Die Kränkung einer Nicht-Mutter

Letztens drüben bei standard.at. In einem Artikel ging es darum, ob man mit zwei Kindern noch ein drittes wagen soll. Ich merkte – viele erhellende und wohltuende Diskussionen mit Eltern im Hinterkopf – an, dass das eine persönliche Entscheidung ist. Dass ich Kinder mag, aber selber (noch) keine haben möchte. Obwohl ich ja „schon“ 33 bin (tick-tack-tick-tack). Und quasi nur noch einen kleinen Lebensaugenblick von „nicht mehr fähig zu gebären“ entfernt. Es wurde aber überwiegend grün gestrichelt. Nicht, dass mich das interessieren würde. Aber insgeheim freut man sich ja doch über grüne Stricherl (oh du liebe Einfalt).

Und schließlich dauerte es nicht lange, bis der erste User anmerkte, dass Leute wie ich, die ihr Geld für „Luxusreisen“ raushauen (für jemanden, der sich wenig bis gar keinen Urlaub leisten kann, ist das schon a bissl „Aua“) eigentlich keine Pension verdient hätten. Weil immerhin habe ich keine PensionseinzahlerInnen in die Welt gesetzt. Und es wurde der Schluss gezogen, dass ich ja keinen Partner haben kann, weil sonst würde ich eh den „Sprung wagen“. Ehrlich gesagt habe ich mir nach kurzem Hin- und Hergezanke die weiteren Kommentare und ein Weiterlesen dann gespart. Ich bin es gewöhnt, mich virtuell mit allerlei Gehässigkeiten herumzuschlagen. Und mittlerweile bin ich eigentlich ziemlich immun dagegen geworden. Aber das hat mich doch getroffen. Aus mehrerlei Gründen.

Ich finde Kinder wunderbar und ich habe das Gefühl, schnell und leicht Zugang zu ihnen zu finden. Liegt vermutlich daran, dass ich selber oft mehr Kind als Erwachsene bin und Dinge mag, die man normalerweise spätestens in den Jugendjahren ablegt. Ich vergöttere Videospiele und Spiele generell. Ich mag die Art, wie Kinder und Jugendliche denken und an Probleme herangehen. Ich bin eine Träumerin. Ich sammle Kinderbücher, weil sie oft so viel mehr thematisieren, was wichtig ist im Leben. Kinder als Pensionsvorsorge zu sehen, finde ich gelinde gesagt eine Frechheit. Das Argument „Irgendwann sitzt du dann alleine im Altersheim und keiner schert sich mehr um dich“ kam natürlich auch. Als ob Kinder ein Mittel gegen Einsamkeit wären. Wie verachtend ist das doch den eigenen Kindern gegenüber.

Die Entscheidung, Kinder zu bekommen aus ökonomischen Grundsätzen heraus zu treffen, auch wenn man sich wirklich nicht sicher ist, ob man überhaupt Kinder möchte, wird ihnen nicht gerecht. Und dass man schlussendlich jenen, die sich dagegen entscheiden oder sich eben noch nicht sicher sind (oder schlicht keine Kinder bekommen können) vorwirft, man würde nicht zum Allgemeinwohl beitragen und fordert, man hätte den Sozialstaat schleunigst zu verlassen, ist wahrlich mutterkreuzdenkeverdächtig (sorry für den Vergleich. Ich traf ihn bewusst).
Und last but not least kam ich mir extrem abgewertet vor. Mein ehrenamtliches und politisches Engagement, meine Bemühungen in der politischen Bildung, meine Arbeit mit und für Jugendliche wurde von einigen UserInnen mit einer lapidaren Handbewegung vom Tisch gewischt. À la: Du bist eine Frau! Du hast dich gefälligst für Kinder zu entscheiden! Tust du das nicht, bist du unsolidarisch und hast es nicht verdient, vom sozialstaatlichen Gefüge zu profitieren. Das Frausein ohne Kinder wurde mir – so mein Eindruck – abgesprochen. Ich wurde abgewertet, weil ich nicht sicher bin, ob ich diese Entscheidung überhaupt jemals treffen kann. Ein ungewolltes Kind scheint demnach „besser“ zu sein als keins? Das kann und will ich nicht glauben. Natürlich gibt es viele, die ein Kind nicht planen und es trotzdem lieben, wenn es dann da ist. Und den optimalen Zeitpunkt gibt es vermutlich nicht. Aber habe ich kein Recht auf Unsicherheit? In Zeiten, wo der Druck auf Frauen so enorm ist: Sei gebildet, arbeite viel, sei selbständig, stehe auf eigenen Beinen, sei nie abhängig, gib immer 200 Prozent oder du wirst abgehängt. Leiste und erfülle die Ansprüche. Tust du es nicht: Selber schuld. Gründe eine Familie, bau ein Haus, sei als Mutter verdammt nochmal glücklich.
Ob mit oder ohne Kinder, in Regenbogenfamilien, mit PartnerIn oder allein: Wir sind in der glücklichen Lage, in einer Zeit zu leben, wo wir uns das aussuchen können. Theoretisch. Wenn man dann mit den entsprechenden Vorwürfen leben kann.

2 Kommentare zu „Die Kränkung einer Nicht-Mutter

  1. Ja es gibt schon unhöfliche Menschen. (Ich gehe mal nicht auf vermutliche Intelligenz ein, die sich aus deren Argumenten schließen lässt.) Du hast jedes Recht zur Unsicherheit und zur freien Entscheidung. Ich bin leider ungewollt kinderlos, kenne aber dennoch die Palette der direkten und indirekten Vorwürfe… vielleicht müssen sich manche ihre Mutterrolle auch tatsächlich schön reden, weil sie sich selbst nicht eingestehen wollen, dass sich ihre Zweifel bestätigt haben… Ich wünsche dir alles Gute und viele wertschätzende Diskussionen, die dir bei der Entscheidungsfindung helfen. Lg Frau Einstrich

  2. Merkwürdig, dieser Wahn, man müsse im übervölkerten Europa immer noch mehr Menschen in die Welt setzen. Und das bei steigender Produktivität und einem wachsenden Heer von Arbeitslosen bzw. Unterbeschäftigten.

    Ich bin ja zu blöd, um das auszurechnen, aber vielleicht kann es jemand, der sich mit Statistik auskennt:
    Wenn es auch nur seit 1945 keine einzige Frau gegeben hätte, die nicht wenigstens ein Kind bekommen hätte – wie hoch wäre die Bevölkerungszahl in Österreich oder Deutschland? Hätten wir noch einen grünen Halm in den Städten? Wo stünden all die Wohnhäuser für die vielen Menschen? Wie viel Naturlandschaft hätten wir zusätzlich versiegeln müssen? Woher kämen all die Jobs, nach denen heute schon gesucht wird?

    Das Märchen, wir bräuchten immer mehr Leute um die Renten zu bezahlen, ist eine der erfolgreichsten Gehirnwäschen der Neoliberalen. In Wiklichkeit wollen die nur ihre Privatrente an den Mann bringen. Alle sollen Angst vor der Altersarmut haben. Diese kommt aber von allzu niedrigen Löhnen. (Jedenfalls in Deutschland. Ich habe immer den Eindruck, in Österreich ist es noch nicht ganz so schlimm.)

    Wir kinderlosen Frauen haben ein Leben lang gearbeitet und Steuern abgeführt. Mit unseren Steuern und Sozialabgaben wurden Kindergärten und Schulen gebaut, Lehrer und Lehrmittel bezahlt, Renten für die gegenwärtige Rentnergeneration ausgezahlt…. Und dadurch haben wir uns selber Rentenansprüche erworben, denn so funktioniert der Generationenvertrag: Indem man für die Rentner sorgt, bis man selber zu ihnen gehört.

    Ja, die Mütter tragen eine große Last! Ich habe einen Heidenrespekt vor jeder Frau, die sich das traut. Ich hätte es mit meinem Schichtdienst nicht hinbekommen. Und ehrlich gesagt habe ich in meinem ganzen Leben nie auch nur eine Minute lang den Drang verspürt, mich fortzupflanzen.

    Damit habe ich es unterlassen, einen zukünftigen Verbraucher zu produzieren! Niemanden, der Ressourcen verbraucht, eine Wohnung benötigt, den Bedarf an Massentierhaltung vergrößert, mit einem Auto die Luft verpestet, und eines Tages Rente beansprucht!

    Ich habe für alle bezahlt, und zwar den höchsten Steuersatz, und habe nie etwas in Anspruch genommen – bis eben auf das Altersruhegeld. Alt werden wir nun mal alle, wenn nichts dazwischen kommt. Aber ich brauchte niemals Kindergeld, und meine Krankenkasse hat auch nur für mich gezahlt und nicht für familiären Anhang.

    Seit Jahrzehnten reden wir von der „Überbevölkerung in der Dritten Welt“ – wo drei oder fünf Personen auf einem Quadratkilometer einsam herumstehen.
    Bei uns drängeln sich ungefähr 250, aber was wir dringendst brauchen, sind noch mehr Menschen!

    Bei uns in Deutschland wird eine große Anzahl von Schulkindern in die Welt entlassen, die nur schlecht lesen und schreiben kann. Anstatt diese Kinder zu unterstützen, dafür zu sorgen, dass sie später mal einen guten Arbeitsplatz bekommen und anständiges Geld verdienen können – lässt man sie gleichgültig in die Armut sinken.

    So haben wir ein Heer von Leuten, die nie im Leben in der Lage sein werden, sich ausreichende Rentenansprüche zu erarbeiten.
    Aber wir brauchen natürlich immer mehr Leute, um die Renten zu bezahlen!

    Ja logisch. Die Kinderlosen haben Schuld! Was sind das für dreiste Weiber, nicht wahr, die einfach ihr Leben lang arbeiten und alles bezahlen. Das habe ich übrigens gerne gemacht! Ich gehöre überhaupt nicht zu denen, die glauben. Steuern wären Raub. Wer in einer Gemeinschaft lebt, hat auch die Verpflichtung, je nach Können zu ihrer Erhaltung beizutragen.

    Aber da gibt es nicht nur diesen einen einzigen Weg: Kinder.

Kommentar verfassen