Vorwort zur Diplomarbeit | Abstract

Den meisten ist Jägerstätters Biographie mittlerweile bekannt, doch die wenigsten versuchen sich zu vergegenwärtigen, dass die Fragen, die Jägerstätter damals stellte, bis heute brisant geblieben sind. Mit der Seligsprechung – so scheint es – hat „die arme Seele endlich ihren Frieden gefunden“. Durch die Seligsprechung wurde Jägerstätters Schicksal in ganz Österreich bekannt. Doch taucht vor allem im Zuge des medialen Trubels und dem Höhepunkt, der Live-Übertragung der Seligsprechung im ORF, die Frage nach dem davor auf. Wie ging man mit dem Erbe Jägerstätters in den letzten dreiundsechzig Jahren um? Wer würdigte es, wer stellte sich dagegen? Und die wahrscheinlich drängendste Frage: Warum konnte sich die katholische Kirche nicht schon viel früher zu diesem Schritt durchringen? Und wer waren die Hauptakteure der Diskussion? Blieben es über all die Jahre dieselben oder begannen neue Personen und Gruppierungen, sich langsam für die Person Jägerstätters und die Bildung eines neuen Gedächtnisses zu interessieren? Warum hielt sich die Begeisterung sowohl in der katholischen als auch der gesamtösterreichischen Öffentlichkeit an der Bildung eines Jägerstätter-Gedächtnisses so lange in Grenzen? Ist es mittlerweile gelungen, dass Jägerstätter seinen Platz im öffentlichen Gedächtnis eingenommen hat oder ist das Gedenken an ihn nur eine kurzfristige „Modeerscheinung“, die schnell wieder in Vergessenheit geriet? Um diese Fragen zu beantworten, muss viel Vorarbeit geleistet werden. Es ist nicht nur notwendig, sich genauer mit Jägerstätters Biographie und seinen Beweggründen für die Wehrdienstverweigerung auseinanderzusetzen. Um die Rezeptionsgeschichte Jägerstätters überhaupt verstehen zu können, ist es notwendig, sich den gesamten Komplex der Widerstandsrezeption sowie die Begrifflichkeit des Widerstandes genauer anzusehen. Ist Jägerstätter überhaupt als Widerstandskämpfer zu bezeichnen? Gab es andere, die sich ebenfalls nicht mit den Ideen und der bedingungslosen Hingabe an das NS-Regime identifizieren konnten, die nach 1945 das Schicksal Jägerstätters teilten und einfach vergessen wurden, weil die Erinnerung an sie zu schmerzhaft gewesen wäre? Ist vielleicht genau das der Grund, warum auch die katholische Kirche lange Zeit nichts von dem Bauern aus St. Radegund wissen wollte? Diese Arbeit soll ein Versuch sein, Licht in genau jene Phase des Vergessens und der Verdrängung zu bringen, die so lange die österreichische Erinnerungslandschaft beherrschte und teilweise bis heute beherrscht.

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