Linzer Stolpern

Wir schreiben 2018. Gedenkjahr. Eva Schobesberger, grüne Stadträtin in Linz, postet auf Facebook: 


Den Antrag im Wortlaut gibt es hier, die Tagesordnung der Sitzung des Linzer Gemeinderats vom 25. Oktober 2018 sowie einen Überblick über die Abstimmungsergebnisse hier. Das Radio FRO twitterte zur Causa:

Charlotte Herman, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, sprach sich in einer Sendung des Radio FRO für ein personalisiertes Gedenken in der Stadt Linz aus. Für die Ermordeten – so Herman – existierten keine Grabsteine und gerade für Angehörige sei es wichtig, mehr als eine allgemein gehaltene Gedenktafel zu haben.

Worum geht es bei der Diskussion? Primär darum, dass Gedenken opferzentriert sein MUSS. Parteipolitisches und koalitionäres Kleinklein haben hier absolut nichts verloren. Es geht darum, Biographien, die die Nationalsozialist*innen auszuradieren trachteten, wieder sichtbar zu machen. Ich muss im Zusammenhang mit dieser Causa an meinen Besuch in Yad Vashem 2012 und das jüdische Museum in Berlin im September diesen Jahres denken. Dort wird beständig daran gearbeitet, Biographien herauszuarbeiten. Da gab es ein Handtuch, das die Mutter ihrem Sohn gefaltet in sein Köfferchen legte, bevor er – gerade noch – ins Ausland und ins Überleben geschickt werden konnte. Der Sohn sah seine Mutter nie wieder. Da gibt es die Fotografien aus dem Familienalbum. Jede einzelne erzählt Traumatisierendes über ganze Generationen. Nachgeborene der Täter*innen und Mitläufer*innen können sich das Trauma nicht einmal ansatzweise ausmalen. Nur einen Tag nach Rudi Gelbards Tod erdreistet sich die rote Linzer Gemeinderatsfraktion, einen Antrag für das individualisierte Gedenken gemeinsam mit der FPÖ einfach abzuschmettern. Eine Diskussion im Kulturausschuss erachtet man ebenfalls als nicht angebracht oder notwendig.

Diese Argumentation lässt mich sprachlos zurück. Ja, Gunter Demnig gestaltet die Stolpersteine und er verlegt sie. Vor einigen Jahren war ich bei einer Verlegung in Salzburg dabei. Mein damaliger Arbeitgeber, das Friedensbüro Salzburg, übernahm ohne Diskussion die Patenschaft. Es ist eine intime Zeremonie. Demnig gibt bei der Verlegung den Opfern einen Teil ihrer Würde zurück. Man kann und darf von einem Künstler nicht verlangen, dass er das aus reinem Idealismus tut. Und die Kosten sind überschaubar. Eine Pat*innenschaft für einen Stolperstein kostet samt Verlegung 120 Euro. Geh bitte, ernsthaft? Und hier wird mit Lizenzgebühren argumentiert? Über Lizenzgebühren ergab die Erstrecherche übrigens nichts. 

Nun kann man darüber diskutieren, ob in den Boden eingelassene Steine – immerhin geht und steht man auf den Stolpersteinen – die einzige Art des Gedenkens sein können. In der Vergangenheit gab es durchaus Kritik am Projekt. Es existieren natürlich auch andere Formen. So gibt es in Berlin beispielsweise in der ganzen Stadt Stelen aus Plexiglas, wo man mittels Scannen eines QR-Codes die jüdische Geschichte und die Verfolgung durch Nationalsozialist*innen nachhören kann. So gesehen und entdeckt in den Hackeschen Höfen. DIE Form des individualisierten Gedenkens und Sichtbarmachens gibt es nicht. DASS es sie überhaupt gibt, ist das Wesentliche.

Was in der Debatte das Zentralste überhaupt ist: Es muss das passieren, was israelitische Kultusgemeinde, Angehörige und Opfervertreter*innen wünschen. Einer Stadt steht es nicht an zu bewerten, welches Gedenken adäquat ist. Und schon gar nicht haben Vertreter einer FPÖ, die vor allem durch einschlägige Einzelfälle auffällt, auch nur ansatzweise herumzuinterpretieren, welches Gedenken angemessen ist und welches nicht. 

Dass Kleinhanns sich anmaßt, für nachfolgende Generationen zu sprechen, ist den Nachkommen der Opfer gegenüber nicht nur ignorant, sondern zutiefst respektlos. Aber ist ja nichts Neues bei den Blauen. Kennen wir alles. Für mich und für viele andere, die sich im Sinne eines zeitgemäßen Erinnerns engagieren, spricht Kleinhanns jedenfalls nicht.

Ob Stolpersteine oder anders – diese Formen des Sichtbarmachens von Biographien motivieren zur Auseinandersetzung. Seien es Stadtrundgänge, die darauf aufbauen oder Schulprojekte, die der 3. und 4. Generation das Schicksal der Ermordeten und die eigene Verantwortung zur Wachsamkeit in der Gegenwart zum Thema machen (kurzum: politische Bildung) – all das ist notwendig. Das lapidar als „Erziehungsmaßnahme“ abzukanzeln, ist zynisch und eines Gedenkjahrs 2018 nicht würdig. In einer Zeit, wo Zeitzeug*innen entweder ignoriert, abgewertet oder schlicht nicht mehr da sind, um zu mahnen, stünde es uns gut an, die eigene Verantwortung im Sinne einer modernen Erinnerungspolitik wahrzunehmen. Offensiv, transparent und im Sinne der Opfer. 

Dass ein sozialdemokratischer Bürgermeister das nicht erkennt, ist beschämend. In einer Kurzmeldung der OÖN vom 27. Oktober 2018 ist nachzulesen, Klaus Luger „ließe sich von niemandem beauftragen„. Man möge mich kritisieren für meine Kritik. Aber als Sozialdemokratin, Historikerin und Erinnerungspolitikerin muss ich schlicht sagen: So funktioniert das nicht!

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2 Kommentare zu „Linzer Stolpern

  1. Sie haben absolut recht und ich unterschreibe Ihren Kommentar mit Ueberzeugung. Was mir immer bei der ganzen Dikussion fehlt ist ein Gedenken an die Behinderten, unwertes Leben, an denen medizinisch geforscht wurde, an die Zigeuner und alle unliebsamen. bzw. kritischen Individuen, etc, die genauso gelitten haben, Ich glaube. dass auch diese Gruppen ein angemessenes Gedenken verdienen. In diesem Sinne Uta Hanff

    1. Liebe Frau Haniff! Das war eine konkrete Replik auf eine konkrete Diskussion. Dass nicht über Opfergruppe wie Roma und Sinti oder Menschen mit Behinderung gesprochen wird, stimmt allerdings so nicht. So wurden zum Beispiel in Salzburg – um bei den Stolpersteinen zu bleiben – Stolpersteine für ermordete Roma und Sinti verlegt. In der Gedenkstätte Hartheim (einer der größten T4-Mordanstalten) wird die Tötung von Menschen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen eindrucksvoll aufgearbeitet. Ebenso – nimmt man den gesamten deutschsprachigen Raum her – in Berlin in der Topographie des Terrors oder dem Haus der Wannsee Konferenz. Bitte nicht etwas behaupten, das so nicht korrekt ist.

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