“ und nicht „tatsächlich“?

Gehorsam sein heißt, anderen zu folgen. Kritiklos. Verantwortungslos in jeglicher Hinsicht. Man gibt die eigene Verantwortung ab und legt sie in die Hände jener, die Gehorsam einfordern. Und die dann wiederum anderen gegenüber gehorsam sind. Übrig bleibt, dass schließlich niemand verantwortlich sein will. Denn man handelt aus Gehorsamkeit und Pflichtgefühl.

Der Satz österreichischen Gehorsams fiel 1986.“Ich habe im Krieg nichts anderes getan als hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt“ sagte Kurt Waldheim einst. Das Pflichtverständnis aus Gehorsamkeit, aus der Idee der Unterordnung und unkritischem Pflichterfüllungsgedanken heraus zu handeln führte in der Geschichte selten bis nie zu etwas Gutem oder Schönem. Schon gar nicht, wenn der Gehorsamshörige die Waffe in der Hand führt(e). Diese bedingungslose, nichts und niemanden hinterfragende Gehorsamkeit haben Millionen mit ihren Leben bezahlt. Es war eine behauptete Tugend, die vor allem bei jenen Menschen, die sich diese Gehorsamkeit wünschten, zu einer Verantwortungslosigkeit führte, wie sie die Täter – die obersten Gehorsamen – bei den Nürnberger Prozessen als Rechtfertigung sahen, um einer Strafe zu entgehen. Und wie sie ein ganzes Land wie eine Standarte vor sich her führte, fast stolz darauf, angebliches erstes Opfer gewesen zu sein! Teile Österreichs tun das bis heute. Die Ungehorsamen und die, die als solche angesehen wurden, sich nicht fügen wollten oder auch nicht konnten, weil sie die waren, die sie nun einmal waren, wurden zuerst getötet und dann für lange Zeit vergessen.

Es ist schon erstaunlich, dass gerade die, die von anderen – den für sie „Niederen“ und „Untergebenen“ – Gehorsam einfordern jene sind, die es gegenüber ihren Mitmenschen an jeglichem Respekt fehlen lassen. Sie ordnen in jene – meist sich selbst – die Befehle und Regeln vorgeben und jene, die bedingungslos zu gehorchen haben. Stellt man diese Regeln in Frage, sei man ungehorsam, finden die Befehler.
Der Ungehorsam kommt auch manchmal etwas versteckt daher. Vermummt sozusagen. Und nennt sich fälschlicherweise „Loyalität“ oder „Respekt“. Und springt dann lachend, höhnisch quietschend und schenkelklopfend ums Eck, um den „Illoyalen“ und „Respektlosen“ anzubrüllen, er möge gefälligst gehorsam sein. Tatsächliche Loyalität und Respekt vertragen sich mit dem Gehorsam in keinster Weise. Sie machen nämlich möglich, Kritik zu üben und infrage zu stellen. Bis hin zum Konflikt, den es unter Ungehorsamen geben muss und der per se nichts Schlechtes oder gar Verwerfliches ist, weiß man mit ihm umzugehen.

Gehorsam, Sparsamkeit, Bescheiden- und Beflissenheit: Lauter Tugenden? Tatsächlich kommt das doch alles sehr biedermeierlich daher. So tiefbürgerlich, oberflächlich und scheel, dass es staubt. Langweilig, konfliktscheu und öde. Und vor allem: Zutiefst anti-intellektuell. Die Forderung, doch ab und zu das eigene Hirn einzuschalten ist eine, die den mittigen Biedermeier doch arg stört. Schließlich gibt es Regeln, sagt er. Regeln, die – von Biedermeiern gemacht – über allem anderen stehen. Seien sie auch noch so unsozial, menschenverachtend oder demokratiefeindlich. Quasi „Naturgesetz“.
Die in biedermännischen Augen Ungehorsamen haben es verdient abgestraft, verhöhnt und kleingemacht zu werden. Denn sie hätten es ja wissen müssen. Wer nämlich folgt, lebt ruhiger. Und vor allem ohne Verantwortung.

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